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StartseiteSport am WochenendeDie vergessenen Spiele?05.09.2020

Paralympics 2021Die vergessenen Spiele?

Nach dem ursprünglichen Plan sollten zu diesem Zeitpunkt die Paralympischen Spiele stattfinden. Doch seit „Tokyo 2020“ um ein Jahr verschoben wurde, ist vor allem von den Olympischen Spielen die Rede. Den großen Spielen des Behindertensports könnte ein schlimmes Schicksal drohen.

Von Felix Lill

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 200824 -- TOKYO, Aug. 24, 2020 -- Photo taken on Aug. 24, 2020 shows a countdown clock displaying 365 days to go until the start of the postponed Tokyo 2020 Paralympic Games in Tokyo, Japan. SPJAPAN-TOKYO-PARALYMPIC-ONE YEAR TO GO DuxXiaoyi PUBLICATIONxNOTxINxCHN (imago images)
Die Paralympics in Tokio seien in ein politisches Entwicklungskonzept eingebunden, sagt der Veranstalter. Kritiker befürchten, dass die Spiele in Vergessenheit geraten. (imago images)
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Das Rathaus von Tokio hat sich für diese Tage einiges ausgedacht. Seit dem 25. August und noch bis zum 6. September wäre die größte Metropole der Welt der Mittelpunkt des Behindertensports gewesen. Um nochmal darauf aufmerksam zu machen, leuchtet der Skytree, mit 634 Metern einer der höchsten Türme der Welt, jetzt in bunten Farben. Auf Netflix wird ein Film über die paralympische Bewegung ausgestrahlt. Auf den Straßen zeigen Plakate, was nun eigentlich stattgefunden hätte: die paralympischen Spiele von Tokio.

Die Symbole im Stadtbild könnten für ein kurzes Aufflammen der einstigen Begeisterung sorgen. Vielmehr wird es womöglich nicht. Gesprochen wird – statt euphorisch über die Olympischen Spiele – über die gesundheitlichen Risiken durch die Pandemie, die hohen Zusatzkosten durch die Verschiebung, und die Frage, ob man mit all dem Geld nicht Sinnvolleres tun könnte.

Allerdings werden diese überfälligen Diskussionen vor allem im Licht der Olympischen Spiele diskutiert. Die Paralympischen Spiele, so scheint es, geraten weitgehend in Vergessenheit. "Das ganze Bild dreht sich um Olympia, nicht die Paralympics", sagt der Soziologieprofessor Hiroki Ogasawara von der Uni Kobe. "Auch beim Thema Covid-19 geht es mehr um die olympischen Athleten als um die paralympischen. Die Paralympics werden an den Rand gedrängt. Vor ein paar Tagen habe ich in der Zeitung einen Artikel gelesen, darin sagte ein Arzt, dass paralympische Athleten in der Pandemie anfälliger seien und man deshalb noch einmal genau überlegen müsse, was man nun tut. Bei allem, was gerade passiert, könnte ich mir vorstellen, dass am Ende die Olympischen Spiele stattfinden, die Paralympischen aber nicht."

Ogasawara: "Paralympics bringen nicht viel ein"

Der in Japan mittlerweile bekannte Olympiakritiker vermutet dies auch deshalb, weil ohnehin noch harte Entscheidungen bevorstünden. Die Organisatoren von "Tokyo 2020" haben sich dazu verpflichtet, die Spiele zu "verschlanken."

"Was die Kosten und die ökonomischen Erträge angeht, spielen die Paralympics nicht so viel ein. Aus Veranstalterperspektive sind sie mehr für die moralische und soziale Anerkennung da. Man muss sich nur ansehen, wie jetzt drüber gesprochen wird und was ursprünglich geplant war. Um Olympia wird viel mehr Wind gemacht. Zum Beispiel erwähnt Yoshihide Suga, der Chefsekretär der Regierung, nur die Bedeutung für die olympischen Athleten, wenn es um die Entwicklung eines Impfstoffs geht. Die paralympischen Sportler ignoriert er. Und im Yoyogi Kouen, ein großer Park in Tokio, war für diesen Sommer Public Viewing für olympische Wettkämpfe geplant, für paralympische aber nicht."

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Es sei "schockierend", sagte Nationalmannschafts-Kapitänin Mareike Miller im Dlf. Wenige Monate vor Beginn der Paralympics ist nicht klar, ob Rollstuhlbasketball dort überhaupt stattfindet.

