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StartseiteMarkt und MedienSpaniens beliebteste Fernsehserie wird zur bitteren Satire28.05.2016

Panama PapersSpaniens beliebteste Fernsehserie wird zur bitteren Satire

Seit 17 Jahren gibt es "Cuéntame lo que pasó", die erfolgreichste spanische Fernsehserie. Doch nun gerät sie unter Druck, weil die beiden Hauptdarsteller in den Panama Papers auftauchen. Die spanischen Medien stürzen sich auf die bekannten Namen - und stellen sie unter den Generalverdacht, Steuern hinterzogen zu haben.

Von Hans-Günter Kellner

 Der Schriftzug «Panama» ist am 04.04.2016 am Briefkasten eines Wohnhauses in Kaufbeuren (Bayern) befestigt.  (dpa/picture-alliance/Karl-Josef Hildenbrand)
Die Panama Papers werden auch in Spanien heiß diskutiert. (dpa/picture-alliance/Karl-Josef Hildenbrand)

Die beliebteste Familie in der Geschichte des spanischen Fernsehen hat schon viel erlebt: Die Francodiktatur, Priester, die heiraten wollen, einen Staatsstreich. Und im letzten Kapitel will auch noch ein Steuerbetrüger bei den Alcántaras einheiraten.

Damit ist die Serie im Schlusskapitel der 17. Staffel unbeabsichtigt zur bitteren Satire geworden. Denn vor wenigen Wochen wurde bekannt: Auch die Namen der beiden Hauptdarsteller, Ana Duato und Imanol Arias, tauchen in den Panama Papers als Begünstigte einer Briefkastenfirma auf. Das berichten der spanische TV-Sender "La Sexta" und das Internetportal "El Confidencial". Jesús Escudero, Datenjournalist von "El Confidencial", betont:

"Wir sprechen an keiner Stelle von Unregelmäßigkeiten. Die Steuerdaten sind geheim, wir wissen nicht, ob die Einkünfte versteuert wurden. Wir können nur die Betroffenen fragen. Wir sprechen nur von Begünstigten eines Kunden der Fonseca-Kanzlei. Das trifft auf alle zu, ob sie nun etwas Illegales gemacht haben oder nicht."

Bekannt wurden im Rahmen der Panama Papers zahlreiche weitere berühmte Spanier als Fonseca-Kunden, darunter Filmregisseur Pedro Almodóvar, auch wenn er sein Konto schon vor mehr als 20 Jahren gekündigt hat. Dass die Medien so viele bekannte Spanier mit Briefkastenfirmen in Steueroasen namentlich benennen, unterscheidet den Umgang mit den Panama Papers in Spanien von dem in anderen Ländern. Aber auch Mar Cabra, Koordinatorin für Datenjournalismus beim Internationalen Konsortium Investigativer Journalisten, das die Papiere ausgewertet hat, sagt:

"Der Begriff öffentliches Interesse ist natürlich sehr interpretierbar. Ich denke, wir sollten uns fragen, ob diese Menschen nicht sowieso schon wegen aller möglichen Themen in den Nachrichten auftauchen. Das sind Menschen von öffentlichem Interesse und Informationen über sie sind relevant. Erst recht, wenn sie - wie ein Filmregisseur -Subventionen erhalten. Man könnte von einem doppelten öffentlichen Interesse sprechen."

Manche sehen eine Vorverurteilung

So sehen das wohl die meisten Spanier. Doch Juan Cruz, Kulturchef der spanischen Tageszeitung "El País", meldet jetzt Bedenken an. Er sieht sein Land auf einem gefährlichen Weg. Die Betroffenen würden vorverurteilt, die Medien veranstalteten Schauprozesse, die er mit der Verfolgung angeblicher Kommunisten in den 1950er-Jahren in den USA vergleicht:

"Das ist vergleichbar mit der MacCarthy-Ära. Da wirft man erst mal einen Stein ins Wasser und sieht dann, welche Wellen das schlägt. Manche der Betroffenen weisen die Anschuldigungen ganz offen zurück, aber ihnen wird nicht geglaubt. Als hätten sie kein Recht, sich zu äußern. Das hat nichts mit Journalismus zu tun, das sind Pamphlete, die sich in den Netzen in Windeseile verbreiten."

Denn die Botschaft, die auf der Straße ankommt, ist: Wer in den Panama Papers genannt wird, ist ein Steuerbetrüger. Die Details, etwa, wie das System überhaupt funktioniert, interessieren hingegen weniger. Auf der anderen Seite: Die bekannten Namen sorgen in Spanien für eine enorme Wucht in der Debatte um Steueroasen, sagen Veronica Sánchez vom TV-Sender "La Sexta" und Jesús Escudero von "El Confidencial":

Sánchez: "Hätten wir diese berühmten Namen nicht erwähnt, wäre die Nachricht: Die Polizei hat die Verantwortlichen einer großen Anwaltskanzlei verhaftet. Sie werden beschuldigt, zahlreiche Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen gegründet zu haben. Ob unsere Zuschauer das Thema dann genauso gut verstanden hätten?"

Escudero: "Die Namen verleihen dem Thema Relevanz. Es ist etwas ganz anderes, wenn wir Leo Messi im Zusammenhang mit den Panama Papers erwähnen als einen Spieler irgendeines Zweitligavereins."

Für die Fernsehserie Cuéntame cómo pasó haben die Panama Papers noch ein Nachspiel. Der Fernsehrat will bis Herbst darüber beraten, ob Television Española die beliebteste Serie in der Geschichte des spanischen Fernsehens ganz einstellen oder ohne die beiden Hauptdarsteller fortsetzen soll.

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