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StartseiteForschung aktuellSchmarotzertum etwa 500 Millionen Jahre alt 03.06.2020

ParasitenSchmarotzertum etwa 500 Millionen Jahre alt

Parasiten sind Lebewesen, die auf Kosten eines anderen leben. Chinesische Forscher haben bei Fossilien den möglicherweise ältesten Nachweis für Parasitismus entdeckt: wurmartige Tiere, die in Röhren auf der Schale von Armfüßern lebten und ihnen einen Teil der Nahrung wegschnappten.

Von Dagmar Röhrlich

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Brachiopoden und Seelilienstaengel auf dem Meeresboden (imago stock&people)
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Brachiopoden verdanken ihren deutschen Namen – Armfüßer - zwei armförmigen Tentakeln, mit denen sie sich ihre Nahrung zustrudeln. Brachiopoden traten kurz nach der Kambrischen Radiation vor 540 Millionen Jahren auf, als die meisten Tiergruppen, die wir heute kennen, förmlich aus dem Nichts auftauchten.

"Diese Explosion der Tiere wurde begleitet von einer Explosion der ökologischen Nischen. Es entstehen die unterschiedlichsten Lebensstile, wie etwa der räuberische. Und anscheinend hat sich zu Beginn des Kambriums auch der parasitische Lebensstil entwickelt."

Denn das legen 512 Millionen Jahre alte Fossilien einer bestimmten Brachiopodenart nahe, die Paläontologen in einem Steinbruch in Südchina gefunden haben, erklärt Timothy Topper vom Naturhistorischen Museum Schwedens in Stockholm.

"Stellen Sie sich einen uralten Meeresboden vor, auf dem Hunderte oder Tausende Brachiopoden dicht an dicht saßen. Diese Fossilien waren mit höchstens anderthalb Zentimetern sehr klein. Und bei vielen klebten kleine, weiße, harte Röhren außen auf der Schale. Manchmal eine, manchmal zwei, bei anderen bis zu sechzehn."

Die Parasiten lebten in Röhren auf der Schale der Armfüßer

Von den Tieren, die einst in diesen Röhren gelebt haben, fehlt fast jede Spur. Nur in einer fand sich etwas, das ein Darm gewesen sein könnte. Aber wahrscheinlich waren die Röhrenbewohner wurmartige Wesen.

"Als wir das gesehen haben, vermuteten wir sofort, dass das für einen Brachiopoden nicht allzu gut gewesen sein konnte, wenn er es mit den Bewohnern von fünfzehn, sechzehn Röhren auf seiner Schale zu tun hatte."

Um den Einfluss der Röhrenbewohner auf die Armfüßer zu ergründen, haben die Forscher, die zur Arbeitsgruppe von Zhifei Zhang von der Northwestern University in Xi’an gehören, 450 Brachiopoden vermessen.

"Wir haben die Größe eines jeden einzelnen Brachiopoden gemessen, ebenso Zahl, Größe und Ausrichtung der Röhren. Unser Ergebnis: Die Brachiopoden mit Röhrchen waren deutlich kleiner als die ohne, bis zu 26 Prozent. Daraus haben wir geschlossen, dass die Würmer die Fitness der Brachiopoden negativ beeinflussten und daher Parasiten waren."

Die unbekannten Würmer waren sogenannte Kleptoparasiten

Damit handelt es sich wohl um den ersten, den ältesten Nachweis von Parasitismus, denn bislang kannte man nur einige wenige Fossilien, bei denen Wachstumsstörungen auf Parasitenbefall hindeuten könnten. Bei den aktuellen Funden scheint es dagegen klar zu sein, dass die Würmer den Brachiopoden schadeten. Außerdem passt die Ausrichtung der Röhren genau zu der Position der Lopophoren, der Armstrukturen der Brachiopoden. Die Würmer waren in der perfekten Position, um Nahrung zu stehlen: Es handelte sich deshalb wohl im Kleptoparasiten.

"Der Wurm hing im Grunde einfach über der Seite und stahl dem Brachiopoden die herangestrudelte Nahrung sozusagen vom Mund weg. Er saß einfach da, und das Futter wurde ihm auf einem Silbertablett serviert."

Dabei waren die Würmer ganz und gar auf ihren Wirt angewiesen, denn Parasiten fanden sich weder auf den Trilobiten, die damals über diesen Meeresboden gekrochen sind, noch auf anderen Brachiopodenarten. Warum die Parasiten es so leicht hatten, diese eine Brachiopodenart zu befallen, das ist offen.

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