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StartseiteForschung aktuellWie Würmer die Fruchtbarkeit von Frauen beeinflussen24.11.2015

Parasiten als GeburtshelferWie Würmer die Fruchtbarkeit von Frauen beeinflussen

Infektionen mit Parasiten sind aus dem Alltag der Menschen in der westlichen Welt nahezu verschwunden. Doch in anderen Teilen der Erde ist es normal, von Würmern oder anderen Schmarotzern befallen zu sein. Forschergruppe haben nun gezeigt, dass einen Zusammenhang zwischen Parasiten und der Fruchtbarkeit von Frauen gibt.

Von Christine Westerhaus

Vor ein paar Jahren begann Aaron Blackwell von der University of California in Santa Barbara zu untersuchen, ob Parasiten die Fruchtbarkeit beeinflussen. Die Erfahrung einer Kollegin hatte ihn auf diese merkwürdige Idee gebracht. "Das ist eigentlich eine lustige Geschichte: Sie machte damals eine Feldstudie und hatte ihren Mann dabei. Kurz vorher hatten die beiden entschieden, dass sie versuchen wollen, ein Kind zu bekommen. Sie ist dann viel schneller schwanger geworden, als sie erwartet hatte und kommentierte spontan, dass das wahrscheinlich an den Parasiten gelegen habe."

Die Forscher haben neun Jahre lang die Anzahl der Geburten von insgesamt knapp 1.000 Frauen untersucht, die im Amazonas unter sehr ursprünglichen Bedingungen leben. Statistisch gesehen bringen die Frauen dort im Laufe ihres Lebens neun Kinder zur Welt, nur in den seltensten Fällen wird verhütet.

"Wir wussten bereits, dass Parasiten wie Spulwürmer oder Hakenwürmer das Immunsystem beeinflussen und dass sich ein paar dieser Effekte auf die Schwangerschaft auswirken. Und tatsächlich haben wir gesehen, dass einer der untersuchten Parasiten die Fruchtbarkeit der Frauen erhöht."

Wer von Spulwürmern befallen war, brachte statistisch gesehen zwei Kinder mehr zur Welt. Frauen mit einer Hakenwurminfektion gebaren dagegen durchschnittlich drei Kinder weniger. Bekannt ist, dass Parasiten das Immunsystem ihrer Wirte beeinflussen, um im Körper geduldet und nicht abgestoßen zu werden. Doch die Strategien der Schmarotzer unterschieden sich. "Spulwürmer provozieren eine sogenannte Th2 Reaktion, bei der regulatorische Zellen aktiviert werden, die die Immunantwort regulieren und abschwächen. Hakenwürmer dagegen rufen unter anderem Entzündungsreaktionen hervor und wahrscheinlich wirken sie sich daher weniger positiv auf die Fruchtbarkeit aus."

Rolle des Immunsystems wird unterschätzt

Nur wenn das Immunsystem einer Schwangeren den Embryo toleriert, kann sich dieser erfolgreich im Uterus einnisten. Es wäre also denkbar, dass Spulwürmer die Einnistung erleichtern, weil sie das Immunsystem dämpfen und damit Abstoßungsreaktionen womöglich verhindern, meint Aaron Blackwell. Umgekehrt könnte diese Immunbremse manchen Frauen fehlen. "Viele Fruchtbarkeitsprobleme in der westlichen Welt hängen mit Immunstörungen zusammen. Wir Menschen haben uns im Laufe der Evolution daran angepasst, von Parasiten befallen zu sein. Unser Immunsystem ist also daran gewöhnt, von diesen Schmarotzern beeinflusst zu werden und wenn wir nicht infiziert sind, kann es zu Überreaktionen kommen. Wir nennen das die 'alte Freunde Hypothese', die besagt, dass solche Immunstörungen entstehen, weil uns diese Parasiten fehlen."

Frauen mit Kinderwunsch sollten jedoch nicht auf die Idee kommen, sich selbst mit Parasiten zu infizieren, um ihre Fruchtbarkeit zu steigern, warnt Aaron Blackwell. Bisher haben die Forscher nur beobachtet, dass es einen Zusammenhang zwischen Parasitenbefall und der Anzahl geborener Kinder gibt. Die Ergebnisse dieser Studie seien dennoch wertvoll, meint Gil Mor, der an der Yale School of Medicine untersucht, welche Rolle das Immunsystem in der Schwangerschaft spielt. Die Untersuchung mache deutlich, dass die Fruchtbarkeit von sehr vielen Faktoren beeinflusst wird. "Was wir aus dieser Studie lernen ist, dass wir uns nicht schützen, indem wir unsere Umwelt steril halten mit Antibiotika oder Desinfektionsmitteln. Wir bewirken vielleicht sogar das Gegenteil. Gynäkologen denken immer an Hormone, die Eierstöcke und Spermien, wenn es um Fruchtbarkeit geht. Aber wir sollten auch beachten, dass das Immunsystem dabei eine wichtige Rolle spielt."

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