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StartseiteKultur heute"Wir müssen das Schlimmste befürchten"24.08.2015

Palmyra-Zerstörung"Wir müssen das Schlimmste befürchten"

Berichten zufolge ist in der syrischen Stadt Palmyra der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Baalschamin-Tempel von IS-Truppen zerstört worden. Wie groß der Schaden ist, sei aber unklar, sagte Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin, im DLF. Die Informationen flössen sehr spärlich. Man müsse aber das Schlimmste befürchten.

Markus Hilgert im Gespräch mit Dina Netz

Der zerstörte syrische Baalschamin-Tempel in der Oasenstadt Palmyra. (AFP / Joseph Eid)
Der zerstörte syrische Baalschamin-Tempel in der Oasenstadt Palmyra. (AFP / Joseph Eid)
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Dina Netz: Palmyra wird auch die "Perle der Wüste" genannt, liegt etwa 200 Kilometer nordöstlich von Damaskus und stand bis vor einigen Jahren fest im Reisekalender von Kulturtouristen. Palmyra, das sind eine Prachtstraße, mehrere Tempel, Thermen, eine Agora, ein Theater, die knapp 2.000 Jahre alt sind, anerkannt als UNESCO-Weltkulturerbe. Einer der wichtigsten Tempel, der Baalschamin-Tempel, ist offenbar gestern von Islamisten zerstört worden.

Diese Nachricht haben Kulturhistoriker gefürchtet, seitdem der sogenannte "Islamische Staat" Palmyra im Mai eingenommen hatte. Die UNESCO hat die Sprengung des Tempels heute als Kriegsverbrechen eingestuft.

Ich habe Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin, gefragt: Die Quellenlage ist ein bisschen unklar. Manche behaupten, der Tempel sei schon vor einem Monat zerstört worden. Was wissen Sie darüber?

Markus Hilgert: Tatsächlich ist es so, dass wir ganz wenig sicher wissen. Es deutet alles darauf hin - und das sind auch meine Informationen aus Syrien -, dass die Zerstörung tatsächlich erst gestern stattgefunden hat.

Genau kann man das im Moment nicht beurteilen, schon gar nicht aus Europa. Es ist kennzeichnend für die Situation in Syrien, dass die Informationen aus Palmyra seit der Einnahme der Stadt Ende Mai sehr spärlich fließen und meistens über zweite oder dritte Hand weitergegeben werden.

Netz: Es ist nicht nur vom Baalschamin-Tempel die Rede, sondern eventuell noch von einem benachbarten. Im Theater sollen Hinrichtungen vollzogen werden. Was wissen Sie denn über das Ausmaß der Zerstörungen?

Hilgert: Wir sind ja bislang davon ausgegangen, dass die Ruinenstätte weitestgehend geschützt ist. Es gab ja im Mai, wie Sie wissen, die Ankündigung einer IS-Gruppierung, dass man die Tempel unbeschadet lassen wolle, dass man es nur auf die sogenannten Götzenbilder abgesehen habe.

Tatsächlich ist es so, dass wir im Moment außer über die Zerstörung am Balschamin-Tempel nichts wissen, aber natürlich das Schlimmste befürchten müssen, denn nach dieser langen Zäsur, nach etwa drei Monaten, in denen nichts geschehen ist, deutet sich jetzt offenbar an, dass aus welchen Gründen auch immer eine neue Phase angebrochen ist, die ja vermutlich eingeleitet wurde durch den schrecklichen Tod von al-Assad, dem ehemaligen Antikenchef von Palmyra in der vergangenen Woche.

Netz: ... , der ermordet wurde von Islamisten. - Lassen Sie uns noch mal zu dem Balschamin-Tempel kommen. Der wurde im zweiten Jahrhundert nach Christus von den Phöniziern erbaut. Was verliert denn jetzt Palmyra, was verliert die Welt damit?

Hilgert: Na ja. Der Balschamin-Tempel ist ja eines der am besten erhaltenen Architekturzeugnisse in Palmyra selbst, neben dem großen Baaltempel, ein Gebäude aus dem frühen zweiten Jahrhundert nach Christus, zumindest in der Form, in der es bislang gesehen werden konnte, und Palmyra ist ja insgesamt eine Stadt, die für kulturelle Diversität steht, die für die Verschmelzung verschiedener kultureller Einflüsse steht, und der Balschamin-Tempel exemplifiziert das auf ganz eindrucksvolle Weise, denn die Gottheit trägt ja den gemein-semitischen Namen "Herr des Himmels" und das ist eine religiöse Tradition, die wir zurückverfolgen können bis in den alten Orient, bis in das zweite Jahrtausend vor Christus, die dann verbunden wird mit anderen religiösen Einflüssen, zum Beispiel den phönizischen, die in dieser Gottheit den Wetter- und Sturmgott verehren, bis hin zum zweiten Jahrhundert vor Christus, wo Hadrian im Jahr 130, 131 nach Christus diesen Tempel renovieren lässt und damit ja auch andeutet, dass die Gottheit integriert ist in ein synkretistisches römisches Pantheon, was sich darum bemüht, unterschiedliche polytheistische Einflüsse miteinander zu verbinden.

