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Pegida Alles schon mal dagewesen

Sie strömten zu Tausenden zu den Veranstaltungen der Pegida-Bewegung, um gegen den Untergang des Abendlandes zu demonstrieren. Wahrscheinlich war kaum einem Teilnehmer bewusst, dass sich der Philosoph und Historiker Oswald Spengler bereits mit diesem Thema auseinandergesetzt hat: vor etwa 100 Jahren.

Von Stephan Schieren

Sammelbecken für unterschiedlichste Forderungen: Pegida-Demo in Dresden (dpa/picture alliance/Matthias Hiekel)
Sammelbecken für unterschiedlichste Forderungen: Pegida-Demo in Dresden (dpa/picture alliance/Matthias Hiekel)
Weiterführende Information


(Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 05.04.2015)

Kurz und kritisch
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 28.12.2008)

Oswald Spenglers Werk fand nach seinem Erscheinen vor beinahe einhundert Jahren zunächst keine Beachtung. Das Interesse an dem Buch erwuchs erst später, alleine 1926 mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren. Es wurde in viele Sprachen übersetzt und wird bis heute verkauft. Der "Prophet des Niedergangs" - so nennt der Historiker Philipp Blom Spengler – hatte den Nerv der Zwischenkriegszeit getroffen - und liest sich auch heute in Teilen aktuell.

Sicher: Die gegenwärtigen Forderungen der Pegida-Bewegung haben mit dem von Spengler entworfenen bäuerlich-ständischen Herrschafts- und Gesellschaftsmodell nichts zu tun. Doch in der Diagnose dessen, was als krisenhafte Erscheinung der Zeit angesehen wird, lassen sich einige interessante Übereinstimmungen entdecken. Spengler schreibt über die politische und gesellschaftliche Lage zum Ende des Ersten Weltkriegs, über die Situation der Parteien, des Parlamentarismus, der Presse und des Kapitalismus. Er erkennt in ihr Symptome des Zerfalls der abendländischen Kultur.

"Aber der Parlamentarismus ist heute in vollem Verfall begriffen."

Und weiter: "Mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts nähert sich der Parlamentarismus ... mit schnellen Schritten der Rolle, die er selbst dem Königtum bereitet hat. Er wird ein eindrucksvolles Schauspiel für die Menge der Gläubigen, während der Schwerpunkt der großen Politik, wie er rechtlich von der Krone zur Volksvertretung hinüberging, nun aus dieser in Privatkreise und den Willen von Privatpersonen verlegt wird."

Das Geld als zentraler Ausdruck der kapitalistischen Wirtschaftsweise spiele eine entscheidende Rolle bei der Verlagerung dieser Macht.

"Je größer der Reichtum wurde, der sich in den Händen einzelner konzentrieren konnte, desto mehr gestaltet sich der Kampf um die politische Macht zu einer Geldfrage."

Spengler: Wahlen sind "sinnentleertes Schauspiel"

Die Ungleichheit der Vermögensverteilung hatte zu der Zeit, als Spengler sein Buch verfasste, unvorstellbare Ausmaße erreicht. Von diesen Werten sind wir heute noch weit entfernt. Doch seit den 1970er-Jahren ist die Ungleichheit gewachsen. Das reichste Hundertstel verfügt heute über 35 Prozent des Volksvermögens. Das sind zehn Prozentpunkte mehr als noch vor vierzig Jahren.

Den möglichen Einwand, dass die Bürger doch über allgemeine Wahlen politisch partizipieren könnten, dass es letztlich an ihnen liege, wer sie regiere, lässt Spengler nicht gelten. Parteien und Parlament führen mit den Wahlen nur noch ein sinnentleertes Schauspiel auf, dessen Bedeutung darin liege, durch Schein- oder Ersatzhandlungen das wahlberechtigte Volk in die Irre zu führen und die wahren Machtverhältnisse zu verschleiern.

Das "allgemeine Wahlrecht (enthält) überhaupt kein wirkliches Recht [...], nicht einmal das der Wahl zwischen Parteien, weil die auf seinem Boden erwachsenen Machtgebilde durch das Geld alle geistigen Mittel der Rede und Schrift beherrschen und damit die Meinung des Einzelnen über die Parteien nach Belieben lenken..."

Daran, dass diese Rechnung aufgeht, habe die Presse einen maßgeblichen Anteil. Schon lange komme sie nicht mehr ihrer Aufgabe nach, zu informieren und an der Willensbildung mitzuwirken, meint Spengler. Stattdessen stehe sie im Dienst derer, denen es um die Absicherung ihrer Macht und die Mehrung ihres Geldes geht.

Die "Diktatur der Parteihäupter stützt sich auf die Diktatur der Presse", sie diene dem, "der sie besitzt. Sie verbreitet nicht, sondern die erzeugt die 'freie Meinung' [...] Sie kann jede 'Wahrheit' zum Tode verurteilen, indem sie ihre Vermittlung an der Welt nicht übernimmt [...]"

Übereinstimmungen mit einigen Pegida-Parolen

Zum Begriff "Lügenpresse" ist da kein weiter Weg mehr. Spenglers Diagnose ist hundert Jahre alt – seine Sprache verrät es. Doch würden seine Ansichten in die heutige Sprache übersetzt, scheinen sich einige Übereinstimmungen mit den Parolen und Forderungen der Pegida zu ergeben. In gleicher Nähe scheint sich Spengler allerdings auch zu Colin Crouchs "Postdemokratie" zu befinden.

Die manipulative Funktion der Medien, die Rituale eines sinn- und machtentleerten Parlamentsbetriebs, die Wahl als Scheinhandlung, die Parteien als Agenten des Kapitals, dessen Interessen uneingeschränkten Vorrang genießen – all das findet sich so oder zumindest so ähnlich bei Crouch. Stellt sich nur die Frage, ob wir aus der Geschichte gelernt haben - oder stehen wir vor "zerrissenen Jahren", wie Philipp Blom die zwei Dekaden nach dem Ersten Weltkrieg bezeichnet hat.

Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte.
Mehrere Ausgaben, z. B. Bibliographisches Institut, 1280 Seiten, 14;95 Euro ISBN: 978-3-411-14503-4

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