Montag, 17.12.2018
 
Seit 06:30 Uhr Nachrichten
StartseiteForschung aktuellLucy - das berühmteste Skelett der Welt22.11.2018

PaläoanthropologieLucy - das berühmteste Skelett der Welt

Vor 44 Jahren entdeckte der Forscher Don Johanson in Äthiopien die Knochen eines weiblichen Frühmenschen, genannt Lucy. Der Fund gab völlig neue Einblicke in die Frühzeit der Menschheit und beeinflusst die Wissenschaft bis heute.

Von Michael Stang

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine Rekonstruktion des Skeletts "Lucy" und Entdecker Donald Johanson im Frankfurter Senckenberg-Museum (picture alliance/Silas Stein/dpa)
Eine Rekonstruktion des Skeletts "Lucy" und Entdecker Donald Johanson im Frankfurter Senckenberg-Museum (picture alliance/Silas Stein/dpa)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Evolution der Menschen Harte Winter für kleine Neandertaler

Paläontologie Die Wiege der Wirbeltiere

"Die Leute fragen immer, wie Lucy mein Leben beeinflusst hat. Ich antworte dann, dass ich nie geglaubt hätte, dass eine tote Frau, die ich nie kennengelernt habe, mein ganzes Leben bestimmen wird."

1974 stieß Donald Johanson gleich bei seiner ersten Ausgrabung in Äthiopien auf frühmenschliche Fossilien. Der Fund machte den Paläoanthropologen weltberühmt. Die 3,2 Millionen Jahre alten Knochen, die alle zu einem Individuum gehörten, galten lange als die ältesten Frühmenschenfossilien überhaupt und gaben völlig neue Einblicke in die Frühzeit der Menschheit. Das Skelett, von dem 47 der 207 Knochen vorliegen, war nur gut einen Meter groß, erhielt den Spitznamen Lucy und wurde der zuvor neu beschriebenen Art Australopithecus afarensis zugerechnet.

"Innerhalb der Paläoanthropologie ist diese Art etwas Besonderes, weil wir hundert Funde kennen, die sich über einen Zeitraum von 800.000 Jahren erstrecken. Diese Spezies erlaubte uns erstmals Einblicke in die Evolution über Zeit und Raum hinweg."

Aufrechter Gang schon vor 3,6 Millionen Jahren

Zuvor gab es nur Einzelfunde, ab Mitte der 1970er-Jahre jedoch wurden die Ausgrabungen im Afar-Dreieck in Äthiopien intensiviert und immer mehr Funde kamen zutage. Und auch heute noch gibt es neue Entdeckungen. Die versteinerten Überreste hunderter Individuen der Lucy-Art zeigen erstmals einen permanenten aufrechten Gang schon vor 3,6 Millionen Jahren. Diese frühen Menschen waren fast in ganz Ostafrika unterwegs, hatten aber kaum ein größeres Gehirn als heutige Schimpansen.

"Sehr lange hat sich diese Art nicht verändert. Doch vor ungefähr vor 1,8 Millionen Jahren gab es eine gewaltige Klimaveränderung in Ostafrika. Dann verschwand die Lucy-Spezies und spaltete sich meiner Meinung nach in zwei Linien auf: einmal in unsere Gattung Homo und in andere Australopithecus-Formen, die sehr spezialisiert waren und vor 1,2 Millionen Jahren ausstarben."

In Äthiopien ist Lucy ein Star

Donald Johanson arbeitet trotz seiner mittlerweile 75 Jahre noch immer am Institute of Human Origins an der Arizona State University. Obwohl der Fund mehr als vier Jahrzehnte her ist, ist er für die Forschung weiter relevant. Er dient in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba etwa als Referenz für Neuentdeckungen. Zwar wurden mittlerweile wesentlich ältere Frühmenschenfossilien entdeckt, aber keine erlaubt einen so umfassenden Einblick in den Beginn der Menschwerdung wie Australopithecus afarensis.

Lucy-Entdecker und Paläoanthropologe Donald Johanson (li.) und sein Fachkollege Friedemann Schrenk (Deutschlandradio/Stang)Lucy-Entdecker und Paläoanthropologe Donald Johanson (li.) und sein Fachkollege Friedemann Schrenk beim Gespräch mit dem Dlf (Deutschlandradio/Stang)

Ihren Platz im Stammbaum der Menschheit hat die Spezies bis heute verteidigt. Und das ist in der Paläoanthropologie selten, da es gerade in den vergangenen Jahren viele neue Funde gab, die das Bild von der Evolution des Menschen verkompliziert haben. Lucys Erbe ist aber noch ein anderes: Der Fund von 1974 erlaubte der heutigen Menschheit eine persönliche Beziehung zur Humanevolution. In Äthiopien ist Lucy ein großer Star und gilt vielen als Urmutter der Nation.

"Die Menschen in Äthiopien wissen, dass es ein Fossil namens Lucy gibt, das als Vorfahre der heutigen Menschen gilt. Darauf sind sie stolz und feiern das. Es gibt ein Lucy-Restaurant am Nationalmuseum und die Frauenfußball-Nationalmannschaft heißt das ‚Lucy Team‘. Und, noch wichtiger, dieser Fund zeigt deutlich wie nie, dass die Wiege der Menschheit in Afrika gestanden hat."

Lucy ist zur Richtgröße geworden

Und was bleibt noch vom so genannten Jahrhundertfund und jener Frau, die Donald Johansons Leben seither bestimmt hat?

 "Lucy wurde zum Maßstab bei neuen Fossilienfunden. Wenn neue Knochen entdeckt werden, dann heißt es: ‚der Schädel ist älter als Lucy‘ oder ‚dieses Fossil ist vollständiger als Lucy‘. Das bedeutet, Lucy ist zu einer Richtgröße geworden, an der sich alle anderen Entdeckungen orientieren."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk