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StartseiteInterviewVirologe: Reiserückkehrer werden zu wenig auf Corona getestet27.07.2021

Pandemie und UrlaubVirologe: Reiserückkehrer werden zu wenig auf Corona getestet

Wenn auf verpflichtende Tests für alle Reiserückkehrer verzichtet werde, "riskieren wir das Einschleppen von Infektionen, für die wir erst einmal blind sind", sagte der Virologe Martin Stürmer im Dlf. Man dürfe nicht davon ausgehen, dass Menschen mit einer doppelten Impfung sich nicht doch noch einmal ansteckten.

Martin Stürmer im Gespräch mit Dirk Müller

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Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer in der Talkshow "Anne Will" (imago / Jürgen Heinrich)
Eine Corona-Infektion sei auch bei Geimpften und Genesenen nicht ausgeschlossen, betont der Virologe Martin Stürmer (imago / Jürgen Heinrich)
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Die Corona-Inzidenzen steigen wieder, in Deutschland moderat, in Nachbarländern wie den Niederlanden rasant. "Man muss vorsichtig sein", warnte der Virologe Martin Stürmer im Dlf angesichts der Lockerungen der vergangenen Wochen und Monate. Kritisch sieht er unter anderem die Aussetzung von Testpflichten für doppelt Geimpfte und Genesene. "Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass man, wenn man doppelt geimpft oder genesen ist, sich nicht doch noch mal anstecken kann."

Eine Mitarbeiterin eines Testcenters am Fähranleger nimmt einen Abstrich von einem Touristen. (picture alliance/dpa/Hauke-Christian Dittrich) (picture alliance/dpa/Hauke-Christian Dittrich)Debatte über Einschränkungen für Ungeimpfte
Geimpft, getestet oder genesen – eines dieser Merkmale reicht aktuell aus, um Kulturveranstaltungen besuchen zu können. Weil Impftermine in Deutschland inzwischen leicht zu bekommen sind, wird allerdings diskutiert, ob Tests noch reichen sollten.

Kommt ein Impfangebot für 12- bis 15-Jährige?

Es wird viel diskutiert, wie sich die Impfquote in der Bevölkerung steigern lässt. Forderungen, Impfungen für Kinder und Jugendliche ohne eine entsprechende Empfehlung der Ständigen Impfkommission zu forcieren, begegnet Stürmer zurückhaltend. Es gebe noch nicht ausreichend Daten, ob eine Impfung für diese Gruppen sicher genug sei. Bis diese vorlägen, konzentriere man sich sinnvollerweise auf andere Möglichkeiten – zum Beispiel auf mehr Motivation und niedrigschwellige Angebote bei Impfungen für Erwachsene.

Der Virologe und Leiter des privaten Diagnostiklabors IMD glaubt aber, dass ein Impfangebot auch für 12- bis 15-Jährige in Deutschland kommen wird. "Je mehr Erfahrung wir aus dem Ausland dazugewinnen, umso leichter wird es der STIKO wahrscheinlich fallen, eine Empfehlung anzupassen."


Das Interview in voller Länge:

Dirk Müller: Herr Stürmer, eine Inzidenz von 14,5 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einer Woche – wird diese Zahl unterschätzt?

Martin Stürmer: Es ist wahrscheinlich so, dass wir uns an die Inzidenz so gewöhnt haben, dass wir im Prinzip in den letzten Tagen uns ein bisschen davor erschrecken, dass sie wieder so gestiegen ist, nachdem wir doch diese schönen Zahlen hatten. Sie zeigt unser Infektionsgeschehen, was tatsächlich stattfindet, erst mal unabhängig von den Konsequenzen, was sie für das Gesundheitssystem bedeuten, und dementsprechend sehen wir, dass wir in der Dynamik wieder zulegen.

Müller: Ist das der entscheidende Faktor, 85 Prozent Steigerung? Das haben wir gestern von der Regierungssprecherin gehört. Innerhalb weniger Tage, innerhalb einer Woche? Wenn das wieder 100 Prozent werden, 120, 150 Prozent, sind wir ganz schnell wieder bei 100?

Stürmer: Ja, das ist genau das Problem. Wir dürfen uns nicht einlullen lassen, dass die Anstiege jetzt gerade moderat sind. Wir haben es letztes Jahr gesehen, dass zuerst mal eine ganz leichte Delle kam, bevor es zum Herbst wieder angestiegen ist. Aber der Anstieg ist schon deutlich früher als erwartet und sicherlich in der Dynamik durchaus auch noch mit viel Potenzial behaftet, dass das in relativ wenigen Tagen deutlich zunehmen kann. Man muss vorsichtig sein.

Müller: Weil es im Moment keine Corona-Politik fühlbar gibt?

Stürmer: Ja! Es ist im Augenblick ein bisschen das entspannte Hingucken, doch vielfach weiter lockern. Ich kann mich jetzt an die Situation in Hessen sehr gut erinnern, weil da habe ich Herrn Bouffier noch gelobt, dass der sagte, ja, wir warten mal ab, was unsere bisherigen Maßnahmen bewirken, und lese dann Tage später, dass plötzlich in der Innengastronomie das Testen abgeschafft wird. Das sind für mich auch kontraproduktive Maßnahmen, die dazu beitragen, dass es zu locker wird und sich das auch in vielen Köpfen der Menschen festsetzt.

