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StartseiteUmwelt und VerbraucherBewusstsein für das Leid der Tiere schaffen05.12.2018

Pelz-ErmittlerinnenBewusstsein für das Leid der Tiere schaffen

Kragenbesatz, Mützenbommel, Schlüsselanhänger: Verzierungen aus Fell sind angesagt - vor allem bei jungen Leuten. Ob die Accessoires echt sind oder aus Kunstfell, wissen sie meistens nicht. Es sei denn, sie wurden gerade von sogenannten Pelz-Ermittlerinnen des Deutschen Tierschutz-Büros angesprochen.

Von Anke Petermann

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Pelz-Ermittlerinnen mit ihrem "Grusel-Kabinett" aus Echtfell-Accessoires im Metallkoffer: zum Beispiel roter Acrylschal, 9 Euro, mit Echtpelz-Bommel (Deutschlandradio / Anke Petermann)
Pelz-Ermittlerinnen mit ihrem „Grusel-Kabinett“ aus Echtfell-Accessoires im Metallkoffer: zum Beispiel roter Acrylschal, neun Euro, mit Echtpelz-Bommel (Deutschlandradio / Anke Petermann)
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Pelz-Ermittlerin Julia Weibel hat auf dem Mannheimer Marktplatz eine junge Frau mit Pelzbommel auf der hellgrauen Strickmütze ins Auge gefasst. Die Tierschützerin in blauer Uniform spricht die Mützenträgerin an. Kennt Nabila den feinen Unterschied?

"Weißt du, ob du Echt- oder Kunstpelz auf dem Kopf trägst?" - "Nee nicht wirklich, aber bestimmt Kunstpelz!"

Eine einfache Probe

Nicht unbedingt, glaubt die Pelzermittlerin, die Haare des Bommels sind sehr fein, sie bewegen sich einzeln im Wind, das ist für Fake-Pelz eher untypisch.

"Wollen wir mal den Test machen, man kann mit einer kleinen Haarprobe drei Härchen anzünden, dann können wir mal riechen. Wärst du bereit?

"Ja können wir machen." - "Cool."

Nabilas Freundin zieht vorsichtig drei Härchen aus dem Bommel. Julia Weibel zückt das Feuerzeug, hält die Nase über die verbrennenden Haare.

"Au, das riecht, das reicht echt, ne. Was würdest du sagen?" - "Das riecht voll verbrannt."

"Das riecht verbrannt, aber riecht 's wie Plastik? Ich finde, es riecht eher, als wenn man sich selbst die Haare verbrennt."

"Ja, ja."

(Weibel) "Und dann müssen wir leider davon ausgehen …"

Die 17-Jährige schnuppert noch mal und schaut entsetzt.

"Echtpelz – oh mein Gott."

"…. dass das echtes Fell da oben drauf ist. Darf ich fragen, was du bezahlt hast für die Mütze?"

"Vier bis fünf Euro." - "Kraaass!" - "Deshalb hab ich auch nicht damit gerechnet."

Preis nicht unbedingt ein Indiz

"Nee, das ist es nämlich: Preis ist gar nicht mehr ausschlaggebend dafür, dass man sagen kann, es handelt sich um Echt- oder um Kunstpelz. Vielen Dank, dass ihr mitgemacht habt."

Weibels Ermittlerkollegin Simone Sommerfeld steuert den nächsten Pelzträger an. Mert-Ali ist 13 und schaut von vornherein schuldbewusst. Er weiß, dass seine Kapuze mit echtem Fell umrandet ist, von welchem Tier auch immer. Es gab kaum Auswahl, begründet der 13-Jährige die Kaufentscheidung seiner Mutter.

Die Probe der Pelz-Ermittlerinnen zeigt. Es handelt sich um eine Kapuze mit Echtpelz. (Deutschlandradio / Anke Petermann)Die Probe der Pelz-Ermittlerinnen zeigt. Es handelt sich um eine Kapuze mit Echtpelz. (Deutschlandradio / Anke Petermann)
"Also, es gab nur noch sechs Jacken und die waren alle mit echtem Pelz."

"Und war die teuer?"

"Die war runtergesetzt, deswegen hat meine Mutter sie auch gekauft."

Echtpelz – kein Luxusgut mehr, sondern Billigware, hauptsächlich als Modeaccessoire getragen – wie kann das sein? Die Pelz-Ermittlerinnen erklären es mit der Herkunft vieler Bommel, Krägen und Kapuzen-Innenfutter aus chinesischer Massenproduktion, sie basiert auf tierquälerischer Haltung und massenhafter Vergasung, Stromschlagtötung oder Keulung. Sommerfeld hält einen Schlüsselanhänger für 6,95 Euro als Demonstrationsobjekt hoch. Echtpelz - hat der Test für den schwarzen Puschel ergeben. Wahrscheinlich gehörte das Fell mal einem braun-grauen Marderhund.

"Das ist letztendlich geschnitten, geschoren und gefärbt, das kann man mit bloßem Auge nicht mehr erkennen. Also, Labortests könnten es vielleicht zeigen, aber es wird durch Chemikalien so sehr verändert, dass da auch die DNA nicht mehr unbedingt erkennbar ist. Kann Marderhund sein, kann Nerz sein, Fuchs sein. Das sind so die gängigsten. Könnte aber auch Katze oder Hund sein."

Auch sie werden in China gehäutet, ihr Fell wird häufig als "Asiatic Racoon", asiatischer Waschbär deklariert. Insgesamt 100 Millionen Tiere, so prangern die Pelz-Ermittlerinnen an, werden jährlich für die Mode getötet.

Tannaz trägt Kunstpelz um ihre Kapuze - wenn man die Haare auseinanderzieht, ist unten drunter keine lederartige Haut zu sehen, sondern eine Webstruktur. Dennoch würde Simone Sommerfeld die 27-Jährige gern dazu bringen, dass sie den Fellrand abnimmt und die Kapuze künftig ohne trägt.

"Wir gehen so weit und sagen, man sollte auch auf Kunstpelz verzichten, denn der ist teilweise so gut gemacht, und dann ist er weiterhin in der Gesellschaft sicher und bleibt Trend. Also, indem man Fake-Pelz trägt, wirbt man auch für Echtpelz, weil man diese Mode am Leben hält."

"Das stimmt, ja."

Zwei Stunden Pelz-Streife auf dem Mannheimer Marktplatz gehen zu Ende. Ganz überwiegend haben die Ermittlerinnen Passanten von ihrem Tierschutz-Anliegen überzeugt.

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