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StartseiteCorsoVom Arbeiterviertel zum Künstlertreff03.04.2015

Paris BellevilleVom Arbeiterviertel zum Künstlertreff

Weit entfernt von Eiffelturm und Champs-Elysées gibt es noch das echte Paris: Belleville, im Nordosten gelegen, gilt als Terra incognita für Touristen. In der unscheinbaren Rue Ramponeau fielen die letzten Barrikaden der "Commune". Der Kampf der Kommune, der legendäre Arbeiteraufstand von 1870/71, ging dort zu Ende.

Moderation: Sabine Oelze

Menschen ruhen sich in einem Park im Pariser Belleville aus. (imago / suedraumfoto)
Das Miteinander der Kulturen macht den besonderen Charme des Viertels Belleville in Paris aus. (imago / suedraumfoto)

Und auch heute noch weht ein widerständiger Geist durch die engen Straßen. Belleville, das erst 1860 von Paris eingemeindet wurde, ist ein typisches Einwandererviertel. 80 Nationen leben dort. Die Asiaten, Afrikaner, Juden, Algerier oder Osteuropäer treffen sich in den zahlreichen Brasserien, Halal-Fleischereien und koscheren Bäckereien des 19. und 20. Arrondissements, zu denen Belleville gehört. Gemeinsam wehren sie sich gegen Mietwucher und den Abriss ihrer Häuser, damit sie nicht teuren Apartmentkomplexen Platz machen müssen.

Das Miteinander der Kulturen macht den besonderen Charme des Viertels aus. Doch auch die Kunstszene fühlt sich inzwischen in dem Viertel zu Hause. Gut erkennbar an den zahlreichen neuen Kunstinstitutionen, Galerien und Nachwuchskünstlern, die sich dort niedergelassen haben. "Corso Spezial" erzählt von einem geschichtsträchtigen Pariser Viertel im Umbruch.


Das Manuskript in voller Länge:

"Ich heiße Michel Dupuy, ich bin einer der Künstler vom Duo Dector Dupuy. Wir sind Performance-Künstler: Wir ziehen mit Menschen durch die Straßen. Unsere Stadtwanderungen haben nichts Sportliches. Wir gehen, wir halten an, wir gucken uns um. Wir fassen nichts an. Wir geben nur Hinweise zum Nachdenken."

Mein "Guide" durch Belleville, mein Stadtführer, ist Michel Dupuy. Er lebt hier. Mit ihm entdecke ich den Stadtteil, der so etwas wie das neue Montmartre von Paris ist. Aber eben ohne Kitsch. Ohne Touristen-Cafés, ohne Postkartenidylle, ohne Souvenirläden. Dafür mit jeder Menge Künstlern, die im kosmopolitischen Schmelztiegel Belleville ihr neues Zuhause gefunden haben. Mit Michel Dupuy treffe ich alte und neue Bewohner, die ihren Beitrag dazu leisten, dass Belleville zum trendigen Künstlerviertel geworden ist. Und wir gehen an Orte, wo Belleville alles andere als Schickimicki ist.

Wer an der Metrostation Belleville aussteigt, landet in einer für Touristen unbekannten Welt von Paris. Vor allem Dienstags und Freitags ist der Boulevard de Belleville voll von Menschen.

Es ist Markttag. Zwischen den Ständen wird gedrängelt und geschoben. Afrikaner, Araber und Asiaten bieten ihre Produkte an. Sie verkaufen so gut wie alles: Kochbananen, Manioks, Maiskolben, Blumen, Kleider, Stoffe und jede Menge gefälschter Markenuhren. Reiseführer warnen vor Taschendieben. Der Markt am Boulevard ist wegen seiner Spottpreise vor allem unter der ärmeren Bevölkerung von Paris sehr beliebt.

"Dieses Viertel ist sehr interessant, vor allem wegen seiner politischen Vergangenheit. Immerhin ging hier die Kommune zu Ende. Gleichzeitig ist es ein Quartier der einfachen Leute und Migranten, die einen hohen Gemeinschaftssinn haben. Sehen Sie dort: Da hängen an den Scheiben des geschlossenen Restaurants Protest-Plakate. Hier war mal eine Volksküche, die aber zugemacht wurde. Die Leute kämpfen dafür, dass sie wieder aufgemacht wird."

