Dienstag, 26.05.2020
 
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenAls die Pest die Welt im Würgegriff hielt08.05.2020

PandemienAls die Pest die Welt im Würgegriff hielt

Pandemien wie SARS-CoV-2 gab es immer wieder im Laufe der Menschheitsgeschichte. Zu den verheerendsten zählt die Pest, die im Spätmittelalter etwa ein Drittel der Bevölkerung Europas dahinraffte. Die Katastrophe hatte weitreichende Folgen für die weitere Entwicklung des Kontinentes.

Von Peter Leusch

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Pestkreuze am Ortseingang von Emmingen Liptingen in Baden-Württemberg (imago / Werner Otto)
Pestkreuze, wie hier am Ortsteingang von Emmingen-Liptingen, wurde zum Gedenken der Opfer der großen mittelalterlichen und neuzeitlichen Pest-Epidemien errichtet. (imago / Werner Otto)
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"Bei ihrem Beginn entstanden, gleicherweise bei Mann und Weib, an den Leisten oder unter den Achseln Geschwülste, die zum Teil die Größe eines gewöhnlichen Apfels, zum Teil die eines Eies erreichten und vom Volke Pestbeulen genannt wurden."

Boccaccio berichtet in seinem Werk Decamerone ausführlich über die Pest, die 1348 in seiner Heimatstadt Florenz wütet. Exakt beschreibt er Symptome und Verlauf der Krankheit.

"Dann begann sich das Bild der Krankheit in schwarze oder blauschwarze Flecken zu verändern, die bei vielen an den Armen und an den Lenden und an jedem anderen Körperteile auftraten. Und wie zuerst die Beulen ein sicheres Zeichen des kommenden Todes gewesen waren und noch waren, so waren es nun auch diese Flecken bei jedem, den sie befielen. Zur Heilung dieser Krankheit schien weder der Rat eines Arztes noch irgendeine Arznei etwas zu vermögen oder von Vorteil zu sein."

Folge globaler Handelsströme

Tatsächlich waren die Menschen der Seuche hilflos ausgeliefert: Man kannte weder Ursache, noch Wesen der Pest, und erst recht keine wirksame Therapie. Die Seuche hat zwischen 1347 und 1350 schätzungsweise 25 Millionen Menschen dahingerafft, etwa ein Drittel der Bevölkerung Europas. Mittlerweile hat die Forschung den Weg der Pest nach Europa rekonstruiert, so Professor Daniel Schäfer, Medizinhistoriker am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Köln.

"Man weiß, dass die Pest aus dem asiatischen Raum kam, höchstwahrscheinlich über die Seidenstraße, aus China oder anderen ostasiatischen Ländern, und dass sie vermutlich durch die Handelsbeziehungen zwischen Ost und West befördert worden ist. Die Freigabe der Seidenstraße im 14. Jahrhundert durch die Mongolenherrschaft ermöglichte es, mit dem Osten wieder Handel zu treiben."

Der wachsende transkontinentale Handel über die Seidenstraße und übers Mittelmeer brachte die Pest in die großen Hafen- und Handelsstädte: Messina auf Sizilien, Genua, später auch Venedig und Marseille. Von dort griff sie auf ganz Europa über, bis hinauf nach Norwegen und Island. Die Forschung hat auch den Erreger und die Infektionsweise aufgeklärt. Es handelte sich bei der damaligen Pest, wissenschaftlich Yersinia pestis, um eine bakterielle Infektionskrankheit. Übertragen wurde sie, so Daniel Schäfer, nach Ansicht der meisten Forscher durch den Rattenfloh, der irgendwann auf den Menschen übergewechselt sei.

"Die Beulenpest ist die primäre Form, die durch einen einfachen Biss des Flohs in irgendeine Peripherie des Körpers entsteht. Und dann wird über die Lymphwege der Erreger verbreitet zu den Lymphknoten. Und wenn die Lymphknoten anschwellen, dann werden sie zu Beulen unter den Achseln oder in der Schamregion."

Bei der sogenannten Beulenpest quälen den Erkrankten Fieberschübe und rasende Kopf- und Nervenschmerzen. Manche überleben das Martyrium der Beulenpest, bei anderen eskaliert die Erkrankung.

"Sekundär kann diese Beulenpest dann auf den ganzen Körper sich ausbreiten, kann zu einer Blutvergiftung, einer Sepsis führen. Und dann kann es zu einer Lungenpest kommen. Und wenn die Lungenpest akut ist und der Patient eine Weile noch mit dieser Lungenpest lebt, kann er tatsächlich durch Tröpfchen diese Pesterreger an andere Menschen direkt übertragen, in andere Lungen hinein. Und das ist dann die besonders gefährliche Form der Lungenpest, die dann sehr rasch zum Tode führt."

Ursachen waren unbekannt

Die Lungenpest rafft selbst Gesunde in ein bis zwei Tagen dahin. Boccaccio schreibt:

"Wie viele schöne Frauen, wie viele anmutige Jünglinge hatten am Morgen mit ihren Verwandten, Gesellen und Freunden gespeist, um am Abend desselben Tages in der anderen Welt mit ihren Ahnen zu tafeln."

Und die zeitgenössische Medizin konnte nicht helfen. Sie bewegte sich in vorwissenschaftlichen Bahnen, folgte in ihrem Krankheitsverständnis immer noch der antiken 4-Säfte Lehre: Gesundheit bedeute, dass Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, die vier Körpersäfte wohlgemischt seien. Die Pest nun entstehe durch ein Übermaß des feucht warmen Saftes, also des Bluts.

