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StartseiteDlf-Magazin"Ich bin Ungarn dankbar"15.08.2019

Paneuropäisches Picknick vor 30 Jahren"Ich bin Ungarn dankbar"

Im August 1989 öffnete sich für kurze Zeit der Grenzzaun zwischen Ungarn und Österreich. Das "Paneuropäische Picknick" erlebte Werner Misch aus Halle mit. Er besitzt noch heute ein Stück des Zauns, der sich plötzlich Richtung Westen öffnete. Wenige Monate später fiel die Mauer zwischen Ost und West.

Von Christoph Richter

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Gyula Horn (rechts) und sein oesterreichischer Amtskollege durchtrennen am 27. Juni 1989 im ungarischen Sopron den Stacheldraht am gemeinsamen Grenzzaun. (picture alliance / dpa / BERNHARD J. HOLZNER)
Gyula Horn (rechts) und sein oesterreichischer Amtskollege durchtrennen am 27. Juni 1989 im ungarischen Sopron den Stacheldraht am gemeinsamen Grenzzaun. (picture alliance / dpa / BERNHARD J. HOLZNER)
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"Am Nachmittag sind mehrere hundert DDR-Bürger nach Ungarn geflüchtet. Als ein sonst geschlossenes Tor an der österreichisch-ungarischen Grenze geöffnet werden sollte, drängte eine Gruppe dagegen und drückte es auf."

So klang es am 19. August 1989 in den Nachrichten des Deutschlandfunks. Einer der damaligen Teilnehmer des sogenannten "Paneuropäischen Frühstücks" ist der heute 77-jährige Werner Misch aus Halle an der Saale. Er sagt: "Man kann es gar nicht beschreiben. Es gab Leute, die hatten Tränen in den Augen, andere haben gejubelt, sind sich in die Arme gefallen, haben geklatscht. Es war überwältigend; es war unfassbar."

1989, in den heißen Sommerferien hat Werner Misch zusammen mit seiner Frau Freunde in Ungarn besucht. Sie erzählten von dem sogenannten "Paneuropäischen Picknick" in der Nähe von Sopron an der ungarisch-österreichischen Grenze, von dem die DDR-Urlauber auch durch Flugblätter und Plakate erfahren hatten. Dazu eingeladen hatte das oppositionelle Ungarische Demokratische Forum und die Paneuropa-Union.

Es hieß, erinnert sich Werner Misch, dass der damalige ungarische Außenminister Gyula Horn und der CSU-Europaabgeordnete Otto von Habsburg - der Enkel des letzten österreichischen Kaisers - den Stacheldraht, den Grenzzaun zwischen Ost und West in einem symbolischen Akt durchschneiden sollten. Das wollte sich Werner Misch – mit seiner mittlerweile verstorbenen Frau – nicht entgehen lassen. Weshalb er kurzerhand von seinem Urlaubsort in das 150 Kilometer entfernte Sopron fuhr, um alles live mitzuerleben.

Werner Misch: "Gyula Horn hat eine Rede gehalten, und Otto von Habsburg war noch da und hunderte von Menschen. Dann schnitten sie symbolisch den Grenzzaun durch, und dann setze sich eine Menschenmasse in Bewegung und ging durch den Grenzzaun nach Österreich."

Ein Stück Zeitgeschichte

Bis heute bekommt Werner Misch eine Gänsehaut, wenn er an die Zeit von damals zurückdenkt. Man war ein Teil der Weltgeschichte, erzählt Werner Misch: "Ich konnte es nicht fassen, dass dort die Grenze aufgemacht wird. Das konnte ich einfach nicht fassen. Unvorstellbar, was Ungarn damals gemacht hat. Ich bin ihnen dankbar, dass sie durch diese Grenzöffnung, die Entwicklung ermöglicht hat, wie sie sich später gestaltet hat."

Ein Souvenir, das sich der damals 46-jährige Werner Misch mitnahm, war ein Stück des damaligen Grenzzauns. Werner Misch: "Das ist ein Zeitzeugnis, das gibt es nicht nochmal." Die Bilder von dem "Grenzhappening", wie etwa 700 DDR-Bürger in den Westen fliehen – die größte Fluchtbewegung seit dem Mauerbau 1961 – gingen um die Welt. Viele ließen ihr ganzes Hab und Gut zurück; viele hatten nicht mal eine Zahnbürste dabei. Noch Wochen später fand man die zurückgelassenen Trabis und Wartburgs der Flüchtlinge.