Der Kampf der Kommune, der legendäre Arbeiteraufstand von 1870/71, er ging in Belleville zu Ende. In der Rue Ramponeau fielen die letzten Barrikaden im Kampf für eine Regierung des Proletariats. Michel Dupuy, mit energischem, wachen Blick, lebt seit drei Jahren hier. In seinen roten Turnschuhen wirkt der Anfang Fünfzigjährige viel jünger als er ist. Überall in Frankreich wandert er mit Interessierten durch Stadtzentren, um ihre unbekannten Seiten aufzudecken.

"In großen Städten überlagern und kreuzen sich Geschichten. Man kann die Stadt lesen wie einen Text, wenn man sie entschlüsseln kann. Dector und Dupuy arbeiten seit 15 Jahren daran. Wir sind wie Wühlmäuse im urbanen Gedächtnis."

Das urbane Gedächtnis von Belleville beginnt im Jahr 1860. In diesem Jahr wird es von Paris eingemeindet. Bis dahin war es ein beliebtes Ausflugsziel vor den Stadttoren – mit eigenem Weinberg und Gartenlokalen. Während der "Commune" war es die Keimzelle der Kommunisten. Im 20. Jahrhundert entwickelte es sich dann zum Einwandererviertel, das Belleville den Beinamen "Babelville" bescherte.

"Die Rue de Belleville bildet die Grenze zwischen dem 19. und dem 20. Arrondissement: Beide gehören zu Belleville. Wir stehen hier gerade im 20. Arrondissement. Die Teilung sollte Belleville schwächen. Denn im Zuge der Industrialisierung wurde es, damals noch unabhängig, immer mächtiger. Vor der Eingemeindung 1860 war es die zweitwichtigste Stadt neben Paris. Das machte Belleville zu einer Bedrohung. Kein Wunder also, dass die letzten Barrikaden des kommunistischen Widerstands hier fielen."

...des derniers points de resistance etaient a belleville.

Ein fantastastischer Blick auf das Häusermeer

Michel Dupuys Streifzug durch "Belleville-Babelville" dauert vier Stunden. Es geht durch verwunschene Gassen, düstere Ecken und verkehrsumtoste Straßen des 19. und 20. Arrondissements. Wie ein Wissenschaftler analysiert Michel Dupuy unterwegs jede Merkwürdigkeit, die Asphalt, Straßenlaternen oder Häuserwände zu bieten haben. Er findet darin künstlerische, historische oder politische Botschaften. Dupuy hält vor einer koptischen Kirche und zeigt auf Buchstaben-Schmierereien auf der Fassade.

"Auf diese Fassade hat jemand das Wort "Feuer" gesprüht. Der Priester hat versucht, es übermalen zu lassen. Für ihn ist es ein Angriff, nicht nur auf das Gebäude, sondern auf seine gesamte Glaubensrichtung. Man muss wissen, dass es in Ägypten einen Konflikt zwischen den Kopten und den Moslems gibt. Diese beiden Punkte, die versehentlich nicht übermalt wurden, sehen aus wie Einschusslöcher. Die Architektur wird zu einer Art Körper, der verwundet wurde."

Die Rue de Belleville bildet eine der Hauptachsen von Belleville. Meist führt sie schnurstracks den Hügel von Belleville hinauf. Je höher, desto fantastischer der Blick auf das Häusermeer von Paris. Belleville – der Name leitet sich ab von Belle Vue: Schöne Aussicht. Wer ganz oben am Parc de Belleville ankommt, versteht, was damit gemeint ist und gerät ins Schwelgen angesichts dieser atemberaubenden Aussicht. Ganz Paris liegt einem hier zu Füßen: die Röhren des Centre Pompidou sind genauso zu sehen wie der Eifelturm. Auch die Luft scheint ein bisschen besser zu sein als weiter unten, wo sich die Abgase des Autoverkehrs stauen. Diese unerwarteten Seiten und das internationale Flair locken immer mehr Menschen nach Belleville. Wie zum Beispiel Jean Christoph Arcos, Anfang 30, dunkle Haare, schwarze Brille, Ringel-T-Shirt. Der Kunstkritiker und Kurator zählt zu den neuen Bewohnern Bellevilles.

