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StartseiteBüchermarktLiterarisches Action Painting16.12.2019

Paul Nizon: "Canto"Literarisches Action Painting

Der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon wird am 19. Dezember 90 Jahre alt. 1963 gelang ihm mit dem Prosaband "Canto" der Durchbruch. In seinem vielfach ausgezeichneten Werk kreist er meist um sich selbst, seine Erfahrungen, Leidenschaften und Ängste – was ihm den Vorwurf der Egomanie einbrachte.

Von Matthias Kußmann

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Das Foto zeigt den Schweizer Kunsthistoriker und Schriftsteller Paul Nizon auf der Lit.Cologne 2018. (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
Großer Schriftsteller mit sehr viel Selbstbewusstsein: Paul Nizon. (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
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1960 kommt Paul Nizon mit einem Stipendium nach Rom. Der Schweizer Kunstkritiker, Museums­assistent und Familienvater ist 30 und fühlt sich wie "in Ketten", schreibt er später. Eigentlich will er freier Autor sein. Das Jahr in Rom verändert sein Leben. In einem Interview sagt er:

"Rom sehe ich als meine schriftstellerische Geburts­stadt an. Die Weltstadt war die Welt, und ich lief darin herum, als hätte ich keine Geschichte, als liefe ich auf das Leben zu, ein Anfänger."

Nizon lässt sich treiben, ist berauscht von der Stadt, fühlt sich frei und lebendig. Zurück in der Schweiz wird er leitender Kunstkritiker der Neuen Zürcher Zeitung. Das geht nicht gut. Bei einer Dienstreise nach Barcelona sucht er wieder nach gesteigertem Leben, hat eine Affäre, versackt in Bars, verpasst Termine. Als er zurückkehrt, verlässt ihn seine Frau. Er kündigt bei der Zeitung und beginnt "Canto" zu schreiben, das Buch über sein römisches Jahr. – Paul Nizon wurde am 19. Dezember 1929 in Bern geboren. Jetzt gibt es zum 90. Geburtstag eine Neuausgabe des "Canto" bei Suhr­kamp. 1962, als der Ver­leger Siegfried Unseld das Manuskript liest, hält er Nizon für ein Genie.

"Auf einmal war ich zum Schriftsteller geworden, der von einem der besten Verleger der Welt bezahlt wur­de. Es war, als hätte ich einen Hollywood-Vertrag unterzeichnet. Ich hatte mein kleines Auto, ich hatte mein Atelier, es war der Anfang und es war herrlich!"

"Canto" erscheint 1963 – vier Jahre nach Nizons eher unauffälligem Debüt mit Prosaskizzen, "Die gleiten­den Plätze". Doch "Canto" ist ein Pauken­schlag. Das Buch hat keine Gattungs­bezeich­­nung. "Canto" heißt italienisch "Gesang", und der hoch musikalische Text besingt Rom tat­säch­­lich. Es gibt keinen Plot, der Autor reiht assoziativ Wahrneh­mungen, Erlebnisse und Gedanken aneinander. Details der Stadt ziehen vorbei, Passanten, es gibt Begeg­nun­gen mit Frauen, auch mit Prostituierten. Nizon schreibt sich in einen Rausch, spielt exzessiv mit Sprache, Klang und Rhythmus.

"Ja, ich war in der Stadt, und die Schauplätze, die Plätze hatten mich. Die ließen flügelschlagend sich nieder, fächerten, spritzten ihre Essenzen aus über mir, legten mir ein ihre Schatten, gossen Leiern, Lachen, Hallen aus über mir und ihre Stille, die warfen ihre Lassos um mich, die führten mich um­schlungen in immer andere Umschlingung. In ihr Tagwesen, ihr Nacht­wesen, ihre Schlupfwinkel, ihre Demutwinkel. Ihre Trunkenheit."

Eine neue literarische Form

Die Hauptfigur, mal ein Ich, mal ein Er, ist wie der Autor Stipendiat in Rom. Er treibt durch die Stadt, schreibt und reflektiert sein Schreiben. Er formuliert ein Programm, dem Nizon – von Ausnahmen abgesehen – sein ganzes Werk lang treu bleibt.

"Keine Meinung, kein Programm, kein Engagement, keine Geschichte, keine Fabel, keinen Faden. Nur diese Schreibpassion in den Fingern. Schreiben, Worte formen, reihen, zeilen, diese Art von Schreib­fanatismus ist mein Krückstock, ohne den ich glatt vertaumeln würde."

Nizon will durch Sprache Wirk­lichkeit schaffen. Erst geschriebenes, ästhetisiertes Leben ist gelebt. Er beschäftigt sich in den 50er, 60er Jahren mit Action Painting und Tachismus – für ihn die künst­lerischen Formen der Zeit. So schafft er mit "Canto" eine neue literarische Form, eine Art schrei­bendes Action Painting. Wie Jackson Pollock Farbe auf die Lein­wand spritzt, lässt Nizon die Sprache frei. Allerdings überarbeitet er den Text, feilt an Klang und Rhyth­mus, ohne ihm den spontanen Gestus zu nehmen. Dieser Gestus und das Rauschhafte, Asso­ziative zeichnen "Canto" aus. Doch das Buch wird kein Erfolg.

"Mindestens zehn Verlage hatten eine Option für Übersetzungsrechte gekauft und haben sie später, nach dem Verkaufsmisserfolg in Deutschland, zurückgegeben. Trotz der Publizität und der vielen Artikel wurden von dem Buch damals nur 1500 Exemplare verkauft. (…) Damals war es eine ent­setzliche Enttäuschung, ein Sturz aus großer Fallhöhe."

