Samstag, 19.09.2020
 
Seit 09:10 Uhr Das Wochenendjournal
StartseiteBüchermarktChemnitz als Sehnsuchtsort16.04.2020

Paula Irmschler: „Superbusen“Chemnitz als Sehnsuchtsort

Paula Irmschler erfindet mit Gisela eine junge Frau aus prekären Verhältnissen. Zum Studium zieht sie nach Chemnitz und gründet mit Freundinnen die Band „Superbusen“. So entsteht Literatur, die klingt wie ein Kraftklub-Song: dreckig und provokant, aber mit großem Herzen.

Von Bettina Baltschev

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz (picture alliance / dpa)
Über Chemnitz gibt es viele Vorurteile, doch auch eine lebendige Kultur-und Musikszene und viele Studenten. Paula Irmschler weiß das. Sie zog 2010 zum Studium nach Chemnitz. (picture alliance / dpa)
Mehr zum Thema

Anja Rützel porträtiert Ex-Boyband Take That im Leitzordner

Julia Malik: "Brauch Blau" Ende im Feuertod

Benjamin Quaderer: "Für immer die Alpen" Über Liechtenstein, Banker und Hochstapler

Britney Spears als Rollenmodell, darauf muss man erst mal kommen. Doch für die junge Erzählerin aus Paula Irmschlers Debütroman "Superbusen" ist die Sängerin eine echte Identifikationsfigur. Als Tochter einer alleinstehenden Mutter wächst Gisela in Dresden in sogenannten prekären Verhältnissen auf und hadert mit ihrem Körper. Die Musik von Britney Spears gibt ihrem Leben den Glamour, den sie vermisst.

"Und dann kam sie. Tipp, tipp, tipptipp, tippeldietipp machte sie mit ihrem Stift auf einem Tisch in einem Klassenzimmer. "… Baby One More Time" war da, und wir Mädchen fingen an, mit den Zungen zu schnalzen. (…) Wie Britney werden, wie Britney singen und tanzen, wie Britney aussehen, mit Britney befreundet sein, das waren die einzigen vorstellbaren, notwendigen Ziele fürs Leben zum Ende des letzten Jahrtausends."

Für Chemnitz reicht das Geld

Im neuen Jahrtausend gibt es dann nur ein Ziel: weg von Zuhause. Dass es Chemnitz wird, von Dresden gerade 100 Kilometer entfernt, ist weniger Absicht als Zufall. Für eine coolere Stadt reicht das Geld nicht und für Politikwissenschaften gibt es hier keinen NC. So kann sogar Chemnitz zum Sehnsuchtsort werden.

"‚Das verheißungsvolle Wort Chemnitz‘ - ich würde jede Wette annehmen, dass niemals jemand zuvor so über diese Stadt gedacht hat. Es war so verheißungsvoll, weil es das erste Mal Alleinsein bedeutete, das erste Mal war, dass ich selbst etwas entschieden hatte und mir nun mein Umfeld ganz neu zusammensuchen konnte."

Chemnitz als prototypische Ost-Stadt

Auch Paula Irmschler kommt aus Dresden. Geboren 1989 zog sie 2010 zum Studium nach Chemnitz. Man kann also von einigen Parallelen zwischen Roman und Biografie ausgehen. Allerdings glaubt die Autorin, dass jede Ost-Stadt unterhalb des medialen und touristischen Radars ähnlich funktioniert.

"Man hat Nazis da, man hat Menschen da", sagt Paula Irmschler, "die sich ständig wegen Lärmbelästigung beschweren, man hat wenig Clubs zur Auswahl und es ist vielleicht auch ein bisschen was oder einiges Ostspezifisches darin, zumindest ist mir in westlichen Städten, in die man so des Studiums wegen geht, nichts ähnliches untergekommen. Wobei es vielleicht in Wuppertal so ähnlich sein könnte, aber das kenne ich halt nicht. Und deshalb ist es Chemnitz geworden, weil ich es kenne und schätzen gelernt habe, was es da gibt an Miteinander."

Plötzlich bundesweiteres Interesse

Für Gisela besteht dieses Miteinander zunächst aus Freunden, mit denen sie studiert, feiert und gegen Rechts protestiert. Auch im August 2018 sind sie in der Stadt unterwegs, als sich plötzlich alle Welt für Chemnitz interessiert. Denn nach dem gewaltsamen Tod eines Mannes war es unweit der monumentalen Karl-Marx-Büste zu Ausschreitungen gekommen.

