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StartseiteKalenderblattPanik in Deutschland24.11.2010

Panik in Deutschland

Vor zehn Jahren wird erstmals bei einer in Deutschland geborenen Kuh die Rinderkrankheit BSE festgestellt

Der "Rinderwahn" breitete sich aus. Heute vor zehn Jahren wurde auch in Deutschland der erste BSE-Fall entdeckt. Bis heute ist nicht recht klar, was BSE auslöste und was die Ursache für die Zunahme der neuen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit war.

Reiner Scholz

Im Jahr 2000 waren in England rund 200.000 Rinder an BSE erkrankt  (Stock.XCHNG / Mark Miller)
Im Jahr 2000 waren in England rund 200.000 Rinder an BSE erkrankt (Stock.XCHNG / Mark Miller)
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Wie eine Tierärztin nicht zur Heldin wurde

Am Morgen des 24. November 2000 bricht in Deutschland Panik aus. In Kiel tritt Ministerpräsidentin Heide Simonis vor die Presse:

"Wir haben zum ersten Mal in der Bundesrepublik Deutschland einen originären BSE-Fall zumindest als Verdacht zu verzeichnen."

BSE ist die Abkürzung von "Bovine spongiforme Enzephalopathie". Davon befallen wird vor allem das Gehirn von Rindern. Weil die Tiere wie betrunken durchs Gelände torkeln, spricht der Volksmund von "Rinderwahn". Der Verzehr eines an BSE erkrankten Tieres, so die damals vorherrschende Meinung, könne beim Menschen zu einer neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit führen, einer tödlichen Gehirndeformation. Entsprechend erschrocken reagierte Bauer Peter Lorenzen in Hörsten am Nordostseekanal, als er erfuhr, dass ausgerechnet ein Rind, das auf seinem Hof geboren wurde, BSE hat:

"Da muss ich also erst mal drei Mal schlucken und mich hinsetzen. Ich kann es mir nicht erklären, einfach. Wir machen keine Massentierhaltung, wir machen gar nichts. Im Sommer, die Tiere sind draußen, alles, wie sich das gehört."

In England - und nur dort - hatte sich BSE zu der Zeit längst zu einer nationalen Katastrophe entwickelt. Fast 200.000 Rinder waren bis dahin erkrankt. Zeitgleich war die Zahl der Creutzfeldt-Jakob-Opfer auf über 100 Personen angestiegen. Britische Experten sagten voraus, dass womöglich 10.000 Menschen an dieser Gehirnerkrankung sterben könnten. Der Rindfleischverzehr brach massiv ein. Millionen britischer Rinder, die meisten nicht infiziert, wurden vernichtet. Das 1996 von der EU-Kommission erlassene weltweite Exportverbot für britische Rinder fand auch in Deutschland viel Zustimmung:

"Ich finde, dass die ihr Fleisch selber essen sollten/ Ich finde ganz schlimm. Aber ich persönlich habe da wenig Probleme, weil ich Fleisch kaufe, von dem ich sicher bin, dass es hier in Schleswig-Holstein gezüchtet und geschlachtet wird."

Auch in Deutschland gab es damals vermutlich schon BSE, nur sollte es keiner wissen. Dafür liefen die Geschäfte der deutschen Rindermäster noch zu gut. Einzelne Tiere, die auffällig herumtorkelten, wurden unauffällig beseitigt. Eine Veterinärärztin aus Schleswig-Holstein, die 1994 Alarm schlug – und Jahre später für ihr Engagement ausgezeichnet werden sollte – wurde entlassen und verklagt

Doch nach dem BSE-Fund vom November 2000 überschlugen sich auch in Deutschland die Ereignisse. Immer neue Fälle wurden bekannt, die Politik erließ eilig Verordnungen, zwei Minister mussten gehen, Tausende Rinder wurden notgeschlachtet. Die Verfütterung von Tiermehl an Rinder, die ja Pflanzenfresser sind, wurde nun auch in Deutschland untersagt. In der Folgezeit gingen überall die Fälle von BSE und Creutzfeld-Jakob-Erkrankungen drastisch zurück. Gleichwohl lasse sich die Frage, wie es überhaupt zu BSE kam, bislang nicht seriös beantworten, sagt Sievert Lorenzen, Professor für Zoologie an der Uni Kiel:

"Es wurde damals gesagt, britisches Tiermehl sei die Ursache von der britischen BSE-Katastrophe. Und allgemein Tiermehl, was an Rinder verfüttert wurde. Diese Hypothese wurde nie wissenschaftlich einwandfrei begründet und hat sich nachträglich auch als zumindest halbfalsch herausgestellt. Dass die Tiermehlhypothese scheiterte, ergibt sich schon daraus, dass damals Tiermehl auch von Großbritannien exportiert wurde und woanders hat es eben kein BSE hervorgerufen, hätte es aber nach der Hypothese hervorrufen müssen."

Ebenso wenig lasse sich sagen, ob eine direkte Verbindung zwischen dem sogenannten "Rinderwahn" und der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit besteht. Im Norden von England habe es besonders wenig Fälle von BSE gegeben, wohl aber viele der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, gibt der Kieler Zoologe zu bedenken. Dennoch herrschte bei den Politikern und in der Öffentlichkeit eine unverantwortliche Hysterie:

"Es hat während der ganzen Zeit also keine Gefahr gegeben, dass jemand in Deutschland an der neuen Variante von Creutzfeld-Jakob erkrankt. Das war die Befürchtung, deswegen wurden ja diese Tests und die harten Maßnahmen durchgeführt. Es ist kein einziger Fall von der neuen Variante Creutzfeld-Jakob aufgetreten in Deutschland. In England sind welche aufgetreten, aber lange nicht zigtausend, wie einige britische Wissenschaftler meinten, auch in Großbritannien ist es also bei einer niedrigen dreistelligen Zahl geblieben."

Die Verfütterung von Tiermehl an Rinder ist weiter verboten. Im Jahr 2009 wurden in Deutschland bei über einer Million Tests nur zwei BSE-Fälle bekannt, gefunden bei Rindern, die sich schon vor über einem Jahrzehnt angesteckt hatten.

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