Montag, 26. September 2022

Schulen und Corona
Es braucht einheitliche Schutzmaßnahmen für alle Schulformen

Auch im dritten Jahr der Pandemie scheuen sich die Verantwortlichen in Schul- und Gesundheitspolitik, den Schulen klare Regeln für den Umgang mit Corona an die Hand zu geben, kommentiert Armin Himmelrath. So gehen diese wieder einmal ziemlich schlecht vorbereitet ins neue Schuljahr.

Ein Kommentar von Armin Himmelrath | 14.08.2022

Das neue Infektionsschutzgesetz sieht eine Option zum Maskentragen vor, allerdings nicht an Grundschulen
Das neue Infektionsschutzgesetz sieht eine Option zum Maskentragen vor, allerdings nicht an Grundschulen (picture alliance/ dpa / Marijan Murat)
In den Schulen gibt es in bestimmten Altersstufen ein Ritual. Man lässt seiner oder seinem Angebeteten einen Zettel zukommen mit der Frage: „Willst du mit mir gehen?“ Die Antwortmöglichkeiten gibt es zum Ankreuzen: ja, nein, vielleicht. Diese Annäherungsversuche sind geprägt von vorpubertärer Unsicherheit und Unreife.
Ähnlich unreif geht gerade die Politik mit den Schulen um. Auf alle Fragen im Hinblick auf den kommenden Herbst und den Umgang mit möglichen Coronainfektionen gibt es nur ein vages Paket möglicher Antworten, aber keine Klarheit. Sollen wir flächendeckend Masken in den Schulen als Instrument zur Pandemiebekämpfung einsetzen? Ja, nein, vielleicht. Eindeutig und transparent ist das nicht, im Gegenteil. Denn im mittlerweile sechsten Schulhalbjahr unter Coronabedingungen schaffen es die Verantwortlichen in Schul- und Gesundheitspolitik immer noch nicht, ein auf klaren Kriterien beruhendes Handlungsinstrumentarium für den Schulalltag zur Verfügung zu stellen.

Entscheidungen werden nach unten delegiert

Stattdessen werden die notwendigen Entscheidungen von der Bundesregierung nach unten wegdelegiert – zunächst zu den Landesregierungen, von da aber noch einmal weiter in die Schulen hinein. Und wieder sind es die Schulleitungen, die die ungeklärten gesellschaftlichen und politischen Grundsatzfragen im Spannungsfeld zwischen Gesundheitsvorsorge, Praktikabilität und Kindes- und Jugendwohl doch bitteschön an ihrer jeweiligen Schule lösen sollen. Maskenpflicht oder nicht? Regelmäßige Tests und wenn ja, wie oft? In der Schule oder zuhause? Und bei welcher Inzidenzzahl, bei welchem Kennwert treten die Maßnahmen möglicherweise in Kraft? Das alles soll doch bitte vor Ort geklärt werden, nicht aber grundsätzlich und schon gar nicht verbindlich für alle Schulen in Deutschland oder auch nur in einem Bundesland.

Option zum Maskentragen absurd

Völlig absurd wird es dann, wenn das neue Infektionsschutzgesetz eine Option zum Maskentragen zwar für die weiterführenden Schulen vorsieht, nicht aber für die Grundschulen. Als ob das Virus in einer vierten Klasse ganz anders reagiert als in einer siebten, als ob die Wirkung der Masken vom Alter abhinge. Ehrlich – wer hat sich so einen Blödsinn ausgedacht? Kein Wunder, dass sich besorgte Eltern von Grundschulkindern hier regelrecht verschaukelt vorkommen, um das mal halbwegs gesittet auszudrücken.
Da hilft es übrigens auch nichts, wenn sich Politikerinnen wie die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Bettina Stark-Watzinger, wiederholt und nachdrücklich mit der Aussage zitieren lassen, es dürfe keine weiteren Schulschließungen mehr geben. Dass sich die niemand wünscht, ist ja unbestritten. Dass sie massive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Kinder haben können, ebenfalls. Aber dass Schulschließungen politisch verhindert werden, zeigt, wie realitätsfremd manche Ministerien mittlerweile sind: Ein mögliches Instrument zur Pandemiebekämpfung wird hier ohne Not aus dem Werkzeugkasten genommen. Das könnte man auch als ziemliche Dummheit beschreiben angesichts einer Viruspandemie, deren Unberechenbarkeit immer wieder deutlich wird.

Keine Schulschließungen, aber trotzdem viel Unterrichtsausfall

Das vergangene Schulhalbjahr hat es ja bereits gezeigt: Offizielle Schulschließungen gab es zwar nicht mehr – und das wurde von der Bildungspolitik auch entsprechend hervorgehoben. Allerdings war das natürlich eine ziemlich große Mogelpackung, denn angesichts der zahlreichen Unterrichtsausfälle durch erkrankte Kinder oder Lehrkräfte in den Wochen vor den Sommerferien konnte von flächendeckendem Regelunterricht nicht mehr ernsthaft gesprochen werden.
Was wir brauchen, ist ein klarer, einheitlicher, möglichst umfangreicher Kriterien- und Maßnahmenkatalog, der für alle Schulformen gilt. Denn aber gibt es immer noch nicht. Und so gehen die Schulen wieder einmal ziemlich schlecht vorbereitet ins nächste Schuljahr. Für die Verantwortlichen in Bund und Ländern ist das ein Armutszeugnis – übrigens schon das dritte in Folge.