Für avantgardistische Bücher wie "Canto" gibt es Anfang der 60er Jahre kaum Leser. Die sind an Realismus, magischen Realismus und Sozial­kritik gewöhnt – nicht an Texte, die Sprache geradezu exzessiv feiern, aber wenig erzählen. Doch die helle Feier Roms ist nur eine Seite der Medaille. Das Buch ist auch von dunklen Passagen durchzogen, die von Nizons Her­kunft handeln. Der Protagonist ist wie der Autor in klein­bürgerlicher Enge in Bern auf­ge­wach­sen: als Kind einer Mutter, die eine Pension führte, und eines russischen Immi­granten, der früh starb.

Die bürgerliche Karriere verlassen

"Vater auf der rauchigen Photographie, Vater im runden Kragen und salopplangen Sakko, Vater unter herrlichem Hut mit der trostlos geschwungenen Krempe. Fremder du, aufgenommen im Park jener Stadt, die durch dich meine Vaterstadt wurde."

Nizons Protagonist will sich dem Vater nähern, um seine Herkunft besser zu verstehen – vergeblich. In den paar Fotos und Erinnerungen kommt er ihm nicht bei. Auch auf das Ende der Ehe und die ge­scheiterte Redakteurs-Karriere wird angespielt. Im römischen Institut, bei dem er Stipendiat ist, notiert er:

"Hier in der Bibliothek, im kalten Rahmen des Marmors, den die Bücherwände mir nicht verbergen, unter grün geschirmtem Leselicht, stelle ich fest: dass ich austrat."

Er tritt aus der bürgerlichen Karriere aus, lässt die Ehe hinter sich und will hier und jetzt im Leben ankommen. In Rom, im Schreiben, auch "in Frauen", wie es heißt. Dort kann er das Leben immer wieder fassen – doch nur momentlang:

"Das sind so Minutenplätzchen, da lebt man auf, lebt minutenlang im Licht, und die Säule der Lebenslust steigt. Dann klappt die Altväteruhr den Klappdeckel zu, klappt zu, dunkel wird´s. (…) Lebenspflästerchen, Platzinselchen im Schwarzen, das keine Farbe ist, nur Abgrund."

"So ist "Canto" nicht nur Gesang. Es geht auch um einen, der das ganze Leben fassen will und selbst im lebendigen Rom scheitert, in Fremd­heit und Einsam­keit zurückfällt. Ein Muster, das in Nizons Werk später wieder auftauchen wird. Nach dem Miss­­erfolg des "Canto" arbeitet er erneut als Kunst­kritiker. Erst in den 70er Jahren meldet er sich lite­rarisch zurück, ex­perimentiert mit fast medi­tativer Prosa, Erzählung und realisti­schem Roman. 1977 bricht er in einer existentiellen Krise alle priva­ten und beruf­lichen Brücken in der Schweiz ab. Er zieht fast mittellos nach Paris, um dort endlich als freier Autor eine ästhetische Existenz zu leben. Im Roman "Das Jahr der Liebe" heißt es über Paris:

"Nimm mich an, bring mich hervor. Wenn ich die Angst überwand, wenn ich schreibend in den Wald hineinginge, wenn ich mich am Schreiben fest­klam­merte und nicht nachließ, wenn ich solcher­maßen zu mir und zum Leben käme, dann würde es nicht ein Überleben, sondern ein neues Leben sein."

Sein Thema ist sein Leben

"Das Jahr der Liebe" erscheint 1981. Es ist der Durch­bruch zur eigenen Form, zum eigenen Stil. Wie in "Canto" gibt es keinen durch­gängigen Plot, doch Nizon findet zu lose ge­reih­ten Erzählpassa­gen. Die Sprache ist wieder musikalisch, die Bilder sind an­schaulich, Paris wird so lebendig wie damals Rom. Doch der Autor will nicht mehr um jeden Preis auf­trumpfen. Aus dem wilden litera­rischen Action Pain­ting ist Jazz geworden, mit Uptempo- und coolen Passagen. Nizons Thema ist sein Leben, sind seine Erfahrungen. Er entwirft schon in den 70er Jahren ein Genre, das heute "Auto­fiktion" genannt wird. Autoren wie Karl Ove Knausgard finden damit Millionen Leser. Nizon, der viel besser schreibt, nicht.

"Das ist mir total egal, so lange ich überleben kann. (…) Ich war mir sehr früh bewusst, dass ich kein populärer Schriftsteller bin und dass überhaupt das wirkliche Lesen nur von einer Minderheit praktiziert wird."

Paul Nizon ist im deutschsprachigen Raum trotz vieler Auszeichnungen wenig bekannt. Er wurde als "Ego­mane" kritisiert, auch seine Feier des Sexus wurde moniert – in Frankreich liebt man ihn dafür. Mit 90 Jahren blickt er auf ein umfangreiches Werk zu­rück. Nach dem "Jahr der Liebe" erschienen weitere Ro­mane und Erzählungen über sein Pariser Alter Ego. Dazu eine Reihe von Essays und fünf "Jour­nale": tagebuchartige Aufzeich­nungen, die sein Leben und Schreiben begleiten. Auch sie sind Litera­tur.

Paul Nizon: "Canto".
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.
255 Seiten, 20 Euro.

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