Krisenkommunikation in der PandemieÜber die Kunst, Menschen mitzunehmen

Die politische Kommunikation lasse in der Pandemie zu wünschen übrig, kommentiert Stefan Fries. Wo blieb und bleibt die gezielte direkte Ansprache? Warum bekamen die Menschen keinen Brief mit ihrem persönlichen Impftermin? Die Politik müsse ihre Routinen durchbrechen - ebenso wie die Medien.

Ein Kommentar von Stefan Fries | 29.12.2021

Ministerpräsidentenkonferenz
Déjà-vu? Eine Pressekonferenz wie die andere - hier nach den Beratungen von Bundeskanzler Olaf Scholz mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder (picture alliance/dpa/dpa-Pool)
Stellen Sie sich vor, es gibt eine massive Krise. Eine, die Sie stark beeinträchtigt, die Ihre Gesundheit bedroht, sogar Ihr Leben. Und Sie kriegen nichts davon mit. Nennen wir sie mal: Corona-Pandemie. Klingt das unglaubwürdig? Die Frage ist eher: Was genau bekommt man eigentlich mit - und aus welchen Quellen?
Zu Beginn der Pandemie haben Medien sofort in den Krisenmodus geschaltet - Politikerinnen und Politiker aber im Großen und Ganzen nicht. Sie behandelten die Krise kommunikativ wie jede andere, gaben Pressekonferenzen und Interviews, debattierten in Talkshows und im Bundestag. Das aber geht vorbei an einem großen Teil der Bürgerinnen und Bürger, die längst nicht mehr so zuverlässig wie früher mit üblicher Pressearbeit zu erreichen sind.

Die Fernen erreichen, Routine durchbrechen

Es wäre wichtig gewesen, die Routine immer wieder zu durchbrechen, sobald es nötig war - so wie die damalige Kanzlerin Angela Merkel das tat, wenn auch nur ein einziges Mal, als sie sich im März 2020 in einer Fernsehansprache an die Menschen wandte. Aber auch damit einen Großteil derjenigen verfehlte, die sie hätte erreichen müssen.

Emotionale, empathische Ansprache erforderlich

Wo blieb und bleibt die gezielte direkte Ansprache? Warum wurden nicht systematisch alle per Post angeschrieben oder per SMS, über den Ernst der Lage informiert, Maßnahmen erklärt, Ziele ausgegeben, zur Solidarität aufgerufen? Warum bekamen wir mit Beginn der Impfkampagne keinen Brief, in dem uns ein Impftermin zugeteilt wurde?
Nicht im Behördenstil, sondern mit empathischer Ansprache für 18- und 80-Jährige, in verschiedenen Sprachen, in einfachen Worten, für Menschen mit Verständnisproblemen, in Braille für Blinde. So hätte man auch jene erreichen können, die keine Medien konsumieren oder die falschen, die eine besondere Ansprache brauchen oder sich nicht leicht zurechtfinden.

Die politische Kommunikation ließ immer wieder zu wünschen übrig. Wenn sich Kanzlerin und Ministerpräsidenten auf Maßnahmen geeinigt hatten, hielten sich anschließend nicht alle daran. Die fatale Botschaft: Es kommt eigentlich nicht so drauf an. Nicht gut für Menschen, die Orientierung suchen.

Meist nur den politischen Streit abgebildet

Es waren und sind aber auch Medien, die die Krise verschärfen. Die in der zweiten und dritten Welle weniger berichtet haben, wie eine Studie neulich festgestellt hat. Die im Sommer kaum in die Zukunft schauten. Die wissenschaftliche Diskussionen abbilden wie politische - nicht als Suche nach neuen Erkenntnissen, sondern als Streit. Die Forschung diskreditieren. Die kleine Minderheiten medial größer machen als sie sind, und damit den falschen Eindruck einer 50-50-Spaltung der Gesellschaft erwecken.

Hunderte Sondersendungen, "aber mit Fokus aufs Politische"

Auch Medien müssen ihre Routinen verlassen. Zwar haben sie etwa im Fernsehen in hunderten Sondersendungen über aktuelle Entwicklungen berichtet, das aber vor allem wie immer: mit Fokus aufs Politische, auf den Streit. Seltener orientiert an den Fragen ihrer Nutzer, die wissen wollen, ob ihnen eine Impfung hilft und welche Risiken es gibt. Und Medien brauchen mehr Mut zur Wiederholung. „Haben wir doch alles schon berichtet“, heißt es in Redaktionen gerne. Kriegen aber halt nicht immer alle mit.