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StartseiteSport am WochenendeSchlechtere Lage, weniger Kritik22.08.2021

Paralympics trotz CoronaSchlechtere Lage, weniger Kritik

Nach Olympia steht Tokio das nächste Großereignis ins Haus: die Paralympics. Während die wesentlich größeren Olympischen Spiele inmitten der Pandemie höchst umstritten waren, herrscht um die Paralympischen Spiele viel mehr Ruhe. Sie könnten sogar ein paar Wogen glätten.

Von Felix Lill

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Fernsehkameras zeichnen die Installation des Symbols auf. (Yomiuri Shimbun/ap/dpa/picture-alliance)
Das Symbol der Paralympics wird auf dem See eines Parks in Tokio installiert (Yomiuri Shimbun/ap/dpa/picture-alliance)
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Das japanische Olympiamuseum ist am Nachmittag gut gefüllt. Direkt nebenan liegt das neugebaute Nationalstadion, in dem bis vor zwei Wochen die Olympischen Spiele liefen und am Dienstag die Paralympischen starten.

Direkt hinter der Kasse beginnt die neue Ausstellung, die alle japanischen Olympiamedaillengewinner dieses Sommers mit Foto und Autogramm zeigt. Über zwei Stockwerke breitet sich das Museum aus, stellt die Sportgeschichte Japans vor, sowie die der Welt, beginnend mit den antiken Olympischen Spielen in Griechenland.

Im Olympiamuseum werden die Paralympics kaum beachtet

Bis man etwas von den Paralympics erfährt, muss man einige Zeit suchen. Hinter japanischen Sportlegenden von vor 100 Jahren zeigt ein Zeitstrahl, wie sich der Behindertensport entwickelt hat. Aus Japan, wo Para-Athleten in der Vergangenheit weniger gefördert wurden, gab es bisher auch weniger Erfolge. Ein Sportrollstuhl des Tennisspielers und mehrfachen Grandslamsiegers Shingo Kunieda ist ausgestellt. Viel mehr findet sich hier nicht.

Drei Menschen halten Fackeln, um das paralympische Feuer zu entfachen. (Yomiuri Shimbun/Ap/dpa/picture-alliance)Die paralympische Flamme ist in Tokio angekommen (Yomiuri Shimbun/Ap/dpa/picture-alliance)

"Ja, von den Paralympischen Spielen gibt es hier nicht so viel. Die Hauptsache sind hier eher die Olympischen Spiele", sagt Nagisa Uchida. Die Erzieherin aus Tokio hatte Tickets für Olympia. Weil die Sportveranstaltung – wie nun auch die Paralympics – ohne Zuschauer stattfand, konnte sie diese aber nicht einlösen. Nun will sie ihren zwei Kindern zumindest durch einen Museumsbesuch den Sport näherbringen. Sie findet es schade, dass von Behindertensport nicht viel zu sehen ist:

"Wenn die Paralympischen Spiele zuende sind, will ich mit meinen Kindern nochmal kommen. Vielleicht gibt es hier dann mehr dazu. Aber meine Kinder haben in der Schule letztens endlich die Chance gekriegt, mal mit Menschen mit einer Behinderung zu sprechen. Mein Sohn durfte auch eine Sportprothese anfassen und war total begeistert, dass man damit laufen kann, obwohl sie so hart ist!"

Weniger Absage-Forderungen

Nagisa Uchidas Sohn Souma, der in die sechste Klasse geht, berichtet von seiner Begeisterung selbst: "In der Schule haben wir zum Beispiel gelernt, dass es beim Basketball ganz anders funktioniert, wenn man im Rollstuhl spielt. Dann kann man ja nicht laufen und werfen. Wir konnten es auch selbst ausprobieren und im Rollstuhl sitzen. Das war aber anstrengender, so zu spielen. Ich konnte den Ball überhaupt nicht werfen. Dass ich das ausprobiert habe, finde ich aber gut!"

Spieler der ukrainischen Basketball-Mannschaft während eines Trainings für die Invictus Games 2020.  (picture alliance / Photoshot) (picture alliance / Photoshot)Globale Menschenrechtsbewegung "WeThe15" - Auch der Sport setzt ein Zeichen
Kurz vor den Paralympics startet eine Menschenrechtskampagne, die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung einsetzt. Erstmals haben sich deshalb auch große Sport-Dachorganisationen verbündet.

Er hatte bis dahin wie viele in Japan kaum Berührungen mit Menschen mit Behinderung. Jetzt freut sich Souma – vor allem auf die Wettbewerbe im Basketball und Bogenschießen.