Netz: Herr Hilgert, Sie haben es schon angedeutet: Es geht in Palmyra eben nicht nur um einzelne Tempelanlagen. Nicht umsonst hat die UNESCO das gesamte Ruinen-Ensemble ins Weltkulturerbe aufgenommen. Palmyra war ein wichtiger Handelsknotenpunkt, Treffpunkt der Kulturen. Was erzählt oder erzählte, muss man jetzt sagen, Palmyra über die Geschichte des Vorderen Orients?

Hilgert: Palmyra ist ja, wie Sie zurecht sagen, eine Karawanen-Oasenstadt gewesen, die China, Persien mit dem östlichen Mittelmeer-Raum insgesamt verbunden hat, und die Geschichte Palmyras ist über einen sehr langen Zeitraum hinweg zu verfolgen, vom frühen zweiten Jahrtausend bis ins frühe 20. Jahrhundert, wenn Sie so wollen.
Und die Geschichte Palmyras ist für mich persönlich immer eine Geschichte der Multikulturalität und der großartigen kulturellen Leistung gewesen, ganz unterschiedlicher Einflüsse miteinander verschmelzen zu lassen.

Die Inschriften in Palmyra sind in griechischer und in palmyrenischer Sprache abgefasst. Das Palmyrenische hat eine eigene Form von Alphabet entwickelt. Das heißt, es gibt immer den Versuch, unterschiedliche kulturelle Traditionen miteinander zu verbinden, zum Ausgleich zu bringen. Das sieht man auch in der bildenden Kunst, das sieht man an den Bauwerken. Am Baaltempel finden wir einen Fries, der Zitate aus einem altorientalischen Epos bildlich darstellt. All das steht für ein Verständnis von Kultur, das ein pluralistisches Verständnis von Kultur ist, und insofern ist das, was da gerade verloren geht, natürlich ein Dorn im Auge derjenigen, die von Pluralität und von Diversität nichts halten.

"Es muss etwas gegen den illegalen Handel mit antiken Kulturgütern getan werden"

Netz: Im Schlepptau der Islamisten sind bisher immer auch Raubgräber gewesen, möglicherweise sogar die Islamisten selbst, die die Gelegenheit zum Plündern ergriffen haben. Was ist denn in Palmyra noch zu holen, was attraktiv sein könnte für den illegalen Antikenmarkt?

Hilgert: Sie werden vielleicht verstehen, dass ich ganz ungern über das spreche, was da noch zu holen ist. Aber tatsächlich ist es natürlich so - und das wissen wir ja auch -, dass der IS versucht, sich mit dem Verkauf illegal ausgegrabener und geplünderter Antiken, die meistens mittelgroß sind, auch kleineren Ausmaßes sind, zu finanzieren.

Das geht natürlich nur deswegen, weil es einen funktionierenden Markt gibt außerhalb des Vorderen Orients, etwa in Europa, aber möglicherweise auch in Nordamerika und in anderen Staaten.

Deswegen ist es so wichtig, dass nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa insgesamt etwas gegen den illegalen Handel mit antiken Kulturgütern getan wird, und die Novellierung des Kulturgut-Schutzgesetzes in Deutschland, die wir in den letzten Wochen auch immer wieder diskutiert haben, ist ja hier genau der richtige Schritt in die richtige Richtung.

"Wir müssen damit rechnen, mehr Bilder der Zerstörung zu sehen"

Netz: Herr Hilgert, Sie haben vorhin schon angedeutet, dass möglicherweise eine neue Welle der Zerstörungen auf uns zukommt. Nimrod, Mossul, jetzt Palmyra, das sind natürlich alles immer Momente, die dem Islamischen Staat, dem sogenannten, immer viel Aufmerksamkeit bescheren. Worauf müssen wir alles noch gefasst sein?

Hilgert: Ich glaube, dass wir damit rechnen müssen, dass wir mehr Bilder der Zerstörung sehen werden, auch propagandistisch inszenierte Bilder der Zerstörung. Ich glaube auch, dass wir darauf gefasst sein müssen, dass das, was jetzt vor den Toren, an den Grenzen Europas geschieht, auch irgendwann einmal in Europa selbst geschehen kann. Insofern glaube ich, ohne dass das jetzt alarmistisch oder panikmachend sein soll, dass wir sehr wachsam sein müssen, sehr aufmerksam sein müssen, was die kulturell bedeutsamen Orte in Europa angeht, denn Anhänger des IS haben klar damit gedroht, dass es nicht nur eine Begrenzung auf die Länder des Vorderen Orients geben soll, sondern dass hier insgesamt all das zerstört werden soll, was der islamistischen Theologie nicht entspricht.

Netz: Einschätzungen von Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums der Staatlichen Museen Berlin.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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