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StartseiteKommentare und Themen der WocheEs gibt jetzt keine Ausreden mehr09.05.2019

Papsterlass zu sexuellem MissbrauchEs gibt jetzt keine Ausreden mehr

Mit schärferen Gesetzen will Papst Franziskus gegen sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche vorgehen. Es soll eine Meldepflicht für Missbrauchsfälle geben, Verfahren sollen beschleunigt werden. Das dürfte sich schwer in allen Ländern umsetzen lassen, kommentiert Tassilo Forchheimer.

Von Tassilo Forchheimer

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Modelleisenbahnfiguren eines Priesters und zweier Kinder auf einer aufgeschlagenen Wörterbuchseite vor dem Wort "Missbrauch" (imago stock&people)
Vertuschung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche soll es künftig nicht mehr geben (imago stock&people)
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Es war höchste Zeit. Mit seinem neuen Kirchengesetz hat der Papst längst fällige Konsequenzen gezogen und sich endlich eindeutig auf die Seite der Opfer gestellt. Diesen müsse mit Würde und Respekt begegnet werden, darüber hinaus solle die nötige Hilfe gewährt werden, schreibt der Papst in seinem sogenannten Motu Proprio – nicht ohne Grund, denn genau diese Selbstverständlichkeiten haben viele Kirchenverantwortliche lange vermissen lassen. Die Gründe dafür waren vielfältig: Falsche Scham, ein falscher Korpsgeist und in manchen Fällen vielleicht sogar der Gedanke, dass die Kirche auch für diejenigen da sein müsse, die gesündigt haben. Viele Täter haben so eine zweite Chance bekommen. Dadurch ist neues Leid entstanden. Unverzeihliches Leid.

Neuer Schwerpunkt

Mit den neuen Vorschriften hat Franziskus nun endgültig den Schwerpunkt verlagert. Im Vordergrund steht das Leiden der Opfer. Für über eine Million katholische Priester und Ordensleute in aller Welt gilt jetzt die Verpflichtung, Informationen über Verdachtsfälle vollständig und unverzüglich bei den zuständigen kirchlichen Stellen anzuzeigen - und zwar auch die Verfehlungen von Vorgesetzten. Bischöfe und Ordensobere müssen sich für Vertuschungsversuche verantworten. Informanten dürfen keine Nachteile erleiden. Auf gut Deutsch: Es gibt jetzt keine Ausreden mehr. Der Papst hat die gesamte Kirche in die Pflicht genommen, das Thema Missbrauch in den eigenen Reihen wirklich ernst zu nehmen. Damit stellt sich der Papst gegen all diejenigen in seiner Kirche, die hinter den Missbrauchsvorwürfen vor allem eine Verschwörung gegen den Glauben sehen oder eine Folge der sexuellen Revolution – als ob es davor keinen Missbrauch gegeben hätte. 

Strafverfolgungsbehörden bleiben weiter außen vor

Mit dem neuen Kirchengesetz hat sich Franziskus aber auch eine große Last aufgeladen. Dem Vatikan droht nun eine ganze Welle von Anzeigen, die bewältigt werden muss. Zumal längst noch nicht alles klar geregelt ist, vor allem die Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden. Opferverbände fordern seit langem, dass Missbrauchsfälle auch den Strafverfolgungsbehörden gemeldet werden müssten. Für Rechtsstaaten wie Deutschland ist das eine leicht nachvollziehbare Forderung, die sich allerdings nur schwer auf die ganze Welt übertragen lässt. In Ländern, in denen die Todesstrafe gilt, wird die Kirche andere Lösungen finden müssen. Von daher ist der Papst mit dem neuen Kirchengesetz ein gehöriges Stück vorangekommen, aber sicher nicht am Ziel. Das Thema Missbrauch wird die Kirche noch geraume Zeit beschäftigen – was vor allem daran liegt, dass viel zu viele viel zu lange weggesehen haben.

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