"Bei weitem nicht genug Menschen geimpft"

Müller: Das heißt, wir sind schon längst in Deutschland zu weit gegangen mit Lockerungen?

Stürmer: Wir haben im Prinzip das gemacht, was man in England gemacht hat. Wir verlassen uns auch auf das Impfen. Wir haben eine ganze Menge geimpft, das ist auch richtig und sicherlich auch ein Aspekt, den man berücksichtigen muss. Aber wir haben noch bei weitem nicht genug Menschen geimpft und wir unterschätzen hier die Delta-Variante und die Ansteckungsgefahr, die durch diese Variante ausgeht mit allen Konsequenzen.

Müller: Wir unterschätzen die Delta-Variante, sagen Sie, weil wir immer noch nicht gesichert wissen, wie aggressiv und wie scharf das Ganze ausfallen kann?

Stürmer: Ja, da gibt es Untersuchungen zu, wenn man in Gegenden geht, wo die Delta-Variante sich primär unter Ungeimpften ausbreitet, dass dort doch sehr viele Krankenhaus-Einweisungen stattfinden und durchaus mit aggressiveren Verläufen zu rechnen ist. Das Ganze ist noch nicht in trockenen Tüchern. Man sollte es nicht unterschätzen und so tun, als ob das jetzt eine Variante ist, die sich ein bisschen besser vermehrt, und das war es schon. Vorsicht ist angebracht.

Müller: Jetzt sagen viele Experten, Herr Stürmer, auch viele Politiker, die Inzidenz, das ist nicht alles. Ich wiederhole die Zahl noch einmal. Wir haben ja "nur" die 14,5. Die Holländer sind weit über 300 in verschiedenen Regionen, in den Urlaubsregionen teilweise noch höher, direktes Nachbarland. Im Vergleich ist da ja noch Luft nach oben, was die deutsche Entwicklung jedenfalls anbetrifft. Aber kommen wir noch einmal darauf zurück. Die Experten, Politiker, viele sagen jetzt, die Inzidenz ist nicht alles, es geht auch um die Krankenhausbelegung, es geht um die Intensivstationen, um die Auslastung dort, es geht auch um die Todeszahlen. Inwieweit sind das jetzt die neuen Indikatoren, meine Frage an Sie, die unbedingt berücksichtigt werden sollten oder müssen?

Stürmer: Das hängt davon ab, welche Fragestellung wir haben. Wenn wir jetzt einfach und einzig und alleine uns vor Augen führen, wir wollen das Gesundheitssystem nicht mehr überlasten, dann ist die Inzidenz sicherlich nicht der optimale Parameter, weil wir ja wirklich durch das Impfen sehen, dass die Inzidenz, die Neuinfektionszahlen sich entkoppelt entwickeln von den Zahlen der Krankenhauseinweisungen, der intensivpflichtigen Patienten und der Todesfälle. Es ist schon so, dass die Impfung dafür sorgt, dass das Ziel, dass das eine Ziel, was wir erreichen wollten, die Belastung, Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden, dass uns das mit der Impfung gelingt.

Wenn wir aber uns zu sehr von der Inzidenz, von dem akuten Infektionsgeschehen lösen und eher nach hinten gehen, dann benachteiligen wir die Gruppe, die sich überhaupt nicht impfen lassen kann, nämlich unsere Kinder und Jugendlichen. Die setzen wir einem höheren Infektionsrisiko aus und das halte ich für sehr schwierig, vor allem im Kontext, weil wir noch gar nicht wissen, welche Langzeitnebenwirkungen wirklich auf uns warten nach einer überstandenen Infektion.

"Philosophie der STIKO, sehr vorsichtig zu argumentieren"

Müller: Sie sagen, die Kinder und Jugendlichen können nicht geimpft werden. Aber es ist ja möglich. Andere Länder machen das ja auch.

Stürmer: Ja gut. Für die unter 12-Jährigen haben wir definitiv keinen zugelassenen Impfstoff. Da ist es nicht möglich. Für die 12- bis 15-Jährigen, da sind wir ja immer noch in der Diskussion oder in der Findungsphase, inwieweit wir da für alle das Impfangebot empfehlen können. Ich denke, das wird über kurz oder lang kommen. Je mehr Erfahrungen wir aus dem Ausland dazugewinnen, umso leichter wird es der STIKO wahrscheinlich fallen, eine Empfehlung anzupassen. Aber gerade für die unter 12-Jährigen sehe ich da noch gar nichts, und wenn ich Äußerungen höre, auch wieder aus der Politik, wir haben jetzt im Juli/August Impfstoff für alle, dann kann ich nur sagen, für alle Wähler ja, aber nicht für alle Mitbürger in unserem Land.

Müller: Bleiben wir noch mal bei dem Punkt STIKO. Ist die Stiko ganz bewusst immer am Ende der Entscheidungskette. Sie braucht ja für viele Entscheidungen immer länger als andere europäische Institutionen, die sich damit beschäftigen.