"Unser Slogan war: 'Bau ab und nimm mit'. Wir haben es ermöglicht, dass jeder mit einer Zange ein Stück Grenzzaun mitnehmen durfte" erzählte später László Nagy. Er war 1989 Mitglied des Demokratischen Forums in Ungarn und einer der Mit-Initiatoren des "Grenzpicknicks". Danach wurde die Grenze wieder geschlossen. Aber nur für kurze Zeit. Denn am 11. September 1989 öffnete Ungarn - für DDR-Bürger - seine Grenze nach Österreich. Für immer. Das Ostberliner Politbüro konnte nur noch hilflos zuschauen.

Ein Ereignis im Zeichen der Zeit

"1989 war die Situation einfach reif. Ich sag immer, dass der Ostblock 1989 eigentlich wie ein Luftballon war mit Überdruck, das hat nur ein Stich gebraucht."

Der Magdeburger David Begrich war damals 17 und Lehrling. Er machte eine Ausbildung für das Archivwesen. Noch gut kann er sich erinnern, wie viele seiner Freunde plötzlich weg waren, über Ungarn in den Westen geflohen sind: junge, gut ausgebildete Menschen, kaum einer war den SED-Genossen bisher als Regime-Gegner aufgefallen. Ganz im Gegenteil: Das "normale" Volk rannte davon. Er sagt: "Ich glaube, das hat einen Rutscheffekt ausgelöst, der darauf zulief: In dieser Gesellschaft wird sich nichts mehr ändern. Nichts wie weg. - Und so etwas zu haben, wie die letzte Tür: Raus aus diesem Ostblock."

Jubelnde DDR-Flüchtlinge mit ihren Reisepässen in Österreich. Etwa 600 DDR-Bürger nutzten ein paneuropäisches Picknick an der ungarisch-österreichischen Grenze, bei dem ein Grenztor symbolisch geöffnet wurde, zur Flucht in den Westen. (picture alliance/dpa/Votava)Etwa 600 DDR-Bürger nutzten ein paneuropäisches Picknick an der ungarisch-österreichischen Grenze, bei dem ein Grenztor symbolisch geöffnet wurde, zur Flucht in den Westen. Aufgenommen am 19. August 1989. (picture alliance/dpa/Votava)

Aus heutiger Sicht war das "Grenzpicknick" im ungarischen Sopron der letzte Sargnagel der DDR, ergänzt David Begrich noch. Heute ist er einer der renommiertesten Rechtsextremismus—Experten, ein ausgewiesener Kenner der ostdeutschen Seelenlage. Der Hallenser Werner Misch ist mit seiner Frau damals beim paneuropäischen Frühstück an der ungarisch-österreichischen Grenze am 19. August -  allerdings nur wenige Schritte nach Österreich gegangen. Aber nicht weiter. Er hatte gebrechliche Eltern, die er zu versorgen hatte. Deshalb blieb er letztlich im Osten, erzählt er. Wäre die Situation anders gewesen, er wäre sofort gegangen, schiebt er hinterher. Nein, ein Dissident oder Widerstandskämpfer sei er nicht gewesen, aber seine offenen Worte hatten ihm immer wieder Ärger beschert, erzählt er.

Er hätte genügend Gründe gehabt, die DDR zu verlassen: "Ich denke alleine der Umstand, dass man mich damals vom Studium geschmissen hat." Denn 1962 hat die Technische Hochschule Magdeburg Werner Misch wegen einer Lappalie exmatrikuliert. Weil er sich offen gegen die Wehrpflicht aussprach und eine Petition der FDJ-Gruppe nicht unterschrieben hatte. Später, nachdem er sich, wie es damals so schön hieß, in der sozialistischen Produktion bewährt hatte, durfte er dennoch noch studieren.

Heute – 30 Jahre nach dem paneuropäischen Frühstück - kann Werner Misch die Menschen nicht verstehen, die schimpfen, die pöbeln, die die Demokratie verteufeln. Ihnen gibt er auf den Weg, sich zu erinnern, wie es 1989 war: wie die DDR damals aussah und Werner Misch erinnert an die Errungenschaften der Friedlichen Revolution von 1989. Ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg war eben, so Werner Misch weiter, das "Grenzpicknick" in Sopron.

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