"Aufgrund der Vier-Säfte-Lehre hat man immer wieder auf den Aderlass zurückgegriffen. So verfuhr man allgemein bei Infektionskrankheiten - damals hießen sie hitzige Krankheiten, die man auf das Blut zurückgeführt hat, so dass man den Aderlass durchgeführt hat. Und das hat die Patienten eher noch schneller dem Tode zugeführt, als wenn man es gelassen hätte."

Kinder mit Gesichtsmasken  (imago / Xinhua ) (imago / Xinhua )Medizin-Historiker - "Jede Seuche ist ein großer Stresstest für eine Gesellschaft"
Seuchen hätten in der Gesellschaft immer tiefe Spuren hinterlassen, sagte der Medizin-Historiker Karl-Heinz Leven im Dlf. Soziale Bande seien zerbrochen, aber auch Zusammenhalt entstanden.

Neben dem Aderlass beim Kranken galt es, das feuchtwarme Element auch in der Umwelt zu bekämpfen. Man verstieg sich zu der Annahme, dass faulige Ausdünstungen überstehenden Gewässern, nach Erdbeben oder durch Südwinde herbeigetragen, so genannte Miasmen, die Atemluft buchstäblich verpesteten. Empfohlen wurde deshalb, die Luft im Krankenzimmer durch den Rauch von Holzfeuer zu reinigen und aromatische Substanzen zu verbrennen. Aber die Miasmen waren nur ein Gespenst, das man jagte. Im Grunde gab es unter all den skurrilen Mitteln und Maßnahmen, nur einzige Empfehlung, die wirksam war: schleunigst die Flucht zu ergreifen. Und was taten die Behörden in den von der Pest heimgesuchten Städten?

Suche nach dem Sündenbock

"Es gab erst mal immer wieder die Tendenz in ganz verschiedenen Städten und Orten, diese Seuche zu verharmlosen. Das ist der erste Reflex gewesen, weil man tatsächlich im Stadtrat, gerade in den Handelsstädten, auch immer den Druck gespürt hat, dass solche Gerüchte dem Handel schaden, eine Schließung der Stadttore sowieso. Deswegen versuchte man erst einmal das zu ignorieren, und auch ärztliche Gutachten herbeizuschaffen, die eben das Gegenteil bewiesen haben, also dass eben keine Pest vorliegt."

Erst bei einer zweiten Pestwelle entwickelte man 1377 in Ragusa, dem heutigen Dubrovnik, eine erste wirksame Maßnahme gegen die Seuche: die Quarantäne. Vom Wort "quaranta", also vierzig Tage, in denen die Infizierten auf einer Insel streng isoliert wurden. 
 
Die Gesellschaft des Mittelalters deutete die Seuche als Strafe Gottes. Man veranstaltete Bittgottesdienste und Massenprozessionen, die freilich selber zur Verbreitung der Pest beitrugen. Die kollektive Angst schlug aber auch in Gewalt gegen andere um. Es kam quer durch Mitteleuropa zu einer mörderischen Judenverfolgung. Die Juden wären an der Pest schuld, da sie die Brunnen vergiftet hätten. Doch hinter der Verschwörungstheorie und hinter dem davon erhitzten und enthemmten Pöbel war vielerorts auch eiskalte Berechnung am Werke, wenn es zu den Massakern an den Juden kam. Daniel Schäfer.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Die Gesellschaft in jeder Hinsicht zersetzt und ruiniert

"Ein Phänomen, was zum Teil spontan entsteht, sicher aber auch gesteuert war, vielleicht sogar von der Obrigkeit oder von bestimmten sozialen Gruppen, dass sie den Pöbel instrumentalisiert haben, Das Ganze ist offensichtlich auch koordiniert gewesen zwischen den einzelnen Städten, man hat Informationen ausgetauscht, und vielleicht hat man sogar solche Pogrome regelrecht geplant. Denn in Straßburg schreibt der Chronist, dass die Ursache das Geld war. Also dass sehr viele reiche Menschen bei Juden verschuldet waren und wenn die Juden verbrannt wurden, ums Leben gekommen sind, dann waren diese Schulden hinfällig."

Die Pestwelle, so das Fazit der Forschung, hat die mittelalterliche Gesellschaft in jeder Hinsicht zersetzt und ruiniert, demografisch, wirtschaftlich, aber auch moralisch. Häuser und Höfe verwahrlosten, soziale Rücksichten und zwischenmenschliche Bindungen zerfielen, sogar zwischen Eheleuten und in der Familie. Über der Not und dem Elend stumpften die Menschen ab und verrohten. Die Pogrome allerdings, das zeigt die Auswertung aller Quellen, passierten in den Städten nicht während der Pest, sondern gingen ihrer Ankunft voraus. Aufschlussreich für die Gegenwart ist aber noch ein anderes Forschungsergebnis: Die Pestwelle hat in bestimmten Bereichen zu einer sozialen Distanzierung geführt, die nachhaltig war.

"Etwas, was tatsächlich aufhört, ist der im Hochmittelalter noch weit verbreitete Brauch des gemeinsamen Bades, also das Bad am Samstagabend, was eine uralte Tradition hat, öffentliche Badehäuser, die es damals in den Städten überall gab, die hören tatsächlich durch die Pest auf. Und die gibt es dann nicht mehr."

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