Freitag, 30. September 2022

Causa Schlesinger und die Folgen
Es ist endgültig an der Zeit, intern kritische Fragen zu stellen

Sowohl Politik als auch öffentlich-rechtliche Sender wollten seit Jahren keine tiefgreifenden Reformen angehen, kritisiert Christoph Sterz. Dabei würde gerade das Ressourcen für Innovationen freisetzen, um es mit der kommerziellen Konkurrenz aufnehmen zu können.

Ein Kommentar von Christoph Sterz | 08.08.2022

Das ARD Hauptstadtstudio in Berlin
Das ARD Hauptstadtstudio in Berlin (dpa/ picture alliance / Geisler-Fotopress)
Auch wenn sich gerade viele aufgeregt austauschen über den Rücktritt der RBB-Intendantin Patricia Schlesinger: Das Kikaninchen hat sich bisher noch nicht zu dem Fall geäußert. Das könnte daran liegen, dass dieses blaue, lächelnde 3D-Kaninchen keine Zeit für sowas hat – und einfach seine Arbeit macht: Gutes Programm für kleine Kinder, im besten öffentlich-rechtlichen Sinne; ohne Werbung, mit wenig Schrott und viel Inhalt.
Und von diesen Kikanichen gibt es im übertragenen Sinne sehr viele bei den Öffentlich-Rechtlichen: Gutes Programm, auf das wir uns verlassen können; Inhalt, der einen weiterbringt, mit einer Menge Wissenswertem, mit den richtigen Fragen und Antworten.

Teures Parkett, schnelle Dienstwagen und raffiniertes Luxus-Essen

Nur geraten diese Kikanichen ins Hintertreffen, wenn sich in der Gesellschaft der Verdacht festsetzt, dass die da bei den Öffentlich-Rechtlichen oft an sich selbst denken – und die Rundfunkbeitrags-Milliarden auch genutzt werden für teures Parkett, schnelle Dienstwagen und raffiniertes Luxus-Essen.
Deshalb ist es so wichtig, klarzumachen, dass ARD, ZDF und Deutschlandradio für etwas Anderes stehen: für Inhalte jenseits des Kommerz, für Meinungsvielfalt, für verlässliche, möglichst neutrale Informationen und für einen sorgsamen Umgang mit unser aller Geld.

Innovation, Kontrolle und Reformen

Es ist jetzt endgültig an der Zeit, intern kritische Fragen zu stellen: Wie hoch müssen Intendantinnen-Gehälter sein – ohne die fähigsten Köpfe an die kommerzielle Konkurrenz zu verlieren, aber auch ohne das Maß zu verlieren? Wie lassen sich die Beiträge am besten für erstklassigen Journalismus nutzen? Muss es wirklich so viele Regionalprogramme im Fernsehen geben, bei denen zum Beispiel im Tagesprogramm gefühlt jeder Zoo mal vor die Kamera darf „Giraffe, Erdmännchen & Co.“ oder „Elefant, Tiger & Co.“?
Und wie können die Öffentlich-Rechtlichen besser kontrolliert werden – damit das Geld in brillantem Programm landet und nicht im Büro der Intendantin? Wie wäre es mit Kontrollgremien, die wirklich kontrollieren; mit Mitgliedern, die voll im Thema sind – und vielleicht auch haupt- oder nebenamtlich beschäftigt werden, um den Job als Kontrolleur wirklich ernsthaft ausfüllen zu können?

Lückenlose Aufarbeitung des Schlesinger-Falls

Sowohl Politik als auch Öffentlich-Rechtliche trauen sich seit Jahren einfach nicht an die wirklich heißen Eisen ran; oder wollen aus Eigeninteresse keine tiefgreifenden Reformen angehen; etwa die Möglichkeit, Rundfunkanstalten zusammenzulegen; oder sich konsequent heranzuwagen an die Frage, worauf im Fernsehen und Radio verzichtet werden sollte, um noch mehr Ressourcen zu haben für junges Programm, für Innovationen; für digitale Angebote, die es aufnehmen können mit der kommerziellen Konkurrenz.
Die Causa Schlesinger und manch andere jüngste Verfehlung in der ARD ist deswegen so tragisch, weil sich in den letzten Jahren durchaus Einiges getan: Es gibt viele herausragende Recherchen, brillante Podcasts und Formate bei TikTok oder Instagram, Journalistinnen, die ihren Job mit Herzblut machen, in der Welt, in Deutschland und im Regionalen.
Deshalb ist die lückenlose Aufarbeitung des Schlesinger-Falls so wichtig; und darf so oder so ähnlich nie wieder vorkommen - damit ARD, ZDF und Deutschlandradio wieder mehr Rückhalt bekommen in der Gesellschaft – und jeden Tag beweisen können, wie wichtig sie für uns alle sind.