"Warum ich gerne in Belleville lebe? Zuerst einmal esse ich gerne frisches Obst vom Markt. Nein, im Ernst : In Belleville kreuzen sich Wege von Künstlern und Migranten. Das sage ich ohne Exotismus. Das ist ein Viertel voller Geschichte. Belleville ist die Wiege der Revolutionen in Frankreich. Es gibt hier so einen besonderen Esprit, der künstlerisches, politisches und einfaches Leben miteinander in Dialog bringt. Alle teilen hier das gleiche harte Leben. Ich eingeschlossen. Lebensgewohnheiten werden gerne geteilt. Hier wird nicht nach Hautfarbe oder Herkunftsland unterschieden. In Belleville leben die Menschen ganz friedlich zusammen, und es ist ein Ort, der Fremden die Arme öffnet."

Jean-Christoph Arcos ist einer der sogenannten "Bobos", die inzwischen Belleville zunehmend als ihre neue Heimat entdecken. Bobos - das können Künstler, Galeristen, Architekten, Dichter oder Journalisten sein. Eine kreative, meist linksliberale Szene, die nicht reich ist, aber einen gehobenen Lebensstil pflegt. "Boboisierung" nennen die Franzosen diese Art der Veredelung eines Stadtviertels. Ein Wort, das sich aus Bourgoisie und Bohémiens zusammensetzt. Die Kunstszene leistet dazu einen erheblichen Beitrag. Michel Dupuy.

"Die Kunst beschleunigt die Gentrifizierung des Viertels. Natürlich: Die Boboisierung ist nicht aufzuhalten. Die Preise werden steigen, die armen Leute werden verjagt. Es wird hier nicht anders kommen als im Rest von Paris."

Und so gibt es seit einiger Zeit neben Halal-Metzgern und China-Kramläden auch hippe Cafés und Bars. Dort treten auch Sänger der neuen Chanson-Szene auf. Eine von ihnen ist Fredda, die mit ihrer verführerischen Stimme derzeit auch in Deutschlands Clubs zu hören ist.

Paris ist in Bewegung, die Künstlerkarawane der französischen Hauptstadt zieht nach Belleville. Einer, der als erster das Quartier als neuen Kunst-Hotspot entdeckt hat, ist Jocelyn Wolff. Seine Galerie zählt zu den wichtigsten Kunstorten Bellevilles.

Jocelyn Wolff, Mitte 40, geschmackvoll gekleidet mit schwarzen Jeans und grauem Hemd, steht inmitten einer Kunstinstallation aus Holzfiguren. Das helle Ladenlokal, in dem er die Werke zum Verkauf anbietet, war früher einmal eine Schneiderwerkstatt. Heute präsentiert Wolff dort Künstler aus aller Welt. Darunter auch einige Stars der Berliner Szene wie Isa Melsheimer oder Clemens von Wedemeyer.

"Es gibt Vieles, das mich an Belleville begeistert. Erstens: Als ich kam, waren die Mieten in Belleville billiger als im Rest von Paris. Und das sind sie immer noch. Paris ist eine Stadt, in der Fläche sehr, sehr teuer ist. Teurer als in New York. Und es ist wirklich schwierig, geeignete Ausstellungsräume zu finden. Zweitens: Ich arbeite gerne in einem Viertel, das nicht von Touristen bevölkert ist, das nicht dem Paris-Klischee entspricht."

Touristen finden zwar selten den Weg in die Rue Julien Lacroix Nummer 78, dem Sitz der Galerie Wolff. Dafür aber umso mehr Ausstellungsmacher und Kunstinteressierte. Die Vernissagen von Jocelyn Wolff locken Sammler aus der ganzen Welt nach Belleville.

