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StartseiteWirtschaft und GesellschaftKritik an Vergabe an privates Call-Center27.07.2015

PatientenberatungKritik an Vergabe an privates Call-Center

Bald soll die Patientenberatung nicht mehr durch unabhängige Beratungsstellen, sondern von einem Call-Center durchgeführt werden. Das betreibt die Firma Sanvartis, die den Krankenkassen nahe steht. Kritiker befürchten deshalb, das Patienten bald nicht mehr neutral beraten und auf Fehlverhalten von Kassen aufmerksam gemacht werden.

Von Benjamin Hammer

Ein Mann telefoniert am 04.01.2013 in Berlin. (dpa picture alliance / Jan-Philipp Strobel)
Jedes Jahr bekommt die Unabhängige Patientenberatung rund 80.000 Anfragen, die meisten per Telefon. (dpa picture alliance / Jan-Philipp Strobel)
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Patientenberatung "In einem Call-Center geht es zu wie am Fließband"

Krankenkassen Patientenvertreter beklagen Leistungsverweigerung

"Guten Tag. Hier ist das bundesweite Beratungstelefon der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland." Jedes Jahr bekommt die Beratung rund 80.000 Anfragen, die meisten per Telefon. Aktuell wird die UPD von drei Verbänden getragen: Dem Sozialverband VdK, dem Verbraucherzentrale Bundesverband sowie dem Verbund der unabhängigen Patientenberatung. Geht es nach dem Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, dann kommt diese Ansage: "Wir verbinden Sie so schnell wie möglich mit einer Beraterin oder einem Berater" ab dem kommenden Jahr von einem anderen Anbieter.

Nach mehreren Medienberichten soll die Firma Sanvartis künftig die unabhängige Patientenberatung betreiben. Die Entscheidung haben - so sieht es das entsprechende Gesetz vor - der Patientenbeauftragte Laumann und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen gefällt. Dennoch will sich kaum jemand öffentlich äußern. Weder Laumann noch die Krankenkassen noch ein Sprecher des Gesundheitsministeriums.

"Also ich kann das nicht bestätigen. Das Vergabeverfahren als solches läuft noch. Es liegt in der Natur der Sache, dass wir sozusagen bei einem laufenden Vergabeverfahren uns dazu inhaltlich nicht einlassen."

Hinter vorgehaltener Hand heißt es jedoch von mehreren Seiten: Die Medienberichte sind korrekt, Sanvartis soll den Zuschlag bekommen. Dafür bekäme die Firma aus Duisburg pro Jahr neun Millionen Euro, der Vertrag würde sieben Jahre laufen. Sanvartis betreibt Callcenter für externe Auftraggeber. In diesen können Patienten medizinischen Rat von Fachpersonal erhalten. Das Unternehmen arbeitet für Krankenversicherungen und Pharmaunternehmen, darunter die Barmer GEK, die AOK, AstraZeneca oder Bayer. In einem Werbevideo von Sanvartis meldet sich ein Gesellschafter der Firma.

"Wir sind rund um die Uhr für unsere Kunden da. Auch an Weihnachten und in der Silvesternacht - und geben medizinische Auskünfte."

"Sie können nicht den Bock zum Gärtner machen"

Kritiker bezweifeln, dass Sanvartis diese "medizinischen Auskünfte" auch wirklich neutral und unabhängig geben kann. Zu ihnen gehört der Arzt Günter Jonitz. Er ist Präsident der Ärztekammer Berlin. Falls Sanvartis den Zuschlag bekomme, so Jonitz, werde der Anspruch der Unabhängigkeit ins Gegenteil verkehrt.

"Die Firma Sanvartis ist sicherlich eine hoch angesehene Firma, die vor allem ein Geschäftsfeld entdeckt hat um Informationen darzubieten und zu verkaufen und die wiederum mit Krankenkassen sehr eng zusammenarbeitet. Eine solche Einrichtung kann per se nicht unabhängig sein. Sie können nicht den Bock zum Gärtner machen."

Fragt man Jonitz, warum Sanvartis dennoch den Zuschlag bekommen hat, so ist seine Antwort klar: Die Krankenkassen seien sehr mächtig. In der Vergangenheit habe die Unabhängige Patientenberatung auf Fehlverhalten der Krankenkassen hingewiesen.

In der Unions-Fraktion im Bundestag würde man bei solchen Aussagen gerne dagegenhalten. Kann oder will man aber nicht. Weil das Vergabeverfahren noch läuft. Nur so viel will die Gesundheitspolitikerin Maria Michalk von der CDU sagen:

"Die Unabhängigkeit der Patientenberatung war uns von Anfang an in der Gesetzesberatung, auch dann in der Novelle, ganz, ganz wichtig."

Der Grund für die Zurückhaltung der Union: Der aktuelle Betreiber der Patientenberatung, die UPD gemeinnützige GmbH, der sich ebenfalls für den neuen Auftrag bewarb, will die Niederlage nicht akzeptieren. Er hat sich an die Vergabekammern des Bundes gewandt. Aussage: Wir haben die bessere Bewerbung hingelegt, ihr müsst das Verfahren stoppen. In CDU und CSU gibt man sich gelassen.

"Mir persönlich und uns insgesamt ist es besonders wertvoll, wenn dann letztlich noch von einer unabhängigen Stelle bestätigt wird, dass vom Verfahren her noch alles richtig ist. Und der oder die, die den Zuschlag bekommen, tatsächlich unabhängig sind."
Der oder die - damit meint Michalk das Unternehmen Sanvartis. Mit einer Entscheidung der Vergabekammer wird im August gerechnet.

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