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StartseiteSport am Wochenende"Südkorea ringt mit seinem kulturellen Erbe"04.03.2018

Paralympics"Südkorea ringt mit seinem kulturellen Erbe"

Nach Olympia ist vor den Paralympics. Am Freitag beginnen in Pyeongchang die Weltspiele des Behindertensports. 650 Athleten aus 45 Ländern werden in sechs Wintersportarten an den Start gehen. Wie steht es um den Gastgeber Südkorea, der die Paralympics schon zum zweiten Mal veranstaltet?

Von Ronny Blaschke

Das Logo der Paralympischen Winterspiele im Eisstadion in Gangneung, Pyeongchang. (imago sportfotodienst)
Das Logo der Paralympischen Winterspiele im Eisstadion in Gangneung, Pyeongchang. (imago sportfotodienst)
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Nach mehr als zwanzig Jahren der Militärdiktatur in Südkorea gewann die Demokratiebewegung in den 1980er Jahren an Kraft. Und so wurden wenige Wochen nach Olympia auch die Paralympischen Sommerspiele 1988 in Seoul zur Bühne der aufblühenden Zivilgesellschaft. Die Eröffnungsfeier war ausverkauft. Stadtverwaltung, Schulen und religiöse Gruppen luden tausende Gäste in die Sportstätten ein. Mit dabei: der damals 34 Jahre alte Volleyballer Karl Quade. Er lernte ein Land im Aufbruch kennen.

"Die Menschen selber waren aufgeschlossen. Weil die allerallermeisten hatten auch nie Kontakt zu Mitteleuropäern, und auch nicht zu Amerikanern. Da kamen dann die Busse an. Die, die hinten ausstiegen, erhielten deutsche Fähnchen. Und die, die auf der anderen Seite ausstiegen, bekamen französische Fähnchen. Und dann haben die da drinnen Party gemacht. Das war richtig laut. Und da gab es bestimmte Songs, die habe ich heute noch in Erinnerung, die da immer gespielt wurden zum Aufwärmen. Das war ein unglaubliches Feeling für uns."

Keine Hilfe für Eltern, die ein behindertes Kind pflegen

Ob ähnliche Erfahrungen auch 2018 zu erwarten sind, ist fraglich, auch bei Olympia waren schlecht besuchte Wettkämpfe und die zurückhaltende Stimmung ein Thema. Und es kommt dazu, dass  Menschen mit Behinderung in Südkorea jahrzehntelang wie Aussätzige behandelt wurden. Auch, weil die japanische Kolonialmacht bis 1945 an eine "starke Rasse" glaubte. Mit dem Aufbau des Sozialstaats danach wurden Gesetze erlassen, medizinische Konzepte geschrieben, Einrichtungen gebaut. Doch damit konnte der Bewusstseinswandel nicht Schritt halten, berichtet Casper Claassen. Der südafrikanische Forscher studierte Koreanische Geschichte und Kultur in Seoul.

"Als Land mit konfuzianischer Vergangenheit ringt Südkorea mit seinem kulturellen Erbe. Zum Beispiel mit der traditionellen Ahnenverehrung: Eltern stecken viel Geld und Energie in die Bildung ihrer Kinder. So können sie sicherstellen, dass sie im hohen Alter von ihren Kindern unterstützt werden. Auf dieses Prinzip stützt sich auch das Pflegesystem. Diese Philosophie kennt aber keinen Plan für Eltern, die sich lebenslang um ein behindertes Kinder kümmern müssen. Das macht die Lage komplizierter."

Hohe Armutsrate unter Menschen mit Behinderungen

Auch deshalb, weil das  Hierarchiesystem des Konfuzianismus  Unterschiede zwischen Menschen quasi voraussetzt. Und der Buddhismus, ebenfalls prägend in Südkoreas Gesellschaft, Behinderungen als Strafe für ein früheres Leben betrachtet. So erleben behinderte Menschen in Korea mitunter Abneigung oder Mitleid. Südkorea-Experte Casper Claassen sieht zwar Fortschritte, jedoch reicht das bei Weitem nicht aus.

"Die Angebote in Korea wurden stark ausgebaut. Es gibt viele spezielle Einrichtungen für behinderte Menschen, aber oft fühlen sie sich dort von der Gesellschaft isoliert. Viele empfinden es als unwürdig, dass sie in sechs Kategorien eingeordnet werden, je nach Schweregrad der Behinderung. Dieses Stigma erschwert ihre Suche nach einem Job. Die Armutsrate unter Menschen mit Behinderung ist doppelt so hoch wie bei anderen Minderheiten."

Wenig Fortschritt auf dem Land

Einen barrierefreien Nahverkehr findet man zwar in der Hauptstadt Seoul, wo auch viele öffentliche Gebäude diesen Standard erfüllen. Auch Konzerne wie Samsung sind auf diesem Markt aktiv. Weniger fortschrittlich sieht es auf dem Land aus, zum Beispiel in der Region Pyeongchang, wo am Freitag die zwölften Winter-Paralympics beginnen.

Die Organisatoren und Sponsoren machen Stimmung. Und sie hoffen, dass der Spitzensport den Alltag behinderter Menschen in den Mittelpunkt rückt. Über Monate waren sie für Infoveranstaltungen in Schulen unterwegs. In Pyeongchang fand ein Festival für Musiker mit einer Behinderung statt.

Behinderte Menschen werden in Nordkorea sehr schlecht behandelt

Karl Quade steht seit 1996 den deutschen Paralympiern als Chef de Mission vor. Er hat die Entwicklung beobachtet, auch das Trainingszentrum östlich von Seoul: "Ein Riesenareal mit vielen hundert Betten, mit allen Anlagen, inklusive einer eigenen Curlinghalle zum Beispiel. Für die Leichtathleten fünfzig Meter, auch Schwimmen. Ganz tolle Geschichte."

Das Internationale Paralympische Komitee möchte ähnliche Schlagzeilen schreiben wie das Olympische Komitee. IPC-Präsident Andrew Parsons hat sich für die erste Teilnahme Nordkoreas an Winter-Paralympics stark gemacht. Dafür hatte er auch bei Südkoreas Präsident Moon Jae-in vorgesprochen. Und so werden Athleten aus Nord- und Südkorea am Freitag gemeinsam bei der Eröffnungsfeier einlaufen.  Tatsache ist aber auch: In kaum einem Land werden behinderte Menschen so schlecht behandelt wie in Nordkorea. Dass die Feier darauf eingehen wird, ist unwahrscheinlich.

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