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StartseiteKultur heuteGlamour statt Glanz07.07.2018

Peer Gynt in HersfeldGlamour statt Glanz

Prominente vor und auf der Bühne: Die Bad Hersfelder Festspiele nach Wedel adaptieren Ibsens "Peer Gynt" für die Neuzeit. Fake News, die Folgen der Digitalisierung und der Selbstoptimierung stehen im Mittelpunkt der Inszenierung von Robert Schuster. Ein Theaterabend im Zeichen des Zeitgeistes.

Von Christian Gampert

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André M. Hennicke, Claude-Oliver Rudolf und Pierre Sanoussi-Bliss in der Inszenierung: Peer Gynt (Bad Hersfelder Festspiele/ K. Lefebvre)
Inszenierung von Peer Gynt auf den Bad Hersfelder Festspielen (Bad Hersfelder Festspiele/ K. Lefebvre)
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Eines haben Dieter Wedel und Peer Gynt gemeinsam: sie sind, so viel wird man über Wedel sagen dürfen, den Frauen zugetan. Insofern ist es natürlich eine pikante Wahl, wenn in der Ruine der romanischen Bad Hersfelder Stifts-Basilika nun die Geschichten des notorischen Maul- und Frauenhelden gespielt werden, die aber in der Regie von Robert Schuster ganz anders daherkommen. Hier ist Peer Gynt nicht unbedingt der ständige Verführer und Lügenbaron; er hat, gespielt von Christian Nickel, eher etwas Gutaussehend-Passives. Es sind die Frauen, die hinter ihm her sind, eine bizarr gewandete Trolltochter vor allem. Peer ist ein gutwilliger, zu Wohlstand gekommener, auch der philosophischen Disputation nicht abgeneigter Zeitgenosse – und das ist wörtlich gemeint: Robert Schuster lässt das Stück im vierten Akt beginnen, auf einer Surfer-Party in Marokko, und alle Neureichen dort sind stark zeitgeistig geprägt. Der ganze Rest wird in Rückblenden erzählt, aber mit ständigem Bezug auf heutige Videowände und digitale Welten geworfen

Stimmungsvolles Klassentreffen

Dabei hatten wir die Neureichen und auch die Politprominenz gerade erst draußen auf dem roten Teppich flanieren sehen, in zum Teil erschreckenden Kostümen. Der Regisseur Robert Schuster nutzt die Aura der romanischen Kirchenruine, die dieses Klassentreffen stimmungsvoll abstützt, theatralisch allerdings wenig. Ja, es ist ein großartiger, an unsere Vergänglichkeit gemahnender Raum. Aber statt die ganze geheimnisvolle Tiefe des Raums zu bespielen, die auch Peer Gynts Verlorenheit in seinen Lügengeschichten Gestalt geben könnte, wird meist ganz vorne vor Videoschirmen agiert. Nur einmal rollen – wahrscheinlich norwegische – Baumstämme bedrohlich aufs Publikum zu. Ansonsten gibt aber eine Fitness-Trainerin dem Publikum den Takt vor, Körpertraining und "Empowerment", und die Suche nach Peer Gynts wahrer Seele erfolgen in einer Art Selbstfindungsgruppe, einem Klinikkurs. Nina Petri spielt einerseits die Klinik-Chefin mit dem seltsamen Namen "Dr. Begriffenfeld", andererseits aber auch Peer Gynts Mutter Aase, deren Tod dann im Klinikbett quasi nachgestellt wird.

Erotisierende Welten

Das ganze Stück ist von der Regie hypermodern auseinandergeklappt und wieder neu zusammengesetzt, was der Zersplitterung und Episodenhaftigkeit von Peer Gynts Leben durchaus entspricht. Die Klinik ist der Erzählrahmen, der Rest wird eingeflickt. Allerdings sind die Figuren dann nicht konsequent zu Ende erzählt, es bleibt eben vieles Stück-Werk. Zum Beispiel ist die gesamte Phase, die in der erotisierten Welt der (weiblichen) Trolle spielt, als eine Art Netz-Phantasie angelegt. Das ist insofern ein schöner Einfall, als Provokateure und Störenfriede im Internet ja tatsächlich als "Trolle" bezeichnet werden. Corinna Pohlmann macht aus der sexuell übergriffigen Troll-Tochter dann aber ein eher nervendes Wesen aus dem verwunschenen Wald, das ständig hysterisch überagiert und ziemlich albern mit einer Geige herumzirpt….

Wahre Liebende

Auch die übrigen, meist prominenten Schauspieler von Claude Oliver Rudolph bis hin zu Anouschka Renzi sind nicht überzeugend, Sommertheater halt. Christian Nickel als Peer Gynt, mal im Anzug, mal im Blaumann, hält sich einigermaßen zurück – irgendeine Zerrissenheit, irgendein Problem mit seinen Größenphantasien und erotischen Verwicklungen hat er nicht. Solveig, die ihn liebt und ihr Leben lang auf ihn warten wird, ist mit der afghanischen Schauspielerin (und Frauenrechtlerin!) Leena Alam bestenfalls interessant fehlbesetzt – sie signalisiert ausdauernd, dass die wahre Liebende in einer Welt der Egoisten immer eine Ausländerin ist.

Originell dagegen die Idee, das Kind Peer, von einer Puppe spielen zu lassen. Allerdings hat die Regie Peer Gynts Lebensmotto, Probleme zu vermeiden und "immer außen rum" zu gehen, zu wörtlich genommen. Auch die Regie macht lauter Umwege, sie geht nie dahin, wo es wehtut. Und so bleibt sie im Dekorativen stecken.                                                                  

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