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StartseiteInformationen am MorgenLabour-Partei diskutiert über Antisemitismus-Definition04.09.2018

Parteichef Corbyn unter DruckLabour-Partei diskutiert über Antisemitismus-Definition

Die Labour-Partei steht seit Jahren wegen Antisemitismus-Vorwürfen in der Kritik. Nun lenkt Parteichef Jeremy Corbyn ein: Ein Komitee soll abstimmen, ob die Partei die international gängige Definition von Antisemitismus übernimmt.

Von Friedbert Meurer

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Der Vorsitzende der oppositionellen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, bei einer Rede zum Brexit in der Coventry-Universität am 25.02.2018 im britischen Coventry. (AFP / Ben Stansall)
Jeremy Corbyn steht wegen Antisemitismus-Vorwürfen unter Druck (AFP / Ben Stansall)
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Ihren Anfang hat die endlose Antisemitismus-Affäre bei Labour vor zwei Jahren genommen. Der frühere Londoner Bürgermeister Ken Livingston behauptete damals in einem Interview, Adolf Hitler sei vor 1933 ein Zionist gewesen. Das brachte seinen Parteifreund John Mann in völlige Rage, der eine fraktionsübergreifende Arbeitsgemeinschaft gegen Antisemitismus leitet.

"Du bist ein Nazi-Apologet. Schau doch, was Hitler getan hat. Lies das Buch 'Mein Kampf'."

Ken Livingston, ein enger Freund Jeremy Corbyns, trat inzwischen aus der Partei aus. Corbyn selbst zögerte nicht nur, Livingston aus der Partei zu werfen. Der passionierte Kritiker Israels sorgte auch dafür, dass seine Partei den Kodex der Internationalen Vereinigung zum Holocaust-Gedenken bisher nur unvollständig übernommen hat.

Ex-Oberrabbiner sieht in Corbyn eine Gefahr

Anders als im Kodex vorgesehen verteidigt es Corbyn zum Beispiel, dass man die Politik Israels mit der der Nazis vergleichen darf, zum Beispiel also Gaza mit Auschwitz. Der frühere britische Oberrabbiner Jonathan Sacks kann es nicht fassen. "Es wäre eine Gefahr, wenn Jeremy Corbyn Premierminister würde. Wenn er sich nicht bei den jüdischen Mitgliedern von Labour entschuldigt, dann ist er eine so große Gefahr wie damals Enoch Powell."

Enoch Powell ist auf der Insel berüchtigt, weil er 1968 warnte, zu viel Einwanderung könne für "Ströme von Blut" sorgen. Diesen Vergleich hält John McDonnell, die Nummer zwei von Labour, für völlig überzogen.

"Diese Anschuldigungen und der Bezug auf Enoch Powell sind grundfalsch. Jeremy hat sich doch über 30 Jahre lang gegen Rassismus eingesetzt."

Corbyn für Umbenennung des Holocaust-Gedenktages

Corbyn hat sich in der Vergangenheit aber auch mit Politiker von Hamas und Hisbollah getroffen oder einen Antrag unterstützt, den Internationalen Holocaust-Gedenktag umzubenennen – in "Genozid-Gedenktag". Per Facebook hat Corbyn eine antisemitische Karikatur geteilt, die dickbäuchige Kapitalisten mit jüdischen Hakennasen zeigt. Das oder eine Kranzniederlegung in Tunis 2014 für einen Drahtzieher des Olympia-Attentats auf jüdische Sportler von 1972 seien Missverständnisse gewesen.

"Ich bin Jüdin und habe nie so viel Angst gehabt wie heute", erklärte die Labour-Abgeordnete Margaret Hodge im Unterhaus. Sie ist die Tochter des jüdischen deutschen Exilanten Hans Oppermann.

"Ich bin jetzt Außenseiterin in meiner Labour-Partei. Genug ist einfach genug."

Labour-Chef verliert an Rückhalt in Bevölkerung

Hodge lieferte sich sogar ein Wortgefecht in den Gängen des Unterhauses und beschimpfte Corbyn als Rassisten und Antisemiten.

Der Vorstand der britischen Sozialdemokraten wird heute wohl die international gängige Definition von Antisemitismus vollständig übernehmen, wohl mit dem Zusatz, dass Kritik an der Politik Israels zulässig bleiben muss. Die Affäre währt aber schon viel zu lange – und nur noch 20 Prozent der Briten bescheinigen dem Labour-Chef, eine gute Arbeit zu leisten.

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