"Die Nazis nennen es Trauermarsch. Aber auf unserer Seite wissen alle, dass in Chemnitz nicht getrauert wird. In Chemnitz wird verdrängt oder aufmarschiert, je nachdem welche Herkunft die jeweiligen Opfer haben. Zunächst stehen ein paar Hundert Rechte vor dem Nischel. Sie rufen ‚Mir sin das Volk‘. Ein paar Naziopas machen beschwichtigende Gesten, weil ein paar Nazijungs ihre Hintern zeigen."

Von Britney Spears bis Herrenmagazin

Schließlich sind es Jana, Fred und Meryam, ihre besten Freundinnen, die für Gisela zum Familienersatz werden. Mit ihnen teilt sie nicht nur die politische Haltung, sondern auch einen eigenwilligen Musikgeschmack, von Britney Spears bis "Herrenmagazin".

Paula Irmschler: "Für Gisela, aber auch für ihre Freundinnen ist Musik das Grundrauschen in ihrem Leben, sowohl schon in der Kindheit, wo es das Tor zur Welt war, durch das man auf ganz einfache Weise sich Sachen eröffnen konnte, sei es durch Radio, durch Musikfernsehen, was noch eine große Rolle gespielt hat damals, sei es durch Fan-Sein, das teilt Gisela stark mit Jana, sie haben ein sehr starkes Fantum für Britney Spears gehabt, dann Fred ist DJ, für sie spielt es auch eine große Rolle und Meryam ist in einer Band, schon vor "Superbusen".

Das beste 80er-Jahre Wort überhaupt

Diese, ihre gemeinsame Band gründen die Frauen sehr spontan, auf dem Rückweg von einer Spritztour nach Tschechien. Den Bandnamen wählen sie, weil "Superbusen", wie sie meinen, das beste 80er-Jahre-Wort überhaupt ist, noch vor "Pornosternchen".

"Wir stiegen ins Auto und bei R.SA sagt die Moderatorin: ‚Nächste Woche soll’s wieder scheiße wern.‘ So würde unser ersten Song heißen. Meryam haute lieber die Lassie Singers rein.

Paula Irmschler: "Für uns ging es erstmal nur nach Chemnitz zurück, aber dieses kassettige, tankstellige, wässriger-kaffeeige Roadgefühl in diesem Moment manifestierte unser Vorhaben, und wir beschlossen, wirklich eine Band zu gründen, wirklich auf Tour zu gehen. Wir mussten nur noch irgendwie Musik kreieren, aber das würde kein Problem sein."

Authentischer Dilettantismus

Ihren offensichtlichen Dilettantismus verkaufen "Superbusen" erfolgreich als künstlerisches Experiment, ihre erste Tour führt sie nach Marburg, Leipzig und sogar nach Berlin. Dort wohnt auch ein gewisser Paul, mit dem Gisela ein weiteres Experiment eingeht, das Zusammensein. Als Paul sich per SMS von ihr trennt, brechen tiefsitzende Verletzungen auf und während die Freundinnen Gisela auffangen, hat sie längst erkannt, dass nicht Britney Spears das wahre Idol ihrer Kindheit war.

"Ich begriff damals nicht, dass ein großes weibliches Vorbild schon längst da war und weniger glamouröse Schlachten schlagen musste: Miete, Strom, Essen und Klassenfahrten bezahlen, für alle von uns den Alltag organisieren, die Menschen aushalten, die uns verurteilten, weil wir für sie ‚Assis‘ waren, die Verantwortung alleine tragen, weil ihr nie ein Mann welche abgenommen hat."

Politisch, feministisch, verletzbar

"Superbusen" ist vieles zugleich, ein Coming-of-Age-Roman, ein feministischer, ein politischer, ein Ost-Roman. Das klingt anspruchsvoll und auch ein wenig anstrengend, aber das ist es überhaupt nicht. Im Gegenteil, Paula Irmschler hat mit Gisela eine verletzbare, eigensinnige und starke junge Frau erschaffen, bei der alles ganz selbstverständlich zusammengehört, die Identitätssuche, die Frauenpower, die Antifa, das Prekariat. Frei von Larmoyanz oder Minderwertigkeitskomplexen ist "Superbusen" ein Buch über Selbstermächtigung und wahre Freundschaft, das außerdem für jede Lebenslage den passenden Popsong bereithält. Ein mitreißendes, ein stellenweise sehr komisches, ein zärtliches Debüt, das wahrhaftig vom Leben in gegenwärtigen Zeiten erzählt. 

Paula Irmschler: "Superbusen".
Claassen Verlag, Berlin, 320 Seiten, 20 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk