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StartseiteDie neue PlatteTonschönheit ist Nebensache29.12.2013

Paul HindemithTonschönheit ist Nebensache

Zum fünfzigsten Todestag des Komponisten Paul Hindemith erscheinen gleich zwei CDs mit Interpretationen von Bratschen- und Violinstücken. Tanja Becker-Bender stellt das Frühwerk des jungen Hindemith in den Mittelpunkt, während Antoine Tamestits Hommage einen Sprung in die Nazi-Zeit macht.

Von Raoul Mörchen

Schwarz-weiß-Aufnahme von Paul Hindemith, glatzköpfiger Mann, im Anzug, mit Papier in der Hand, seitlich sitzend, in die Kamera blickend. (AP)
Kritiker erkannten erst spät das Werk Paul Hindemiths an. (AP)

Er könne jedes klassische Instrument spielen - das hat der sonst so bescheidene Paul Hindemith gerne betont. Zwei dieser Instrumente hat Hindemith nicht bloß gespielt, er hat sie als Kammer- und Orchestermusiker und als Solist hervorragend beherrscht. Beide stehen im Mittelpunkt der neuen Veröffentlichungen von Antoine Tamestit und Tanja Becker-Bender: die Bratsche und die Geige. Erschienen sind die CDs zum Todestag des Komponisten. Er jährte sich gestern, am 28. Dezember, zum fünfzigsten Mal.

Sonate op. 11, 1 – I

Klingt so Paul Hindemith? In der Tat, so klingt er - so klingt der junge Paul Hindemith. Ein unbekannter Komponist, jedenfalls war er das lange Zeit. Der alte Hindemith hat selbst dafür gesorgt, dass man dem jungen keine Aufmerksamkeit mehr schenkt: Er hat ihn getadelt für seinen Überschwang und seine Unbeherrschtheit, für seine Vitalität und sein Bedürfnis nach Ausdruck, hat die eigenen frühen Werke offen kritisiert. Als Paul Hindemith, der Bürgerschreck der Zwanzigerjahre, in den Dreißigern eine Kehrtwende ins Konservative vollzieht, sein Tun in bedrängter Zeit schützt mit Theorie und Geschichte, da hat er einiges von früher revidiert, das meiste aber schlicht verleugnet. Werke wie die ersten beiden Violinsonaten, die er geschrieben hatte mit 22, waren nicht mehr der Rede wert.

Das Publikum hat Hindemiths Urteil zu Lebzeiten akzeptieren müssen - und ihn danach, den jungen wie den alten Komponisten, einfach vergessen. Der einstige Star der deutschen Avantgarde fand bei der Nachkriegsgeneration keine Gnade mehr. Erst seit den 1980er-Jahren haben Kritiker und Musiker Hindemith eine zweite Chance gegeben - und dabei auch das so sträflich vernachlässigte Frühwerk entdeckt, die Opern, die Konzertmusiken oder die ersten Sonaten.

Liebe zum Erzfeind Frankreich

Dass diese Musik wirklich von Paul Hindemith komponiert wurde, ist nicht das Einzige, was an ihr überrascht. Überraschend ist ganz sicher auch, wann und wo sie entstanden ist: im Laufe des Jahres 1918 an der hart umkämpften Westfront eines Weltkriegs, der bereits Millionen von Todesopfern gefordert hatte. Hindemith, damals Soldat eines Musikbataillons, versucht mit seinen Mitteln, dem Schlachten die Stirn zu bieten: mit einer Werkserie, die eine bessere Welt entwirft. Allenfalls in den langsamen Sätzen vermeint man heute etwas von der Angst und Verzweiflung zu hören, die Hindemith tagtäglich umgeben haben muss. Man kann aber auch noch etwas anders heraushören, aus den beiden Violinsonaten op. 11 – dass nämlich der vermeintlich über alle Maßen deutsche Komponist Paul Hindemith hier ganz offen seine Liebe zum Erzfeind Frankreich bekennt, zu César Franck und vor allem zu Claude Debussy. Vom Tod des Kollegen Debussy erfährt er, als er gerade mit Kameraden dessen Streichquartett spielt: In dem Moment, so berichtet er später, habe er verstanden, dass Musik mehr sei als Stil, Technik und Ausdruck persönlichen Gefühls. "Musik", so Hindemith, "griff hier über politische Grenzen, über nationalen Hass und über die Gräuel des Krieges hinweg."

op. 11, 2 – II.

Paul Hindemith gedenken, anlässlich seines fünfzigsten Todestages, kann man auf ganz unterschiedliche Weise: Man kann, wie in diesem Jahr allerdings kaum irgendwo geschehen, seine großen Opern wieder inszenieren, den Cardillac oder Mathis der Maler, die spektakulären Einakter der 20er-Jahre, man kann Orchesterwerke wie die Sinfonischen Metamorphosen aufführen oder den wunderbaren Liederzyklus „Das Marienleben“. Wenn sich stattdessen die Geigerin Tanja Becker-Bender und der Pianist Péter Nagy für die vier Violinsonaten entscheiden, so ist auch das eine gute Wahl: Wenngleich diese Sonaten weniger prominent sind, so erlauben sie doch einen besonders persönlichen Einblick in Leben und Schaffen eines Mannes, der seine Karriere nicht als Komponist, sondern als Geiger begonnen hat.

