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StartseiteKalenderblattDer Diktator ging, seine Partei blieb03.02.2014

ParaguayDer Diktator ging, seine Partei blieb

Jahrzehntelang hatte Alfredo Stroessner zusammen mit seiner Colorado-Partei Paraguay terrorisiert, vor 25 Jahren wurde der Diktator von Militärs aus dem Amt gejagt. Nun sind die Colorados wieder an der Macht in Asuncion.

Von Gaby Weber

Horacio Cartes, hier kurz nach seiner Wahl zum Präsidentschaftskandidaten der Partei "Honor Colorado" im Dezember (picture alliance / dpa / Javier Medina Verdolini)
Horacio Cartes, heute Chef der Coloradopartei (picture alliance / dpa / Javier Medina Verdolini)
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Im Land der Landlosen (DLF, Hintergrund, 18.04.2013)

Am 3. Februar 1989 erhebt sich General Andrés Rodríguez gegen den Diktator Paraguays, Alfredo Stroessner, und beendet in dieser Nacht dessen 35-jährige Alleinherrschaft. Überall in Asunción fallen Schüsse, aus Panzern wird das Polizeihauptquartier beschossen, meldet Radio Ñandutí. Hunderte Kadetten, "Soldatitos" des Wachbataillons, sterben bei den Unruhen. Der neue Machthaber verspricht, fortan die Menschenrechte zu achten. Er säubert das Militär, verhaftet einige verhasste Schergen und schreibt Wahlen aus. Doch Wahlen hatte es immer gegeben, sagt der Historiker Anibal Miranda, und die hat stets die Colorado-Partei gewonnen: "Rodríguez löst nur den Repressionsapparat, nicht den politischen Apparat auf. Die Partei bleibt an der Macht."

Paraguay, im Herzen des Subkontinents und ohne Küsten, ist eines der rückständigsten Länder. In seine undurchdringlichen Wälder und die trockene Steppe im Westen hatten sich nur wenige spanische Siedler getraut. Ende des 19. Jahrhunderts fielen Brasilien, Argentinien und Uruguay, finanziert von der britischen Krone, über das Land her. 1870 waren nur noch 170.000 Paraguayer am Leben. Die Ländereien wurden neu verteilt, und die Colorado-Partei gelangte an die Regierung. Es folgten weitere Kriege und Bürgerkriege, bis 1954 der deutschstämmige Alfredo Stroessner putschte. Er versuchte, die Opposition physisch zu vernichten. Der Kongress wurde aufgelöst, der Ausnahmezustand verhängt, eine Viertel Million Menschen flüchtete ins Ausland.

"Er lebte spartanisch, schlief auf dem Feldbett", erinnert sich Aldo Zuccolillo, Gegenspieler des Diktators und Besitzer der Tageszeitung ABC.

"Er war machtbesessen. Skrupellos, blutrünstig und totalitär. Er konnte die Wahrheit nicht vertragen. Die Leute aus seiner Umgebung erzählten ihm nur das, was er hören wollte. Wer widersprach, blieb keinen Tag im Amt. Er war sehr deutsch, germanisch, hart. Perfekt beherrschte er die Korruption. Jedem General gewährte er einen Nebenverdienst. Einer kontrollierte den Schmuggel auf dem Luftweg, einer schmuggelte das Mehl aus Argentinien, einer Zigaretten und einer den Whisky. Stroessner verteilte mit harter Hand."

Sein Konterfei - ein netter alter Herr - hing an jeder Straßenecke, in jedem Büro

"Anfangs hatten wir sehr viel Angst. Dann hatten wir weniger Angst und veröffentlichten alles, über die Generäle, Minister und die Kurtisanen des Diktators. Sie waren allmächtig. Ihre Wünsche mussten erfüllt werden. Und Stroessner hatte viele Frauen. Obwohl er deutscher Abstammung war."

Am Ende zerbrach Stroessners Imperium am Ehrgeiz seines Sohnes. Der wollte sich zum General befördern lassen, was die automatische Verabschiedung der dienstälteren Generäle bedeutet hätte, auch die von General Rodríguez, der im Drogenhandel reich geworden war. Er verbündete sich mit dem Pressezaren Zuccolillo und schickte im Februar 1989 Stroessner ins Exil. Folterer wurden vor Gericht gestellt und das "Archiv des Schreckens" – die geheimen Unterlagen der Politischen Polizei – offen gelegt. Mit Brasilien, Argentinien und Uruguay verabredete man den Mercosur, das südamerikanische Handelsbündnis. Doch die Colorado-Partei, jetzt mit Rodríguez an der Spitze, blieb an der Macht, so der Historiker Miranda. "Es ist eine kriminelle Vereinigung, und wer sich mit ihr an einen Tisch setzt, verleiht ihr Legitimation."

Erst 2008 verlor die Colorado-Partei die Wahlen. Ein linksliberaler Bischof übernahm die Regierung, wurde aber vier Jahre später aus dem Amt gedrängt. Bei den Wahlen im April 2013 gewannen der Unternehmer Horacio Cartes und seine Coloradopartei. Für den Schriftsteller Miranda hinterlässt das, was die übrige Welt bewegt, in Paraguay keine Spuren. "Der Kalte Krieg ist vorbei, die Militärdiktaturen sind vorbei, Stroessner ist vorbei, die Entspannungspolitik ist vorbei, in Berlin fiel die Mauer, es starb die Sowjetunion, der Neoliberalismus trat weltweit einen Siegeszug an. Bei uns herrschen weiter die Colorados."

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