Aber wie typisch ist die Vorfreude des Grundschülers? Es ist eine Frage, die sich nicht so leicht beantworten lässt. Vor den Olympischen Spielen war der Streit im Land noch groß. Wegen des Coronavirus wollte die Mehrheit die Austragung diesen Sommer nicht. Und mittlerweile hat sich die Pandemielage deutlich verschlimmert. Am Donnerstag wurden landesweit erstmals mehr als 25.000 Neuinfektionen gemeldet. Noch keine 40 Prozent im Land sind vollständig geimpft. Tokios Gesundheitssystem ist überlastet.

Aber so laut wie vor Olympia sind die Forderungen nach einer Absage diesmal nicht. Das hat wohl einerseits damit zu tun, dass die Aufmerksamkeit für die Paralympics geringer ist. In Sportressorts berichten Zeitungen dieser Tage noch immer mehr über olympische als über Para-Athleten. Ein weiterer Grund dürfte der sein, weshalb Nagisa Uchida ihren Kindern unbedingt dieses Event nahebringen will: ein Bewusstsein für die soziale Dimension.

Kleiner, symphatischer, weniger vom Geld getrieben

Craig Spence, Sprecher des Internationalen Paralympischen Komitees, formuliert das so: "Wir sind erstmal ein sehr großes Sportereignis. Aber wir haben auch einen spürbaren Einfluss auf die Gesellschaft. 15 Prozent der weltweiten Bevölkerung hat eine Behinderung. Und unsere Veranstaltung ist die größte der Welt, die dies in den Mittelpunkt stellt. Bei den Paralympischen Spielen kann also kaum jemand darüber streiten, ob es positive Hinterlassenschaften gibt. Sechs Jahre nach den Spielen 2012 in London hat zum Beispiel die Zahl der Menschen mit einer Behinderung, die einen Job haben, um eine Million zugenommen."

Die soziale Bedeutung ist dieser Tage in Tokio häufig als Begründung zu hören, warum sich Menschen auf die Paralympics freuen – auch in der Pandemie. Die Veranstaltung gilt insgesamt als kleiner, sympathischer, weniger von Geld getrieben als die Olympischen Spiele.

Parathlet Tim Focken beim Schieß-Training (privat) (privat)Verwundete Soldaten bei den Paralympics - „Durch den Sport habe ich meinen Körper neu kennengelernt“
Der Bundeswehr-Soldat Tim Focken hätte beim Afghanistan-Einsatz fast sein Leben verloren. Durch das Sportschießen erarbeitete er sich wieder Selbstvertrauen – nun nimmt er an den Paralympics teil.

Aber nicht jeder ist dafür. Zu den Skeptikern gehört Takanori Yokosawa, selbst Paralympionik und seit zwei Jahren Abgeordneter im Japanischen Oberhaus für die stärkste Oppositionskraft. Yokosawa sagt:

"Eigentlich war ich natürlich für die Spiele. In Japan haben wir immer noch große Probleme mit Diskriminierung. Die Paralympics können für mehr soziales Bewusstsein sorgen. Das habe ich selbst erlebt, als ich 2010 in Vancouver bei den Winterspielen teilnahm und die Leute begeistert und erstaunt waren über unsere sportlichen Leistungen. Aber durch die Infektionslage ist es diesmal sehr schwierig, wirklich sichere Spiele abzuhalten. Deswegen hätte ich es klüger gefunden, wir hätten die Spiele jetzt nicht veranstaltet. Mit leeren Spielstätten und dem Ausnahmezustand in Tokio wird es auch keine Partystimmung geben. Das ist sehr, sehr schade."

Mehr TV-Zeit in Japan, als je zuvor

Dass keine Paralympicsstimmung aufkommen wird, sehen die Veranstalter wiederum anders. Craig Spence betont trotz allem das steigende Interesse an den Spielen:

In Sachen TV-Zuschauern werden wir einen neuen Rekord aufstellen. Wir übertragen in gut 150 Länder. Zum ersten Mal werden wir auch in 40 Ländern in Subsahara-Afrika ausgestrahlt. Insgesamt werden wir wohl mindestens 4,25 Millionen Zuschauer weltweit haben. In Japan überträgt der Sender NHK 500 bis 600 Stunden. Das ist mehr als je zuvor."

Wenn die bisher eher wenig diskutierten Spiele erst begonnen haben, setzen die Tokioter Organisatoren wie für Olympia also auch für die Paralympics vor allem auf viele, wirkungsmächtige Bewegtbilder. In Zeiten der Pandemie, in denen viele Menschen zuhause bleiben, könnte auf diese Weise ein besonders großes Publikum erreicht werden.

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