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StartseiteForschung aktuellKatalin Karikó für Forschung an mRNA-Impfstoff ausgezeichnet21.09.2021

Paul-Ehrlich-PreisKatalin Karikó für Forschung an mRNA-Impfstoff ausgezeichnet

Ohne Katalin Karikó hätte es die Corona-Impfstoffe von BioNTech und Moderna wahrscheinlich nie gegeben. Lange Zeit kämpfte die aus Ungarn stammende Biochemikerin vergeblich um Fördergelder. Jetzt bekommt sie gemeinsam mit Özlem Türeci und Uğur Şahin von BioNTech den Paul-Ehrlich-Preis.

Michael Lange

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Dr. Katalin Kariko (www.imago-images.de)
Ausgezeichnet mit einem der renommiertesten Medizinpreise: Dr. Katalin Karikó (www.imago-images.de)
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Lange Zeit hat Katalin Karikó etwas voran getrieben, wovon andere nicht überzeugt waren: Die mRNA-Technologie. Die neuen Impfstoffe gegen Corona sind vor allem auch ihr Verdienst. Jetzt hat Karikó dafür einen der renommiertesten Medizin-Preise bekommen, den Paul-Ehrlich-Preis - zusammen mit Özlem Türeci und Uğur Şahin von BioNTech. Ihre ersten Gedanken, als sie davon erfuhr: "Oh mein Gott, ich kenne jemanden, der den Preis schon gewonnen hat. Ich habe darüber gelesen. Mit riesigem Respekt. Und jetzt realisiere ich: Ich gehöre nun selbst zu diesen Preisträgern. Das ist wie ein Schock!"

"Mutter der mRNA-Impfstoffe"

Die 66-jährige Karikó gilt auch als "Mutter der mRNA-Impfstoffe". Schon zu Beginn ihrer Forscherkarriere in Ungarn hat sie sich dem Biomolekül gewidmet, der kleinen Schwester des Erbmoleküls DNA. Sie war überzeugt - mRNA ist eine ideale Medizin, wenn auch mit einer anfangs eher naiven Vision: "Ich stellte mir vor, dass jeder etwas mRNA im Kühlschrank hat, oder im Gefrierschrank. Und wenn man am Fuß eine Blase hat oder sonst etwas, dann schmiert man mRNA darauf, und das heilt. So dachte ich mir das."

mRNA steht für Boten-Ribonukleinsäure. Das Molekül überbringt die genetische Information vom Erbmolekül DNA im Zellkern zu den Proteinfabriken der Zelle, den Ribosomen. So entsteht aus Erbinformation biologische Aktivität. Allerdings stand die mRNA in den 1990er Jahren im Schatten des Erbmoleküls DNA. Tausende Biowissenschaftler waren mit der Entschlüsselung der DNA beschäftigt und erhielten Milliarden Dollar Fördergelder.

Keinen Penny Fördergelder

Katalin Karikó blieb bei ihrer RNA und forschte weiter an der Universität von Pennsylvania in den USA. "Ich denke gerade zurück, während ich all diese Auszeichnungen erhalte. 40 Jahre lang habe ich Projekt-Förderung beantragt, aber nie einen Penny bekommen." Die mRNA schien als Medikament ungeeignet. Sie wurde vom Immunsystem des Empfängers als fremd erkannt und bekämpft.

Gemeinsam mit dem Immunologen Drew Weissman entdeckte Katalin Karikó 2005 dann aber die Schwachstelle ihrer bisherigen Idee und baute die RNA um. Sie ersetzte den natürlichen RNA-Baustein Uridin durch synthetisches Pseudouridin und hatte Erfolg. Die veränderte RNA wurde nicht mehr bekämpft und konnte ihre Botschaft überbringen.

Wechsel zu BionNTech

Aber der Weg zu einer mRNA-Therapie war noch weit. Um ihre Idee in die Praxis umzusetzen, kam sie 2013 nach Deutschland zu BioNTech, einem damals noch unbekannten Biotechnologie-Unternehmen in Mainz. "Ich sagte: Okay, ich will warten, bis wenigstens ein Patient von meiner Arbeit profitiert. Wenigstens einem Patienten soll es durch die Behandlung besser gehen. So wartete ich nicht nur ein oder zwei Jahre, sondern acht Jahre."

Bei BioNTech konzentrierte man sich zunächst auf die Behandlung von Krebs mit mRNA. Aber dann kam das Jahr 2020 und die COVID-19-Pandemie. Die Welt brauchte dringend einen Impfstoff, und die beiden Gründer von BioNTech Özlem Türeci und Uğur Şahin reagierten sofort. Sie entwickelten einen mRNA-Impfstoff auf der Basis der Entdeckung von Katalin Karikó.

"Wissenschaft ist wie Rudern"

Durch den Erfolg der Corona-Impfung wurde das Unternehmen bekannt und Katalin Karikó eine Berühmtheit in Wissenschaftskreisen. Wenn sie darüber nachdenkt, muss sie schmunzeln. Bisher war ihre Tochter Zsuzsanna der einzige Star der Familie, mit zwei olympischen Goldmedaillen und fünf Weltmeistertiteln im Rudern. "Sie war eine Legende. Wir sprechen oft über die Gemeinsamkeiten von ihrem Sport und meiner Forschung. Bei beiden siehst du das Ziel nicht. Aber beim Rudern, weißt du, dass es da ist. In der Wissenschaft ruderst du wie verrückt und hoffst nur, dass da überhaupt irgendeine Ziellinie ist."

Der Impfstoff gegen COVID-19 ist für Katalin Karikó nicht die Ziellinie. Sie will, dass mRNA zur Grundlage für viele neue Therapien wird, gegen Krebs, aber auch gegen Erbkrankheiten. Damit könnte eine über 100 Jahre alte Idee von Paul Ehrlich Wirklichkeit werden: Maßgeschneiderte Medikamente gegen verschiedene Krankheiten. Genau passend für jeden Patienten.

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