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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Herrscher verordnen religiöse Toleranz von oben05.02.2019

Papst beendet Arabien-ReiseDie Herrscher verordnen religiöse Toleranz von oben

Bei seinem Besuch in den Vereinigten Arabischen Emiraten war Papst Franziskus ein auch durchaus unbequemer Gast, kommentiert Carsten Kühntopp. Unter anderem sprach er direkt den Krieg im Jemen an. Die Herrscher der Emirate wiederum hätten versucht, mit der Einladung ihre religiöse Toleranz zu unterstreichen.

Von Carsten Kühntopp

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Abu Dhabi: Papst Franziskus grüßt die Zuschauer bei seiner Ankunft im Stadion Zayed Sports City. (dpa)
Zur Messe: Papst Franziskus grüßt die Zuschauer bei seiner Ankunft im Stadion Zayed Sports City (dpa)
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In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist dies das "Jahr der Toleranz", ganz offiziell. Der Besuch von Papst Franziskus sollte dabei das Gütesiegel sein, der Beweis dafür, wie sehr die Emirate die Vielfalt respektieren. In Wirklichkeit fahren die Herrscher seit Jahren eine beinharte Kampagne gegen jeden, der aufmuckt, denn sie fürchten um ihre Macht. Auf den sogenannten Arabischen Frühling 2011 antworteten die Emirate mit einem nicht nachlassenden Angriff auf die freie Meinungsäußerung. Jede Form des politischen Dissens wird systematisch unterdrückt – durch willkürliche Festnahmen, durch das Verschwindenlassen von Menschen, durch Folter. Mit Hochtechnologie aus dem Westen und aus Israel haben die Emirate einen Überwachungsapparat geschaffen, der dem in China ähnelt.

Von oben verordnete religiöse Toleranz 

Allerdings ist dies nur die eine Seite der VAE, die häßliche Fratze des Landes. Zur anderen Seite, der schönen, gehört, dass in den Emiraten Menschen aus etwa 200 Ländern friedlich zusammenleben und ihren Glauben dabei mehr oder minder frei praktizieren; es gibt Kirchen, Tempel, eine Synagoge.

Die Straßen sind modern, Krankenhäuser und Schulen gut. Kein Wunder, dass junge Araber noch immer davon träumen, in die VAE gehen zu können. Dort haben sie Chancen und Möglichkeiten, an die zuhause nicht zu denken ist. Auch wenn über Politik in den Emiraten nicht geredet werden darf: Das Entwicklungsmodell dieses Landes funktioniert auch deshalb, weil die Herrscher religiöse Toleranz von oben verordnen – eine Botschaft, die sie mit der Einladung an Papst Franziskus unterstrichen haben.

Unbequeme Worte von Papst Franziskus 

In Abu Dhabi hatte Franziskus ein Heimspiel. Das Interesse arabischer TV-Sender an seinem Besuch war groß, voller Sympathie wurde über den Papst berichtet – weil Franziskus dem Islam und Muslimen stets demonstrativ mit Respekt begegnet, weil er bereits zum vierten Mal ein arabisches Land besuchte, weil seine freundliche und gewinnende Art sofort überspringt. Für den Gastgeber war Franziskus dabei nicht immer bequem – so, als er feststellte: Der Jemenkrieg ist fürchterlich, Materialismus schlimm, und die Ausländer bei euch brauchen mehr Rechte.

"Fest der Brüderlichkeit" vs. Menschenrechte 

Den passenden Partner für den versuchten Brückenschlag zwischen den Religionen fand der Papst in Ahmed al-Tayyeb, Großscheich der al-Azhar in Kairo, der wichtigsten Lehreinrichtung im sunnitischen Islam. Al-Tayyebs Rede auf der interreligiösen Konferenz war mindestens so klug und beeindruckend, wie die des Papstes; so forderte der Großscheich volle Bürgerrechte für Christen in der Region. Der Papst und der Großscheich, einander bei den Händen haltend: Aus Abu Dhabi, aus dem Nahen Osten, ausgerechnet, gingen symbolträchtige Bilder und starke Worte um die Welt.

Die Vereinigten Arabischen Emirate können stolz darauf sein, dass sie diesem "Fest der Brüderlichkeit" die Bühne geboten haben. Ihre zur Schau gestellte religiöse Toleranz würde aber ehrlicher und überzeugender wirken, wenn die Emirate auch die Menschenrechte und die Meinungsfreiheit respektieren würden.

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