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StartseiteTag für TagGescheitert? Und wenn ja, warum? 16.06.2016

Panorthodoxes Konzil, Teil 3: Gescheitert? Und wenn ja, warum?

Die orthodoxen Kirchen mit rund 300 Millionen Angehörigen bilden die drittgrößte christliche Gemeinschaft der Welt. Deshalb ist das erste panorthodoxe Konzil auch ein Politikum. Führt es trotz aller Querelen doch noch zur Einheit - oder vertieft es die Spaltung der orthodoxen Kirchen?

Ulrich Pick im Gespräch mit Benedikt Schulz

Der Heilige Geist weht, wo er will - an das panorthodoxe Konzil gibt es ganz unterschiedliche Wünsche und Erwartungen. (Deutschlandradio / Andreas Main)
Wer wird Sieger, wer Verlierer beim panorthodoxen Konzil? (Deutschlandradio / Andreas Main)
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Ulrich Pick beschäftigt sich seit langem mit den orthodoxen Kirchen. Er war mehrere Jahre als ARD-Korrespondent in Istanbul.

Er erklärt im Gespräch:

  • Wie groß waren die Erwartungen an das Konzil?
  • Wie konnte es dazu kommen, dass immer mehr Kirchen ihre Teilnahme verweigern?
  • Ist das Konzil gescheitert?
  • Wer ist verantwortlich?
  • Wird das Konzil noch abgesagt - oder wird es in abgespeckter Form stattfinden?
  • Was tun angesichts des Scherbenhaufens? 

Die Ausgangslage:

Seit mehr als tausend Jahren gab es kein Konzil der orthodoxen Weltkirche. Seit rund 50 Jahren wurde ein solcher Gipfel geplant. Ab dem 19. Juni sollte das Treffen endlich auf Kreta stattfinden. Knapp eine Woche davor wird alles infrage gestellt. Unter anderen sagt die russisch-orthodoxe Kirche ihre Teilnahme ab. Schuld an der Krise sei das Patriarchat von Konstantinopel.

Nach der kurzfristigen Absage der russisch-orthodoxen Kirche für das Konzil auf der griechischen Insel Kreta streiten die Patriarchate von Moskau und Konstantinopel über die Konsequenzen. Moskau verlangt gemeinsam mit vier anderen Nationalkirchen eine Verschiebung. Das für die Organisation zuständige Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel lehnt dies bislang ab.

Die Kirchen von Russland, Georgien, Bulgarien, Serbien und Antiochien werten das Konzil vor allem als Gefahr statt als Chance für den orthodoxen Zusammenhalt. Die Absage aus Sofia am 1. Juni löste einen Dominoeffekt aus. Vier weitere Kirchen machten seither einen Rückzieher. Sie argumentieren, angesichts der immensen Meinungsverschiedenheiten löse die Synode nicht die Probleme, sondern drohe sie sogar zu vergrößern. Das Treffen könne zu einer Teilung der orthodoxen Kirche beitragen.

Zuvor waren die Erwartungen an das panorthodoxe Konzil groß. Zugleich war dieses Konzil innerhalb der orthodoxen Welt nie unumstritten. Es gibt in allen orthodoxen Kirchen konservative bis fundamentalistische Gruppen, die gegen das Konzil Stellung bezogen haben. Sie befürchten, dass sich die Orthodoxie an die moderne Welt verkauft. 

Wird man sich auf Kreta mit den aktuellen Fragen zur Ökumene auseinandersetzen? (Deutschlandradio / Andreas Main)Wird man sich auf Kreta mit den aktuellen Fragen zur Ökumene auseinandersetzen? (Deutschlandradio / Andreas Main)

Andere Beobachter bedauerten im Vorfeld, dass die orthodoxen Kirchen wenig Interesse zeigten, sich mit Fragen der Zeit auseinanderzusetzen. So, wie es die Katholiken beim Zweiten Vatikanischen Konzil taten. Egal, in welcher Form das Treffen nun auf Kreta stattfinden wird: Eine wichtige Frage wird so oder so noch zu beantworten sein. Es ist die nach der Botschaft des panorthodoxen Konzils. Hierzu wurde nämlich bislang noch keine Textvorlage verfasst. Das Konzil muss sie also erst noch erarbeiten. Dies dürfte kein leichter Prozess sein. Und noch eine Frage dürfte von Interesse sein: Wie wird das Kirchenvolk die Ergebnisse des ersten panorthodoxen Konzils aufnehmen? Wird der gegenseitige Austausch nur die Geistlichen bewegen, die nach Kreta kommen, oder wird er auch die Kirche an ihrer Basis verändern?

Wird der Austausch nur die rund 300 Geistlichen bewegen oder wird er auch die Kirche an ihrer Basis verändern? (Deutschlandradio / Andreas Main)Wird der Austausch nur die rund 300 Geistlichen bewegen oder wird er auch die Kirche an ihrer Basis verändern? (Deutschlandradio / Andreas Main)

Ob das Konzil noch als panorthodoxes Konzil oder als Schrumpfkonzil zu betrachten ist und was es so noch bringen wird, ist letztlich kaum vorherzusagen. Zu unterschiedlich sind und waren die Wünsche und die Erwartungen an die Kirchenversammlung. 

