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StartseiteSprechstundeGefährlich für die Blutgefäße16.12.2014

ParodontitisGefährlich für die Blutgefäße

Wenn das Zahnfleisch entzündet ist, dann ist das nicht nur schlecht für die Zähne. Eine Parodontitis erhöht auch das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Umso wichtiger ist es, dass die Entzündung erfolgreich behandelt wird.

Von Christina Sartori

Eine Auswahl an Zahnarztinstrumenten. (imago / Westend61)
Eine erfolgreiche Paradontose-Behandlung entlastet die Gefäße (imago / Westend61)
Weiterführende Information

Herzinfarkt bei Frauen - Bewegungsmangel wichtigster Risikofaktor
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 20.05.2014)

Gesünder leben - und trotzdem ein Herzinfarkt
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 02.07.2013)

Warnzeichen für den Herzinfarkt?
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 22.03.2012)

Besser vor Herzinfarkt und Schlaganfall schützen
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 03.02.2009)

Dr. Johannes Baulmann ist begeistert. Der Blutgefäß-Forscher vom Universitätsklinikum Lübeck hat zusammen mit einer Zahnärztin eine Studie durchgeführt, die ein deutliches Ergebnis erbrachte: "Unsere Gefäße reagieren auf die Entzündungen, die von dem Zahnfleisch ausgehen."

Das ist neu. Bisher wusste man zwar um den Zusammenhang von Bluthochdruck und Parodontitis – doch dass eine Zahnfleischentzündung direkt auf die Blutgefäße wirkt, sie sogar schädigt – das wurde erst mit dieser Studie gezeigt. 100 äußerlich gesunde Menschen ließen sich dafür nicht nur von der Zahnärztin wegen ihrer Parodontitis behandeln. Sondern sie ließen davor auch den Zustand ihrer Blutgefäße untersuchen. Mit erschreckendem Ergebnis, erzählt Johannes Baulmann:

"Wir haben als erste Analyse gesehen, dass diese Patienten mit dieser Zahnfleischentzündung, dieser Parodontitis, vorgealterte Gefäße haben: die sind stärker verkalkt. Die haben auch einen höheren Blutdruck, nicht unbedingt nur am Oberarm, sondern auch einen höheren Blutdruck direkt am Herzen."

Nach der Parodontitis Behandlung untersuchte Johannes Baulmann die Patienten erneut auf ihren Blutdruck und den Zustand ihrer Blutgefäße:
Und diesmal ergab sich ein erfreuliches Ergebnis:

"Und wir sehen nach einem halben Jahr schon – und der Effekt wird stärker, je mehr Zeit vergeht, je länger diese Entzündung weg ist im Zahnfleisch: Wir sehen, dass wenn diese Parodontitis behandelt wird, der Blutdruck direkt am Herzen runter geht und die Gefäßsteifigkeit geht runter, also die Verkalkung der Hauptschlagader, die geht tatsächlich zurück. Und diese Verkalkung der Hauptschlagader ist ein ganz starker Vorhersagewert für Herzinfarkt, Schlaganfall und Tod."

Entzündung muss behandelt werden

Dass der Zustand der Blutgefäße sich verbesserte, lag tatsächlich daran, dass die Entzündung im Zahnfleisch beseitigt worden war. Das zeigte sich an den Patienten, bei denen die Parodontitis Behandlung erfolglos verlief, erläutert der Gefäßforscher: "Unsere Kontrollgruppe sind die Patienten, die auf die Therapie nicht ansprechen, das gibt es auch. Bei denen bleibt die Entzündung im Körper und bei denen verbessern sich die Gefäße nicht. Und zwar: Weder verbessert sich der Blutdruck direkt am Herzen, noch die Verkalkung der Hauptschlagader."

Die Übeltäter sind anscheinend die Bakterien, die im Zahnfleisch für eine ständige Entzündung sorgen. Hier vermehren sie sich wie in einem Nest und von hier gelangen sie ständig in den Körper, fließen durch die Blutgefäße – und schädigen diese. Vor allem das Endothel, die innere Zellschicht der Blutgefäße, wird dadurch angegriffen. Professor Hermann Haller, Klinikdirektor an der medizinischen Hochschule Hannover, beschreibt, wie Bakterien und andere Risikofaktoren auf das Endothel wirken:

"Das kleidet praktisch alle Blutgefäße aus wie eine Tapete. Die Oberfläche ist sehr groß. In einem Patienten ist die Oberfläche so groß wie ein Fußballfeld, das heißt: Alle Blutgefäße zusammen, die Oberfläche, da ist viel möglich, da kann man sich gut bewegen und austoben. D.h. die Risikofaktoren können sich auf dieser Oberfläche bewegen, schädigen die Oberfläche, wie wenn Herta BSC spielt oder Borussia Dortmund: Da ist hinterher der Rasen schlecht. Und so ist es mit den Risikofaktoren, die bewegen sich auf dem Rasen und schädigen das Endothel."

Zu den Risikofaktoren, die den Endothel-Rasen schädigen, zählen neben den Bakterien aus dem Zahnfleisch zum Beispiel auch Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen. Leidet das Endothel, dann leidet das Blutgefäß – und das wiederum erhöht das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Deswegen ist Johannes Baulmann so begeistert von dem positiven Effekt einer Parodontitis Behandlung:

"Das ist ein Jungbrunnen für Gefäße, kann man so nennen."

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