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StartseiteKultur heutePamphlet gegen Aufklärung30.10.2007

Pamphlet gegen Aufklärung

Historiker kritisiert Martin Mosebachs Büchner-Preis-Rede

Mit scharfen Worten hat der Historiker Heinrich August Winkler die Dankesrede des Schriftstellers Martin Mosebach bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preises kritisiert. Für Mosebach seien Aufklärung und Französische Revolution ein Irrweg gewesen. Dieser Standpunkt sei reaktionär. "Ich würde von Geschichtsklitterung sprechen", sagte Winkler.

Moderation: Karin Fischer

Der Schriftsteller Martin Mosebach (Berlin Verlag)
Der Schriftsteller Martin Mosebach (Berlin Verlag)
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Karin Fischer: Danton, Robespierre, die Französische Revolution 1789 und ein kämpferischer Dichter Georg Büchner, der mehrere Jahrzehnte später die Revolution zu sich selbst nämlich zu Wort kommen lässt. In keinem anderen Abschnitt der Geschichte, so schreibt Martin Mosebach in seiner Büchner-Preis-Rede, war das Reden so identisch mit dem Handeln wie hier. Es war die Zeit auch der Eiferer und die Frage heute, die sich stellt, ist mal wieder die, welche Ziele jene Art religiösen Fanatismus rechtfertigen, der zum Beispiel einen Antoine de Saint-Just antrieben, jenen Revolutionär und Anhänger Robespierres, der mit diesem gestürzt und am nächsten Tag, dem 28. Juli 1794, mit ihm gemeinsam das Schafott bestieg. Von Saint-Just ist der Satz überliefert: "Nicht die Gefängnisse haben überfüllt zu sein, sondern die Friedhöfe." Und ihn zitierte Martin Mosebach in einer aufschlussreichen Passage seiner Rede, die der neue Büchner-Preisträger als zukunftsträchtige Doktrin des Massenmords bezeichnet. Hier ist sie:

Mosebach: ""Soll eine Idee nicht ebenso gut wie ein Gesetz der Physik vernichten dürfen, was sich ihr widersetzt? Der Weltgeist bedient sich in der geistigen Sphäre unserer Arme ebenso, wie er in der physischen Vulkane oder Wasserfluten gebraucht. Was liegt daran, wenn sie nun an einer Seuche oder an der Revolution sterben? Das Gelangen zu den einfachsten Grundsätzen hat Millionen das Leben gekostet, die auf dem Weg starben. Ist es nicht einfach, dass zu einer Zeit, wo der Gang der Geschichte rascher wird, auch mehr Menschen außer Atem geraten."
Zitat Ende. Wenn wir diesen Worten nun noch das Halbsätzchen hinzufügen, dies erkannt zu haben und dabei anständig geblieben zu sein, dann wären wir unversehens 150 Jahre später, und nicht mehr in Paris, sondern in Posen. "

Fischer: Das ist eine Linie von der Französischen Revolution, die ihre Kinder frisst bis zu Himmlers berüchtigter Rede vor den SS-Führern. Die Frage geht jetzt an den Historiker Heinrich August Winkler: Welches Geschichtsbild ist mit einer solchen Linie verbunden?

Heinrich August Winkler: Es ist kein neues Geschichtsbild. Es gibt eine Tradition des Denkens, die man auch schon bei dem israelischen Historiker Jacob Talmon findet in seinem Buch über die Ursprünge des totalitären Denkens. Da ist in gewisser Weise Jean-Jacques Rousseau der Urvater des linken wie des rechten Totalitarismus. Man kann solche Linien ziehen, man kann solche Ähnlichkeiten der Denkstruktur nachweisen, aber man darf einen gewaltigen Unterschied nicht aus dem Auge verlieren. Die Französische Revolution hat in der terroristischen Phase eine Perversion der Aufklärung erlebt, eine Perversion der Werte, in deren Namen sie angetreten ist. Aber noch 1798 konnte Kant die Revolution trotzdem, trotz all dieser terroristischen Perversionen verteidigen und sagen, dieses war ein Phänomen in der Menschengeschichte, das sich nicht mehr vergisst. Ich denke, dass bei dem nationalsozialistischen Judenmord der Kampf gegen die Aufklärung eine entscheidende Rolle spielt. Die biologische Vernichtung von Menschen um der bloßen Tatsache willen, dass sie einer anderen Rasse angehören, das ist etwas anderes als wechselseitige Grausamkeiten in einem Bürgerkrieg. Und die Französische Revolution war nicht der erste Bürgerkrieg der Geschichte. Also hier werden Dinge miteinander verglichen, die man eigentlich nur vergleichen kann, um dann die Unterschiede deutlich herauszuarbeiten und nicht nur die Gemeinsamkeiten.

Fischer: Tut Mosebach damit eigentlich Büchner Gewalt an, oder ist das nur für ihn ein interessanter Aspekt jeder Art von revolutionärer Utopie?

Winkler: Für ihn ist das Entscheidende, glaube ich, das Zitat "Es lebe der König" von Lucile Desmoulins, damals ausgesprochen als ein Ausdruck des äußersten Protestes. Und ich glaube, dahinter verbirgt sich die eigentliche Botschaft der Rede, die Aufklärung und die Französische Revolution markieren einen Irrweg. Die Zeit davor war die gute Zeit. Und dieser Standpunkt ist schlichtweg reaktionär. Ich würde von Geschichtsklitterung, denn das Ancien Régime, gegen das sich die Französische Revolution auflehnte, hat die Menschenrechte mit Füßen getreten. Und deswegen denke ich, ist dieses Geschichtsbild, wenn es denn der Rede zugrunde liegen sollte, etwas, mit dem man sich sehr kritisch auseinandersetzen muss.

Fischer: Revolution, Gewalt und dann der Umschlag in den Nihilismus ist also keine logische konsequente Reihe, sondern sehr, sehr konservative Geschichtspolitik?

Winkler: Das kann man, denke ich, ohne dem Autor Unrecht zu tun, behaupten.

Fischer: Vielen Dank! Heinrich August Winkler für die Bewertung der Rede von Martin Mosebach anlässlich der Büchner-Preis-Verleihung am Samstag.

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