Benedikt Schulz: Gestern ist Bartholomaios I., der Ökumenische Patriarch des Patriarchats von Konstantinopel auf Kreta eingetroffen – und er hat damit in gewisser Weise symbolisch klar gemacht, dieses Konzil wird nicht abgesagt. Und doch, es würde derzeit vieles dafür sprechen. Denn nach der Absage mehrerer orthodoxer Kirchen kann man von einer all-orthodoxen Synode sowieso nicht mehr sprechen. Und für viele Beobachter ist das Konzil damit schon jetzt gescheitert. Besonders die Absage der russisch-orthodoxen Kirche, die mit Abstand die meisten orthodoxen Gläubigen weltweit vertritt, lässt den Sinn des Treffens ziemlich fraglich erscheinen. Es brodelt in der orthodoxen Welt, und das, wo es auf Kreta eigentlich um Einigung und Beilegung von Streitigkeiten gehen sollte. Und immer mehr schält sich auch heraus, dass der Streit um das Treffen auch ein machtpolitischer Konflikt ist, zwischen dem Patriarchat von Konstantinopel und dem von Moskau, zwischen Bartholomaios und Kyrill, dem Führer der russisch-orthodoxen Kirche. Der langjährige ARD-Korrespondent und Ostkirchen-Experte Ulrich Pick verfolgt schon die ganze Woche für uns die Entwicklungen um das anstehende Konzil. Herr Pick, ist das Konzil jetzt bereits gescheitert?

Ulrich Pick: Ja, es steht zu befürchten, Herr Schulz, dass es schon im Voraus gescheitert ist, wenn man sich anschaut, dass das Leitwort dieses Konzils heißt "Er berief alle zur Einheit". Diese Einheit ist nicht gewährleistet durch den Abtritt von fünf Kirchen. Und das ganze Konzil sollte ja das Miteinander stärken und die Probleme und Spannungen innerorthodox lösen. All das wird jetzt nicht stattfinden. Ich denke, man darf wirklich schon – mit Bedauern allerdings – sagen: Das Konzil ist im Vorhinein gescheitert.

Schulz: Warum haben einige orthodoxe Kirchen ihre Teilnahme eigentlich abgesagt – so kurz vor dem Treffen?

Pick: Das ist mit letzter Sicherheit gar nicht zu sagen, denn die Gründe sind sehr unterschiedlich. Also wichtig ist natürlich, dass Russland abgesagt hat. Russland – sagten Sie ja schon in Ihrer Anmoderation – ist das größte orthodoxe Land und will seinem Gewicht natürlich auch Nachdruck verleihen. Aus Russland hieß es zum einen, es müssten noch einige Tagesordnungspunkte geklärt werden. Zum anderen hieß es dann in der Begründung, man wollte Schaden begrenzen durch das Wegbleiben, man müsse doch zuerst alle Streitigkeiten mal ebnen, um dann die Voraussetzung zu schaffen, um wirklich ein panorthodoxes Konzil auszuführen. Aber genau da liegt für mich der Hase im Pfeffer. Ein Konzil ist doch genau der Ort, an dem wir streiten müssen und an dem gestritten werden muss und an dem diskutiert werden muss. Und da zeigt sich, dass möglicherweise hinter der russischen Position eine gewisse Angst ist, dass man vielleicht in der Minderheit ist – zumindest mit Blick auf die ganze Orthodoxie, denn jede der 14 Kirchen hat ja nur eine Stimme und somit auch Russland.

Schulz: Geht es wirklich um einen machtpolitischen Konflikt zwischen Moskau und Konstantinopel?

Pick: Ich habe den Eindruck schon. Wenn Sie sich angucken, was im Vorhinein gelaufen ist. Russland hat viel Druck ausgeübt, beispielsweise beim letzten Treffen in Chambésy Ende Januar. Der Abstimmungsmodus ist geändert worden, es ist nicht mehr ein Mehrheitsprinzip in der Abstimmung vorgesehen gewesen, sondern ein Konsensprinzip. Das heißt, es musste eine gewisse Einheit dastehen. Das war Russland geschuldet. Zweitens: der Ort, dass es ja auf Kreta stattfindet, ist ja auch einem Politikum geschuldet, in das Russland verwickelt war. Es ist ja so gewesen, dass Bartholomaios, der Ökumenische Patriarch ursprünglich das Konzil in Istanbul abhalten wollte, weil es sein Sitz ist und er ist ja sozusagen der Erste unter den gleichen Patriarchen. Und dann gab es ja diesen politischen Streit um das abgeschossene Militärflugzeug der Russen, woraufhin dann Präsident Putin nahe gelegt hat, nicht hinzugehen. Oder sagen wir mal so: Er hat Druck gemacht. Und die orthodoxe Kirche, die sich natürlich selbst ins Schlepptau des russischen Präsidenten begeben hat, hat so viel Druck gemacht, dass es nun auf Kreta stattfinden sollte. Gehört zwar noch mit zum Machtgebiet des Ökumenischen Patriarchen, aber da hat sich Russland wieder durchgesetzt. Also Russland versucht sehr deutlich seine Interessen zu lancieren. Und ich kann es nicht anders interpretieren, als dass das ein Machtkampf ist zwischen Russland und Konstantinopel.