"Paris ist dabei, ein Freiluftmuseum zu werden. Wenn man, wie ich, dagegen etwas tun will, dann nur, indem man den Besuchern auch andere Seiten als das historische Zentrum von Paris zeigt. Natürlich ist es dort wunderschön, aber eben sehr teuer. Es entwickelt sich gerade zu einer Shopping Mall unter freiem Himmel. Galerien, die wie ich zeitgenössische Künstler vertreten, müssen ihrer Zeit voraus sein. Uns geht es nicht um Luxus, selbst wenn wir teure Kunstwerke verkaufen. Eine Galerie ist auch eine kulturelle Institution, die mit Inhalten handelt. Für mich ist es sehr bereichernd, in einem Viertel der einfachen Leute zu arbeiten und Kunst auf hohem Niveau auszustellen.

Auf hohem Niveau arbeitet auch der Fotografie-Verlag RVB-Books. Er liegt gleich auf der anderen Straßenseite, rue Julien Lacroix Nummer 95. Ich habe ein Interview mit Rémi Faucheur verabredet, einem der beiden Inhaber. Faucheur ist an diesem Vormittag nicht im Verlag. Sein Kompagnon Mathieu Charon, Mitte 30, weiße Turnschuhe, blauer Seemanns-Pulli, sitzt hinter seinem Laptop an einem winzigen Schreibtisch.

Verlag klingt nach einem großem Business. Aber die Arbeitsräume von RVB-Book sind eng: vorne ist Platz für Ausstellungen, hinten befindet sich das Büro, im Keller stapeln sich Kataloge bis unter die Decke. Mit ihren Publikationen räumt RVB-Books gerade eine Auszeichnung nach der anderen ab. Mit viel Sorgfalt gestalten sie Künstlerbücher. Die meisten kommen ohne Text aus und haben wegen ihrer geringen Auflage den Status von Kunstwerken. Im vergangenen Jahr erhielt RVB für die Publikation "Karma" des Spaniers Óscar Monzón die Auszeichnung "Bestes Fotobuch des Jahres". Eine Auszeichnung, die auf der Kunstmesse Paris Photo verliehen wird.

"Letztes Jahr haben wir den Hauptpreis gewonnen, in diesem Jahr waren wir wieder nominiert, gehörten aber nur zu den zehn besten Verlagen des Jahres."

In Belleville wurde das Chanson sozusagen erfunden

Vergriffene Titel der Künstlerbücher sind bei Sammlern so begehrt, dass die Preise vom Verkaufspreis von 20 Euro auf über 300 Euro klettern. Aktuell hängen an den weiß gestrichenen Wänden des Ausstellungsraums Fotografien: Zu sehen sind Aufnahmen von Topfpflanzen, die so dicht beieinander präsentiert zu einem Dschungel zusammenwachsen. Sie stammen von der Künstlerin Penelope Umbrico.

"Wir stellen meistens Künstler aus, mit denen wir auch als Verleger zusammenarbeiten. Mal sind es Fotografen, mal haben sie einen literarischen Fokus, aber immer haben die Ausstellungen mit etwas Gedrucktem zu tun."

Liz de Lux: Sur le Dancefloor ein Chanson aus der heimlichen Heimat des Chansons...denn in Belleville wurde das Chanson sozusagen erfunden. In einem schäbigen Haus in der Rue de Belleville Nummer 72 erblickte im Dezember des Jahres 1915 der Spatz von Paris das Licht der Welt: Edith Piaf. Auch wenn vieles, was das Belleville der Piaf einst ausmachte, dabei ist zu verschwinden: Überall tun sich kleine Oasen auf. Eine ist die beschauliche Idylle der Siedlung Villa de l'Hermitage, in die mich der Künstler Michel Dupuy führt.

"Das ist wirklich verwunschen hier. Die Villa de l'Hermitage erinnert an ein Dorf in der Provinz: winzige Häuser mit zugewucherten Vorgärten und Bäume säumen die Pflastersteingasse. Sogar Palmen wachsen hier. Von diesen kleinen Gassen und Passagen gibt es viele in Belleville. Natürlich ist es in dieser Oase der Ruhe nicht billig zu wohnen. Aber dort unten haben Musiker ein Haus besetzt. Solch ein Nebeneinander von arm und reich funktioniert noch, auch wenn viele Häuser schon von Besserverdienern aufgekauft wurden."

