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StartseiteKommentare und Themen der WocheIn das Lob mischen sich Fragen17.12.2019

"Päpstliches Geheimnis" gelockertIn das Lob mischen sich Fragen

Ab sofort fallen Sexualdelikte nicht mehr unter das "Päpstliche Geheimnis" - die Kirche kann nun mit Justizbehörden außerhalb des Vatikans zusammenarbeiten. Damit lässt Franziskus seinen Worten auf dem Missbrauchsgipfel im Februar endlich Taten folgen, meint Christiane Florin. Doch warum so spät?

Von Christiane Florin

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Papst Franziskus während des Angelus-Gebets auf dem Petersplatz. Er steht am offenen Fenster und hebt die rechte Hand. (imago/Evandro Inetti)
Für ein Buch mit dem Titel "Die päpstliche Transparenz" reicht es noch nicht, meint Christiane Florin (imago/Evandro Inetti)
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"Päpstliches Geheimnis abgeschafft", titelten die Nachrichtenagenturen heute Nachmittag. Den meisten im Publikum dürfte bis dahin unbekannt gewesen sein, dass es ein solches Geheimnis offiziell gibt. Man vermutet so etwas eher in einer Netflix-Serie inspiriert von Dan Brown als im Kirchenrecht. Aber das päpstliche Psst existiert wirklich, die neueste Version stammt aus dem Jahre 1974 und verpflichtet Eingeweihte zum Beispiel dazu, die Namen von neuen Bischöfen und Kardinälen nicht zu verraten. Auch Verstöße gegen Sitte und Sakrament fallen unter das Diskretionsgebot. Wer etwas mit diesem Geheimhaltungsstatus ausplaudert oder Akten weitergibt, muss mit Höllenqualen rechnen – und vorher mit vatikanischen Strafen.

Betroffenenverbände forderten Geheimnis-Stopp schon lange

Papst Franziskus hat nun mit sofortiger Wirkung einen Bereich vom päpstlichen Geheimnis ausgenommen: Sexualdelikte. Gemeint sind sexualisierte Gewalt von Klerikern gegenüber Minderjährigen und Schutzbefohlenen, der Besitz von Kinderpornografie sowie die Vertuschung von Missbrauchstaten durch Bischöfe und Generalobere von Orden. Betroffenenverbände haben das Ende der Geheimniskrämerei schon lange gefordert. Unter anderem auch deswegen, weil es Opfern bisher nicht möglich war, eine Anzeige in eigener Sache weiterzuverfolgen. Auch sie mussten schweigen.

Einblick in Geheimakten für staatliche Gerichte

Die neue vatikanische Anweisung schafft ein Geheimnis ab, das die Institution schützte, aber nicht die Schutzbefohlenen. Das bedeutet allerdings nicht, dass fortan streng geheime Akten öffentlich zugänglich werden oder dass Journalistinnen und Journalisten Einsicht bekommen. Aber staatliche Gerichte erhalten Möglichkeiten, die ihnen bisher fehlten. Seit 2001 sind alle Bistümer verpflichtet, Missbrauchsverdacht an den Vatikan, genauer gesagt an die Glaubenskongregation, zu melden. Akten, die den Stempel päpstliches Geheimnis trugen, verschwanden gen Rom und durften von Bischöfen nicht an staatliche Strafverfolgungsbehörden ausgehändigt werden. Das soll sich jetzt ändern. Möglicherweise können auch Akten aus kirchlichen Verfahren in Opferentschädigungsprozessen genutzt werden. Und, passend zur aktuellen Debatte um die Reduktion klerikaler Macht: Laien, also Menschen ohne Weihe, können als Anwälte in kirchlichen Verfahren auftreten. Bisher war das nur Priestern erlaubt.

Noch lange keine "päpstliche Transparenz"

Beim Anti-Missbrauchsgipfel im Februar dieses Jahres erklärte Franziskus die sexualisierte Gewalt in seiner Kirche mit der - Zitat: "Hand des Teufels". Das hörte sich nach einem peinlichen Dan-Brown-Imitat an, nicht nach einer Aufklärungsschrift. Jetzt reicht der Vatikan etwas Handfestes und Überfälliges nach. In das Lob mischen aber sich sofort entsetzte Fragen: Warum so spät? Und: Wem wird dieses Kirchenrecht gerecht? Für ein Buch mit dem Titel "Die päpstliche Transparenz" reicht es noch lange nicht.

Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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