Schulz: Und was heißt das jetzt? Wenn auf Kreta das Programm einfach durchgezogen wird, die vorbereiteten Dokumente durchgewunken werden, obwohl ja eigentlich gar nicht alle da sind, was wird das für Folgen haben für die orthodoxe Welt?

Pick: Dass man erstmal da nicht miteinander spricht. Also ich befürchte, das wird ein sehr byzantinisches Gehabe werden, dass man erst einmal auf Schweigen stellt auf beiden Seiten. Wobei Bartholomaios jemand ist, der natürlich gerne die Kommunikation sucht. Aber ich mutmaße mal, dass Russland sich erst einmal einigeln wird, dass es viele Monate, Jahre, vielleicht sogar noch länger dauern wird, bis man miteinander wieder spricht und an einem Faden zieht. Das ist ganz schwer vorherzusagen. Allerdings ich glaube nicht, dass irgendetwas, was auf Kreta beschlossen wird, die Russen annehmen oder umsetzen werden.

Schulz: Haben wir damit zwei orthodoxe Welten?

Pick: Das ist schwierig zu sagen, ich befürchte ja. Und wir hatten sie ja allerdings auch schon bisher. Wenn man genau hinschaut, gibt es ja – grob gesprochen: zwei Blöcke. Den slawischen Block mit Russland an der Spitze und den griechischen Block mit Bartholomaios und Konstantinopel an der Spitze. Und hier gab es schon immer unterschiedliche politische Vorgehensweisen. Sie sehen das an der Kommunikation mit Rom beispielsweise. Bartholomaios hat immer einen heißen Draht nach Rom gehalten. Er war bei der Amtseinführung von Papst Franziskus mit dabei. Die Russen haben sich immer geweigert. Und erst nach dem Treffen in Chambésy aller orthodoxen Patriarchen Ende Januar hat dann Kyrill als Patriarch von Moskau seine Synode mit Ach und Krach überzeugt, dass er sich treffen sollte mit Papst Franziskus auf Kuba. Da musste er viel Überzeugungsarbeit leisten und eigentlich wurde das verstanden als "Ja, wir schließen uns der gesamtorthodoxen Stimmung an". Aber das scheint eine Täuschung gewesen zu sein.

Schulz: Es gibt ja dieses Zitat des russischen Religionswissenschaftlers Roman Silantjew, der das Ganze kommentiert hat mit dem Satz, es sei sogar gut, dass sich das pro-amerikanische Patriarchat von Konstantinopel auf diese Weise selbst diskreditiert habe. Das ist natürlich ein sehr starkes Vokabular. Aber steckt hinter diesem Vorwurf 'pro-amerikanisch' auch nicht etwas dahinter, wenn man mal auf die orthodoxe Diaspora blickt?

Pick: Ja, ich glaube, da muss man ganz genau hingucken. Zum einen muss man natürlich festhalten, dass die griechisch-orthodoxe Erzdiözese von Amerika, die dem Patriarchat von Konstantinopel unterstellt ist, sehr, sehr gute Kontakte hat ins Weiße Haus. Sie ist finanziell auch sehr, sehr gut aufgestellt, hat sehr intellektuelle Köpfe. Das muss man alles festhalten. Das sind gute Verbindungen in die amerikanische Hauptstadt hinein. Das Zweite aber ist, dass diese politische Sperrspitze nie von Konstantinopel ausgespielt wurde. Ganz im Gegensatz zu Moskau. Moskau hat ja mit seinen politischen Verbindungen immer in der Öffentlichkeit hausiert. Ich habe ja schon erwähnt, die Verlegung des Konzils von Istanbul nach Kreta. Zum Zweiten könnte man sagen, dass beispielsweise Putins Einsatz in Syrien ist ja vom russischen Synod als vaterländische Verpflichtung anerkannt worden und auch so propagiert worden. Man hat sich also von russischer Seite deutlich an die Politik gebunden, während auf der Seite von Bartholomaios zwar ein guter Draht herrscht nach Washington und auch in europäische Hauptstädte hinein, aber davon hat Bartholomaios nie Gebrauch gemacht.  

Schulz: Letzte Frage, vielleicht kurze Antwort – mit Blick in die Zukunft: Werden wir beide noch ein panorthodoxes Konzil erleben?

Pick: Das ist wirklich eine schwierige Frage, Herr Schulz. Ich kann nur sagen, ich hoffe es. Und ich hoffe, dass es auf russischer Seite so viele Leute gibt, die wirklich noch den Gesprächsfaden aufnehmen und dran ziehen.

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