Ogasawara würde sogar Wetten darauf abschließen, dass die Paralympischen Spiele zu den größten Verlierern gehören werden, wenn die Sportevents verschoben und verschlankt werden.

Eine Einschätzung, die von offizieller Seite vehement abgelehnt wird. Craig Spence, Sprecher des Internationalen Paralympischen Komitees: "Ich kann unterstreichen, dass es die Spiele nur im Paar gibt. Wenn die Olympischen Spiele stattfinden, dann kommen auch die Paralympischen Spiele. Zum gesundheitlichen Aspekt mögen Ärzte verschiedene Ansichten haben. Es gibt aber keine klinischen Studien, die zeigen, dass sich paralympische Athleten eher mit COVID-19 infizieren als Sportler ohne Behinderung. Was wir aber anerkennen, sind die unterschiedlich schweren Verläufe, die Erkrankungen bei Menschen mit einigen Behinderung nehmen können. Andererseits gehören die paralympischen Athleten zu den fittesten Personen der Welt. Und auf die Frage, ob die Paralympics von den Einsparungen stärker betroffen sein werden als die Olympischen Spiele: das wird nicht der Fall sein."

Veranstalter: Paralympics Teil von Entwicklungsprogramm

Die Veranstalter in Tokio äußern sich auf ähnliche Weise. Masa Takaya, Sprecher des Organisationskomitees, schreibt per E-Mail, man werde unterschiedliche Anfälligkeiten bei Infektionskrankheiten mitbeachten, wenn die Strategie für die verschobenen Spiele ausgearbeitet wird. Außerdem gerieten die Paralympischen Spiele keineswegs in Vergessenheit, findet Takaya. Vielmehr seien sie in ein großes, politisches Entwicklungsprogramm eingebunden: "Im Juni hat die Regierung ein überarbeitetes Gesetz zur Barrierefreiheit umgesetzt und angekündigt, in der Bevölkerung ein 'barrierefreies Mindset' zu fördern, um eine inklusivere Gesellschaft zu schaffen.'Tokyo 2020' unterstützt diese Initiativen. Wir wollen über das kommende Jahr dabei mithelfen, dass alle Menschen mit Behinderung hier ein angenehmes Leben führen können."

Das Olympiastadion in Tokio (www.imago-images.de) (www.imago-images.de)Olympia - Schlanke Spiele von Tokio könnten Vorbild werden
Die Olympischen Spiele von Tokio sollen schlanker werden. Eine Reduktion der Zuschauerzahlen soll vor allem Infektionen vorbeugen, dürfte aber auch Kosten senken.

Doch was heißt das konkret? Infrastrukturell sind Japans Städte im internationalen Vergleich schon heute weitgehend barrierefrei.

In den Augen von Steffi Richter reicht das aber nicht. Die Japanologieprofessorin der Uni Leipzig und Mitherausgeberin des Buchs "NOlympics: Tokyo 2020 in der Kritik", sagt: "Ich weiß, dass in Tokio weitaus früher zum Beispiel diese Markierungen auf dem Fußweg waren, wo Blinde für sich ertasten können, wo für sie der richtige Weg ist. Formal und äußerlich die Dinge zu integrieren ist das eine. Damit wird signalisiert: Ja, das machen wir jetzt, aber mehr müssen da nicht machen. Generell ist für mich die Frage: Inwieweit wird durch Ereignisse wie Olympische Spiele etwas angestoßen, was sozusagen durch Slogans, Motti in die Öffentlichkeit aufgenommen wird, aber nicht unbedingt dazu führt, dass auch systemische Veränderungen passieren. Also Inklusion kann über bestimmte Maßnahmen angedeutet und angeschoben werden. Aber Ungleichheiten entstehen schlicht und ergreifend, weil Armut in diesen Schichten größer ist als anderswo."

Paralympics womöglich abgespeckt

Dass "Tokyo 2020" einen Anstoß zu grundsätzlichen Verbesserungen für Menschen mit Behinderungen gibt, erwarten Kritiker wie Hiroki Ogasawara und Steffi Richter nicht. Eher befürchten sie, dass das Hochhalten von Barrierefreiheit auch neue Euphorie für das Großevent generieren soll.

Und dass die Paralympischen Spiele durch die geplanten Verschlankungen nicht gehörig abgespeckt werden? Das wiederum will das Organisationskomitee auf Anfrage nicht garantieren.

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