Wie schnell sich das Viertel verändert, darüber kann sich auch Xavier Capodano nur wundern. Der 48-Jährige lebt schon in zweiter Generation in Belleville. Nicht nur er, sondern auch sein Vater wurde hier geboren. Capodano, dunkle Augen, Jeans, lässiges Hemd, ist Inhaber der einzigen Buchhandlung in Belleville. Sein Schwerpunkt: Urbanismus. Die Räume hinter den großen Schaufenstern sind freundlich eingerichtet: heller Holzfußboden, weiße Regale, Lesesessel. Capodano empfängt mich in einem kleinen Büro, wo er gerade Bestellungen aufnimmt.

"Alle hielten mich für einen Spinner, als ich vor zwölf Jahren hier meinen Laden aufgemacht habe. Niemand hat an mein Projekt geglaubt. Und ich ehrlich gesagt auch nicht wirklich. Auch heute noch hege ich manchmal Zweifel. Eine Buchhandlung ist ein schwieriges Geschäft. Vor allem in so einem Viertel. Man verdient nicht viel Geld. Kulturpraktiken wie Lesen interessieren eben doch eher bourgoisere Bevölkerungsschichten."

Xavier Capodano lädt regelmäßig zu Lesungen und Debatten über die Zukunft der Stadt in seine Buchhandlung "Le genre urbain", Urbane Angelegenheit. Auf kleinstem Raum rückt in Belleville das zusammen, was geläufig das Etikett "Verdichtung" trägt. Migrantenunterkünfte gedeihen neben schicken Lofts. Baustellen künden von Sanierungen der zum Teil heruntergekommenen Häuser. Für Capodano ist das Segen und Fluch zugleich.

"Ich gehöre einer prekären Mittelklasse an. Wenn ich weiterhin in Paris wohnen möchte, gibt es eigentlich nur dieses Viertel. Obwohl ich selber Teil der Verwandlung von Belleville bin, ich kann nirgendwo andershin, weil ich es mir nicht leisten könnte. Das ist eine paradoxe Situation: Ich brauche ein bisschen mehr Bourgoisie, um zu überleben. Gleichzeitig bedeutet das für mich auch eine Bedrohung, weil das die Mieten in die Höhe treibt."

Das Klima von Belleville ändert sich unaufhaltsam. Sichtbarstes Zeichen: Vor dem Sternerestaurant "Baratin" parken bereits Limousinen von Regierungsmitarbeitern, die sich zum Mittagsmenu nach Belleville chauffieren lassen.

Tom Tom alias Thomas Schmidt streckt den Kopf aus seinem Atelierfenster, das Handy am Ohr. Treffpunkt ist die Rue Oberkampff. Die Straße ist legendär wegen der vielen hippen Cafés und Bars, die sich in ehemaligen Schuhfabriken und Hinterhöfen breit machen. Auch Jean Nouvel, Star-Architekt und Planer der neuen Pariser Philharmonie, hat dort ein Büro. TomTom, Mitte 30, blond, ist gerade aufgestanden und sieht noch etwas ungekämmt aus, als er über sein Kunstprojekt Le Mur am Rande von Belleville Auskunft gibt.

Thomas hat zwar einen deutschen Namen, aber das hat nichts zu bedeuten.

"Ich heiße Thomas Schmitt und ich spreche keine Deutsch."

Unter dem Pseudonym TomTom arbeitet Thomas Schmitt als Plakatkünstler. Damit setzt er die Tradition der legendären Affichisten fort: In den 50er- und 60er- Jahren rissen Künstler wie Raymond Hains oder Francois Dufrêne die in den Straßen von Paris allgegenwärtigen Plakatwände ab, um daraus Kunstwerke zu kleben. Tom Tom entwickelte diese Technik weiter.

"Ich stelle keine Collagen her. Ich schneide mit dem Cutter Papierschichten aus den Plakaten raus, die sich überlagern. So existieren mehrere Ebenen nebeneinander. Bei den Plakatwänden ist das immer so, dass wie bei einem Schichtkäse ein Plakat über das andere geklebt wird. Ein Gesicht überlagert ein Logo oder einen Schriftzug. Ich schneide daraus ein Bild, in dem ich Schichten freilege und nebeneinander stehen lasse."