Sachliches und schnörkelloses Spiel

Am Konservatorium seiner Heimatstadt Frankfurt nahm Hindemith schon als 13-Jähriger sein Studium auf, mit 19 wurde er Erster Konzertmeister des Städtischen Opernorchesters. Die Violinsonaten op. 11 hat er selbst uraufgeführt - wie, das allerdings bleibt Spekulation. Gemeinhin wird dem Interpreten Hindemith ein betont sachliches und schnörkelloses Spiel attestiert, ohne virtuosen Glanz und romantische Attitüde. Auch Tanja Becker-Bender und Péter Nagy zwingen Hindemith und seine Musik nicht zurück ins 19. Jahrhundert, nicht die frühen Sonaten op. 11 und schon gar nicht die beiden späten aus den 30er-Jahren. Sie lassen sich vom Notentext und seinen Vorgaben leiten, den vielen Differenzierungen des Tempos und der Phrasierung, sie stellen sich hinter den Komponisten, nicht vor ihn. Einiges könnte sogar stärker akzentuiert sein, könnte etwas mehr Raffinesse vertragen. Extravagant allein ihre Dynamik. Da gehen die beiden weiter, als Interpreten damals wohl gegangen wären, bei Hindemith oder irgendwem sonst: Manches Pianissimo von Becker-Bender scheint sich in Luft auflösen zu wollen. Historische Aufführungspraxis ist das nicht, eher die Freiheit der Nachgeborenen.

Die Freiheit des Nachgeborenen reklamiert auch der französische Bratschist Antoine Tamestit für sich. Auch er entlockt Hindemith eine Empfindlichkeit, ja Verwundbarkeit, die streng genommen nicht authentisch ist: Hindemith - das bezeugen historischen Aufnahmen - ist als Interpret in eigener Sache so weit nie gegangen. Andererseits hätten ihm zu solcher Expressivität vermutlich auch die Mittel gefehlt. Ob als Geiger oder später als Bratscher: Hindemith war ein ausgezeichneter Musiker - mit den allerbesten konnte er sich nicht messen. Und Tamestit zählt heute zweifellos zu diesen allerbesten. Um es ganz nüchtern in Zahlen auszudrücken: Den berüchtigten vierten Satz der Solosonate op. 25 Nummer 1 durchläuft Tamestit fast anderthalbmal so schnell wie seinerzeit Hindemith: Und Tempo ist das, worauf es ankommt. Ein "rasendes Zeitmaß" hat der Komponist in der Partitur gefordert - und die berüchtigten Worte hinzugefügt: "Wild. Tonschönheit ist Nebensache."

Sonate op. 25,1. IV.                                

"Rasendes Zeitmaß. Wild. Tonschönheit ist Nebensache." Was sich an Salonromantik über den Ersten Weltkrieg hat retten können, hat der junge Paul Hindemith genüsslich mit den Füßen traktiert. Über den französischen Impressionismus und den deutschen Expressionismus wurde er in den Zwanzigerjahren zum Aushängeschild der sogenannten Neuen Sachlichkeit. Inmitten größter Erfolge beschlich Hindemith aber eine Angst: Die Angst, Kunst könnte für die Menschen an Bedeutung verlieren, sie könnte nutzlos werden, wenn sie nur an sich selbst denkt. In den 30er-Jahren zieht Hindemith die Reißleine, wandelt sich vom Bürgerschreck zum autoritären Bewahrer der Tradition. Wie schnell und radikal der Wandel vor sich geht, das kann man sehr gut nachvollziehen, wenn man Antoine Tamestit folgt: Seine Hindemith-Hommage führt über eine Duosonate von 1918 und die Solosonate von 1922 in einem weiten Sprung zu zwei Konzerten, die während der Nazi-Zeit entstanden. Hindemith, dessen Werk von den Machthabern als "entartet" denunziert wird, schreibt eine melancholische Trauermusik für den verstorbenen britischen König Georg V. und ein verwunschenes Konzert nach Themen deutscher Volkslieder, den "Schwanendreher".

Wer den „Schwanendreher“ noch nie gehört hat, der darf gemeinsam mit Antoine Tamestit eine schöne Entdeckung machen. Mit ruhiger, weiter Geste spielt der Franzose diese Musik, lässt sie tanzen und singen und melancholisch zurückblicken auf eine vergangene Zeit: Im Bild des Spielmanns, der mit seiner Bratsche umherreist und seinem Publikum alte Volksweisen präsentiert, in diesem mittelalterlichen Bild hat sich Hindemith in schwerer Zeit selbst porträtiert. Man kann das Unzeitgemäße dieses Komponisten durchaus erkennen bei Tamestit - und doch gleich wieder vergessen: So fulminant gespielt, besteht Paul Hindemith auch heute noch die Gegenwart.

Der Schwandreher - Finale

Antoine Tamestit spielte das Finale des Bratschenkonzerts "Der Schwanendreher", begleitet vom HR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Paavo Järvi. Zum fünfzigsten Todestag des Komponisten Paul Hindemith hat Tamestit dieses und andere Werke für Bratsche eingespielt für das Label NAIVE. Hindemiths Violinsonaten sind in einer Neuaufnahme mit Tanja Becker-Bender und Péter Nagy erschienen bei HYPERION.

Hindemith: Violin Sonatas: Tanja Becker-Bender, Violine / Péter Nagy, Klavier. Komponist: Paul Hindemith, Label: Hyperion, Best.-Nr: 68014, Barcode: 0034571280141

Hindemith: Viola Works. Antoine Tamestit, Viola, Orchester: HR-Sinfonieorchester. Dirigent: Paavo Järvi, Komponist: Paul Hindemith, Label: NAIVE, Best.-Nr: V5329, Barcode: 0822186053294

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