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StartseiteForschung aktuellNicht erst am Therapieende sinnvoll04.04.2014

PalliativmedizinNicht erst am Therapieende sinnvoll

Medizin. - Die Nachfrage nach palliativer Betreuung steigt: Fast jeder dritte Deutsche möchte einer aktuellen Umfrage zufolge die letzte Phase seines Lebens in einem Hospiz verbringen. Heilen kann und will die Palliativmedizin nicht - vielleicht aber Leben verlängern. Eine amerikanischen Studie hatte entsprechende Hinweise geliefert und damit eine Debatte angestoßen, wie Palliativmedizin die konventionelle Behandlung Schwerstkranker verbessern könnte.

Von Lydia Heller

Ein Patient auf der Intensivstation wird über Apparate versorgt. Schläuche und Messsonden sind mit Geräten und Überwachungstechnik verbunden. (picture alliance / dpa /  Jan-Peter Kasper)
Alternativen zur Apparatemedizin werden um jeden Preis gesucht. (picture alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)
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Am Sonntag, 6. April, 16:30 Uhr, sendet der Deutschlandfunk in der Sendung "Wissenschaft im Brennpunkt" das Feature Leben vor dem Tod.

"Ich heiße Hannelore Denk und bin hier, weil ich Krebs im Endstadium habe."

Als Hannelore Denk im Juli 2013 in das Hamburger Hospiz im Helenenstift zieht, ist sie schwer krebskrank – und hat 21 Chemotherapien hinter sich. 

"Ich sollte wieder mit einer neuen Chemo anfangen. Und dann hab ich gesagt: Ich will das nicht mehr: Schmerzen, Übelkeit, die Haare fallen aus, nee. Dann möchte ich die Zeit, die ich hab, in Ruhe verbringen."

Palliativmediziner wollen nicht heilen. Sie wollen die Lebensqualität unheilbar kranker Menschen erhöhen. Offen ist aber noch immer die Frage, ab welchem Krankheitsstadium palliativmedizinische Betreuung sinnvoll ist. 2010 lieferte eine Studie der amerikanischen Onkologin Jennifer Temel erstmals Hinweise darauf, dass der Krankheitsverlauf von Patienten mit Lungenkrebs positiv beeinflusst werden kann, wenn Palliativspezialisten schon früh in die Behandlung eingebunden werden, so Claudia Bausewein, Professorin für Palliativmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München

"Die Patienten haben innerhalb von drei Wochen nach Diagnosestellung monatlich den Palliativmediziner gesehen. Und diese Gruppe hatte nicht nur bessere Lebensqualität, weniger Depression – sie hatten zur Überraschung von vielen eine deutlich bessere Überlebenszeit."

Warum die palliativ betreuten Patienten im Durchschnitt zwei Monate länger lebten, ist umstritten. Ziel der Studie war nicht, eine längere Überlebenszeit zu zeigen – vielleicht war diese einfach ein Zufall. Stein Kaasa, Chef des Europäischen Forschungszentrums für Palliativmedizin am Universitätshospital Trondheim, plädiert dennoch dafür, die palliative Versorgung als unterstützenden Bestandteil von Krebstherapien zu etablieren. 

"Die Krebsmedizin entwickelt sich, Patienten werden mehr Behandlungen angeboten – und sie leben länger mit diesen Krankheiten, während sie weiter behandelt werden. Aber die Therapien haben ernste Nebenwirkungen, die Patienten leiden an Infektionen, Auszehrung, Ängsten. Solche Symptome können mit palliativmedizinischen Ansätzen gemildert werden. Wir sollten Palliativmedizin daher nicht länger als 'Betreuung am Lebensende' verstehen. Sondern als Konzept, mit dem man Patienten vielleicht ein bis zwei Jahre begleitet."

Zusammen mit Molekularbiologen des Krebsforschungszentrums in Mailand bereitet Kaasa derzeit eine Studie vor, die herausfinden soll, warum einige Krebspatienten während der Chemotherapie eine krankhafte Auszehrung und Muskelschwund entwickeln – und wie Palliativmediziner dem entgegenwirken können.

"Wir glauben, dass eine Kombination aus Sport und spezieller Ernährung Muskelschwund verhindern kann. Dass das wiederum die Funktionsfähigkeit des Körpers stärkt und dazu führen kann, dass Patienten die Chemotherapie besser vertragen. Und dass sie dann länger mit dieser Behandlung leben – und letztlich länger überleben."

Auch bei Nicht-Tumorpatienten gibt es Hinweise auf einen positiven Einfluss begleitender Palliativbetreuung. Irene Higginson, Direktorin des Cicely-Saunders-Institute am King’s College in London, hat Menschen mit Multipler Sklerose untersucht, die in einem frühen Krankheitsstadium regelmäßig Zugang zu ambulanter Palliativversorgung hatten. Zwar schließt auch Irene Higginson nicht aus, dass für die längere Überlebenszeit noch andere Gründe als die palliative Betreuung in Betracht kommen. Aber:

"Die Sichtweise, wonach palliativmedizinische Versorgung bedeutet, die Bemühungen um Heilung eines Patienten aufzugeben, halte ich für völlig falsch. Ein Patient sollte sich nicht entscheiden müssen, ob er lieber mit der Aussicht auf Heilung behandelt werden will – oder ob stattdessen seine Symptome gelindert werden sollen. Wir sollten die Palliativversorgung in die Standardmedizin integrieren."

 

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