Erst wenn man mit dem Finger über die Bilder fährt, ist der Schichtkäse zu spüren. Tom Tom kreiiert Gesichter, Landschaften oder surreale Figuren in den typisch bunten Farben der Werbung. Inzwischen sieht sich der Künstler aber vor allem als Kurator von Street Art. Sein Ausstellungsort heißt "Le Mur". Die Abkürzung bedeutet Modulable, Urbain, Reactif, (veränderbar, urban und reaktionsfreudig). Le Mur ist eine gigantische Plakatwand. Künstler dürfen sich dort legal mit einem Graffiti verewigen.

Tom Tom geleitet mich die Rue Oberkampff bergauf zur Hausnummer 107. Dort hängt "Le Mur", was auch übersetzt Die Mauer heißt, kaum übersehbar an einem grauen Hochhaus. Mit ihren acht Metern Breite füllt sie fast die gesamte Fassade. Le Mur ist ein echter Hingucker. Ein ungewöhnlicher Ort, um Kunst auszustellen.

"Wir stehen jetzt an der Ecke Rue St. Maur und Rue Oberkampff. Früher war das hier ein Viertel mit vielen Tuchfabriken. Auf dieser Mauer gab es schon immer eine große Werbung. Sie sollte wohl abgerissen werden, blieb dann aber doch stehen. Wir haben die Werbetafel übernommen. Direkt dahinter befindet sich ein Café, das inzwischen legendär ist in Paris. Das Charbon. Jetzt ist es Teil unserer Ausstellungsorts geworden, wo zwei Mal im Moment Künstler ihre Arbeiten präsentieren: sie sprühen, malen oder kleben. Immer überdecken sie mit ihrer Arbeit wiederum das Werk ihres Vorgängers."

Die Plakatwand "Le Mur" an der Rue Oberkampff gilt als Visitenkarte der Pariser Straßenkunst. Mehr als 200 Künstler haben dort in den vergangenen sieben Jahren ausgestellt.

Ein Straßenzug im Pariser Stadtviertel Belleville (Deutschlandradio - Daniela Kurz)Ein Straßenzug in Belleville (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Für die Bildhauerin Laetitia Badaut Haussmann, die seit 2006 hier lebt, ist Belleville das einzige Viertel, in dem sie sich ein normales Leben leisten kann. Zu Mittag isst die 30-jährige Künstlerin mit dem braunen Lockenkopf oft in einem der asiatischen Restaurants, die sich in der Nähe der Metrostation Belleville in den kleinen Gassen wie an einer Schnur aneinanderreihen. Meist sind sie überfüllt, die Einrichtung schon etwas verschlissen, manche Restaurants haben nicht einmal einen Namen. Dafür ist ihre Küche einfach, lecker und vor allem preiswert.

"Hier kosten die Raviolis nur vier Euro. Beim Vietnamesen nebenan kriegt man schon für 2,50 Euro ein super Essen. Das ist gar nichts, verglichen mit dem Rest von Paris, wo ein Mittagstisch 30 Euro kostet. In Belleville gibt es noch Adressen, wo ein Essen nicht so teuer ist."

Die drohende Gentrifizierung

Noch, denn ein Blick auf die Aushänge der Immobilienagenturen, von denen es immer mehr in Belleville gibt, zeigt, wie gefragt hier der Wohnraum ist. Der Durchschnittskaufpreis liegt bei 7.000 Euro pro Quadratmeter. Laetitia macht diese Entwicklung Sorgen. Zuletzt hat sie sich in einer ihrer Performances mit der absurden Wohnsituation in Paris beschäftigt. Wie in keiner anderen Metropole der Welt gibt es einen so großen Unterschied zwischen Lebensqualität im Stadtzentrum und den Außenbezirken, der Banlieue. Intra muros, das heißt innerhalb des Stadtautobahnrings Périphérique, leben nur 2,2 Millionen Menschen, außerhalb der Stadtgrenzen, in der Banlieue, den Vorstädten, die einen schlechten Ruf genießen, sind es zehn Millionen. Laetita Badaut will in ihrer Kunst zeigen, wie die Stadt mit den Bewohnern jenseits der Peripherique umgeht.