Stürmer: Ja. Es ist sicherlich die Philosophie der STIKO, hier sehr vorsichtig zu argumentieren, weil letztendlich, wenn Sie sich im medizinischen Kreise umhören – und ich spreche auch mit vielen Ärzten, was Impfen angeht -, die sagen alle, wenn es die STIKO nicht empfiehlt, bin ich sehr, sehr zurückhaltend. Sie hat hier schon einen gehörigen Einfluss und auch einen Stellenwert, dem sie gerecht werden muss, und ich denke, die Sicherheit steht immer im Vordergrund. Wenn da die STIKO der Meinung ist, was ich teilen kann, dass wir noch nicht ausreichend Sicherheitsdaten für die Gruppe haben, dann, denke ich auch, sollten wir uns auf andere Dinge konzentrieren, andere Möglichkeiten nehmen, Menschen zum Impfen zu motivieren, niedrigeschwellige Angebote anbieten, und da gibt es sicherlich viele, viele Möglichkeiten, die Energie reinzustecken, als die Diskussion jetzt permanent über die Gruppen der Kinder bei den 12- bis 15-Jährigen zu führen.

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Müller: Die Europäische Gesundheitsagentur hat ja schon grünes Licht dafür gegeben, wenn wir bei dieser Gruppe bleiben. Die STIKO braucht jetzt wieder etwas länger, wie auch immer. Das ist jetzt zunächst einmal nur eine Feststellung. Für viele aber dann nicht nachvollziehbar, dass zwei oder drei Wochen später, vier Wochen später plötzlich dieses Datenproblem, dieses Erfahrungsproblem, was Sie gerade auch thematisiert haben, plötzlich dann doch gelöst ist und es gibt grünes Licht. Ist das nachvollziehbar?

Stürmer: Ja! Es ist natürlich immer so, dass auch die Wissenschaft ja nie stillsteht und der Erfahrungsschatz immer größer wird. Dadurch, dass viele Kinder und Jugendliche im Umland um uns herum – das Wort Umland ist nicht ganz korrekt -, aber im Ausland geimpft werden, können wir natürlich aus diesem Erfahrungsschatz profitieren, auch wenn wir selbst da etwas zurückhaltender sind. Gerade in den USA wird auch sehr, sehr viel geimpft und diese Erfahrung, die kann man sicherlich auch und sollte man auch übertragen. Aber das zeigt auch, dass nichts in Stein gemeißelt sein kann, gerade bei einer Pandemie, die ja doch mit einem Erreger, den wir seit anderthalb Jahren kennen, noch nicht so viel Erfahrung uns vermittelt hat. Da muss man meiner Meinung nach durchaus auch ein bisschen vorsichtiger sein und nicht immer gleich Ja und Hurra schreien.

"Meiner Meinung nach wird zu wenig kontrolliert"

Müller: Reden wir zum Schluss, Herr Stürmer, noch einmal über die Reiserückkehrer, die es naturgemäß mitten in den Sommerferien zu Zehntausenden, Hunderttausenden, ja zu Millionen gibt. Sind die Kontrollen zu lasch?

Stürmer: Erst mal gönne ich es jedem, der verreist, weil das ist, glaube ich, ganz wichtig. Es hängt an jedem, wie man sich im Urlaub verhält. Aber ich sehe es so, gerade wenn wir auf die Testpflicht für Geimpfte und Genesene komplett verzichten, auch aus Hoch-Risikogebieten, machen wir einen Fehler. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass man, wenn man doppelt geimpft oder genesen ist, sich nicht doch noch mal anstecken kann. Das wissen wir inzwischen sehr gut und das ist ganz klar, und wenn wir da gar nicht testen, riskieren wir das Einschleppen von Infektionen, für die wir erst mal blind sind. Dementsprechend wird meiner Meinung nach zu wenig kontrolliert.

Müller: Sich testen lassen oder sich testen sollen, ist der eine Punkt. Die Frage ist, ob man das auch macht. Die nordrhein-westfälischen Erfahrungen an der Grenze zu den Niederlanden zeigen, dass es de facto gar keine Kontrollen gibt.

Stürmer: Ja, das ist natürlich das Problem der Umsetzung. Da ist völlig klar, wir haben eine große Grenze. Gerade den Pkw-Verkehr oder Bus-Verkehr, Bahnverkehr wird man wahrscheinlich deutlich schwieriger kontrollieren können als den Flugverkehr. Dementsprechend haben wir auch gerade an unseren Grenzen zu Nachbarländern, wo sehr hohes Infektionsgeschehen stattfindet, Lücken. Da muss man sich wirklich überlegen, wie kann man die schließen. Das wird sicherlich sehr schwierig sein. Die Kapazität an Personal werden wir wahrscheinlich nicht haben. Aber man sollte trotzdem deswegen nicht gar nichts tun. Es ist schon wichtig, dass man die Testpflicht wieder einführt, weil man dadurch zumindest die Chance hat, überhaupt die Leute zu erkennen. Wenn ich gar nicht teste, habe ich die ja nicht mal.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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