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StartseiteEine WeltRegierung im Terror-Dilemma 14.06.2014

PakistanRegierung im Terror-Dilemma

In der zurückliegenden Woche haben Taliban den Flughafen im pakistanischen Karatschi angegriffen und 37 Menschen getötet. Lange Jahre hatte Pakistan die Taliban unterstützt, um Einfluss in Afghanistan zu gewinnen. Heute stellen die Extremisten eine existenzielle Gefahr für den pakistanischen Staat dar.

Von Sebastian Hesse

Hinter vier Flugzeugen ist ein qualmendes Gebäude zu sehen. (picture alliance / dpa / Rehan Khan)
Rauch über dem Flughafen in der pakistanischen Stadt Karatschi. (picture alliance / dpa / Rehan Khan)
Weiterführende Information

Erneuter Angriff auf Flughafen Karachi (Deutschlandfunk, Aktuell, 10.06.2014)

Taliban bekennen sich zu Anschlag (Deutschlandfunk, Aktuell, 09.06.2014)

ISIS im Nordirak, so sagen Experten, ähnelt den Taliban in Afghanistan. Die waren 1994 in einem von Krieg und Bürgerkrieg und Warlords zerrütteten Land aufgetaucht und wollten als gottesfürchtige Krieger den Koran durchsetzen und einen Gottesstaat errichten. Sie ließen Osama bin Laden ins Land und entwickelten sich immer mehr zu einer reinen Terror-Gruppe.

Heute halten die Taliban Afghanistan mit Anschlägen in Atem. Ebenso wie das Nachbarland Pakistan. Das hatte die afghanischen Taliban lange Jahre unterstützt und als Instrument gesehen, um Einfluss in Afghanistan zu gewinnen.

Heute stellen Taliban eine existenzielle Gefahr für den pakistanischen Staat dar. Am Dienstag hatten sie den Flughafen in Karatschi regelrecht angegriffen. 37 Menschen starben.

"Lang lebe die pakistanische Armee!", skandiert eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen bei einer Mahnwache in Karatschi. Sie zünden Kerzen an für die Opfer des verheerenden Anschlages auf den Jinnah International Airport.

"Das war nicht nur ein Angriff auf unseren Flughafen", sagt Salman Nawab von der Jugendgruppe 'Pasban', "das war ein Angriff auf unsere nationale Sicherheit, auf unser Land!" Auch wenn es den Terroristen nicht geglückt ist, ein Passagierflugzeug zu kapern: Ihr Hauptziel haben sie erreicht: Pakistan in Angst und Schrecken zu versetzen.

Bevölkerung fordert hartes Durchgreifen der Armee

Es sieht so aus, als hätten die Taliban das ganze Land übernommen", befürchtet Mohammad Gulfam, der in Karatschi einen Elektronik-Handel betreibt, "jetzt sollte die Armee zu einer Großoffensive ausrücken und das Land säubern, sodass wieder Frieden einkehrt!"

Fast 80 Prozent aller Pakistanis befürworten Umfragen zufolge, dass die Armee jetzt hart durchgreift. So mancher, wie hier der Imbissstand-Betreiber Mohammad Imran, wünscht sich gar eine Militärregierung.

"Ich glaube, unsere Regierung hat versagt! Die sind unfähig. Die Armee sollte übernehmen und alle unsere Probleme lösen!"

Wenn sich diese Stimmung hält, dann dürfte die Friedenspolitik von Ministerpräsident Nawaz Sharif endgültig gescheitert sein.

Unmittelbar nachdem Sharif im Mai letzten Jahres zum dritten Mal ins Amt gewählt wurde, hat er die Hand in Richtung der pakistanischen Taliban ausgestreckt. Und zögerliche Friedensgespräche in Gang gebracht.

"Wir widersetzen uns dem Terror mit allen Mitteln”, hatte Sharif damals vollmundig erklärt.

"Gleichzeitig bieten wir Gespräche an, um die Gewalt zu beenden. Missverstehen Sie das nicht als Zeichen der Schwäche!"

Der angestrebte Dialog erwies sich jedoch als schwierig: Die pakistanischen Taliban eint zwar das Ziel, die Regierung in Islamabad zu stürzen und auf pakistanischem Boden einen islamischen Gottesstaat mit der Scharia als einzig gültigem Recht zu errichten. Ansonsten zerfallen die Gotteskrieger in eine unüberschaubare Anzahl zersplitterter Fraktionen. Wobei die TTP, die sich zu den Anschlägen von Karatschi bekannt hat, eindeutig die größte ist.

Zwei TTP-Anführer waren vergangenes Jahr erst bei amerikanischen Drohnen-Angriffen ums Leben gekommen; weswegen Sharif die Obama-Regierung dazu gedrängt hatte, vorerst nicht mehr auf pakistanisches Territorium vorzudringen.

Washington respektierte die Bitte, um den Bemühungen, einen Keil zwischen gemäßigte, dialogbereite Taliban und die Hardliner zu treiben, eine Chance zu geben.

"Bewaffnete Drohnen im pakistanischen Grenzland einzusetzen, bedeutet eine anhaltende Verletzung unserer territorialen Integrität!"

Unmittelbar nach Amtsantritt hatte Sharif seine Generäle um sich geschart und sie um eine Bestandsaufnahme gebeten. Die fiel ernüchternd aus: 70 Prozent der Extremisten könne man auslöschen, so die Einschätzung der Militärs, die verbliebenen 30 Prozent würden dann aber mit voller Härte zurückschlagen. Seit dieser Woche sieht es so aus, als hätten die Taliban die Monate des Waffenstillstands genutzt, das Land in trügerischer Sicherheit zu wähnen: Sharif steht vor den Trümmern seiner Friedenspolitik. Und nicht nur das: Der Terror hat auch eine neue Qualität, wie der pakistanische Sicherheitsexperte Imtiaz Gul analysiert.

"Pakistan destabilisieren: Ihre Agenda ist es, den internationalen und wirtschaftlichen Interessen des Landes zu schaden!" Daher das Anschlagsziel des Flughafens von Karatschi, über den die meisten Geschäftsreisenden ins Land kommen."

"Die sind in der Lage, mithilfe von Schläferzellen im ganzen Land, auch in Städten wie Lahore und Karatschi, zuzuschlagen."

Sprich den Wirtschaftszentren.

Sharif in der Zwickmühle

Den Anschlag auf den Flughafen dürfte eine urbane Terrorzelle ausgeführt haben, die ihr Ziel monatelang ausgespäht hat. Bei der Bevölkerung sickert ein, dass die Gefahr nicht mehr von Mudschaheddin in irgendwelchen Berghöhlen ausgeht, sondern eine unsichtbare Bedrohung allüberall darstellt. Doch die Reflexe bleiben die alten: Die Sharif-Regierung hat diese Woche sofort wieder Taliban-Stellungen in Nord Waziristen bombardieren lassen. Und auch die Amerikaner haben wieder eine Drohne losgeschickt. Der Premier sitzt in der Zwickmühle: Was Sharif auch tut, ist falsch: Die weiche Tour wurde ausgenutzt. Und jetzt wird er vermutlich dem Druck der Bevölkerung nachgeben müssen und es auf die harte Tour versuchen - mit allen Konsequenzen.

"Die einzige Lösung besteht darin, unser Land mit aller Macht von unseren Feinden zu säubern",

meint der Student Qamar Uz-Zamann.  

"Man sollte der Armee einen Freibrief dafür geben, damit wir uns wieder sicher fühlen können!"

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