"Ich habe einen Spaziergang ausgearbeitet, der ein oder zwei Stunden dauert. Die Zuschauer folgen zwei Schauspielern, die nicht sprechen, sondern nur mit Gesten arbeiten. Außerdem begleitet uns eine kleine Musikkapelle. Wir laufen in Richtung Peripherique, der Stadtautobahn, die ganz Paris wie einen Ring umschließt. Wenn man dort ankommt, gibt es plötzlich keine Geschäfte mehr. Es herrscht eine unwirtliche Leere. Die Peripherique ist eine Grenze, eine Mauer, die die Stadt und ihre Bevölkerung in zwei Schichten teilt. Das interessiert mich. Denn die Menschen hinter der Périphérique sind chancenlos und abgeschrieben."

Auch die Biennale von Belleville begleitet die Entwicklung des Viertels zum neuen hippen Pariser Kunsthotspot. Alle zwei Jahre im Herbst lädt sie internationale und französische Künstler dazu ein, sich mit Belleville auseinanderzusetzen. Gegründet wurde sie vor sechs Jahren von Patrice Joly.

"Paris ist ein Anti-Berlin. Hier zu leben ist so teuer wie sonst in kaum einer anderen Metropole. Die Künstler werden immer weiter an den Rand gedrängt. Die Kunstkritiker und Kuratoren wie ich sind in der gleichen Situation wie die Künstler. Sie sind arm und werden verdrängt. Das machen wir in unseren Ausstellungen zum Thema. Ich lebe seit dem Jahr 2000 in Belleville. Und auch hier wird es schwieriger zu leben. Denn die Bourgeoisie wird allmählich auch dieses Viertel in Beschlag nehmen und verändern."

In diesem Jahr war auch Michel Dupuy auf der Biennale von Belleville eingeladen, Stadtwanderungen durchzuführen. Es macht Spaß, sich von seinen Spekulationen und abseitigen Assoziationen mitreißen zu lassen. Zum Beispiel, wenn er in einer verwunschenen Seitenstraße aus einer harmlosen Getränkedose plötzlich eine Allegorie für das Paradies macht. Einmal, erzählt Dupuy, stand hier auf einem Stromkasten - wie eine Skulptur auf einem Sockel - eine Orangenlimonadendose mit dem Schriftzug "Oase". Oase, einen besseren Ausdruck gäbe es doch für diese idyllische Gasse nicht.

Michel Dupuy weist auf ein Art Deco-Backsteinbau aus den 30er-Jahren. Da gegenüber, das sei der legendäre Club "La Bellevilloise", sagt Michel Dupuy. Der Club, der sich in dem außergewöhnlichen Gebäude einquartiert hat, erlebe derzeit einen wahren Ansturm von Musikbegeisterten aus ganz Paris, erzählt er. "La Bellevilloise" ist aber auch eine Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt des alten Belleville einsetzt. Dazu gehört auch eine unbekannte, aber architekturhistorisch einzigartige Perle der Arbeiterarchitektur aus dem Jahr 1913. Das Wohnensemble erinnert an eine Gartenstadtanlage: mit geräumigen Innenhöfen und Grünzonen. Finanziert wurde sie von Madame Le Baudy, einer reichen Industriellenwitwe. Michel Dupuy weist auf das Relief über dem Eingangstor.

"Zu sehen ist eine Frau, wahrscheinlich Madame Le Baudy, die einer Familie wie zum Trost ein Taschentuch hinhält. Gegenüber sind die Eltern und zwei Kinder zu erkennen. Fünf Gebäudekomplexe dieser Art existieren in Paris. Und immer ist über dem Eingangsbereich dieses gleiche Relief in den Stein gemeißelt."

Wer mit Michel Dupuy unterwegs ist, dem wird schnell klar: Belleville wartet nicht mit herkömmlichen Sehenswürdigkeiten auf, sondern mit einer Mischung aus Arbeitertradition und avantgardistischen Kunstorten. Das echte Paris – noch ist es in Belleville zu finden.

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