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Startseite@mediasresDas Presseparadies Südamerikas05.08.2019

Perlen der Pressefreiheit: UruguayDas Presseparadies Südamerikas

Während es in den Nachbarländern Brasilien und Argentinien oft turbulent zugeht, steht Uruguay für Unaufgeregtheit - was sich auch positiv auf die Pressefreiheit im Land auswirkt. In der Rangliste von "Reporter Ohne Grenzen" steht Uruguay nur knapp hinter Deutschland.

Von Aglaia Dane

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Ein Mann und eine Frau lesen in der uruguayischen Hauptstadt Montevideo die Zeitung El Pais. (imago images / Xinhua)
Die Zeitung "El País" ist die traditionsreichste Zeitung Uruguays. (imago images / Xinhua)
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Das kann man durchaus metaphorisch verstehen für die Stimmung in dem kleinen südamerikanischen Land - tendenziell unaufgeregt. Und das gilt auch für die Berichterstattung. Luis Curbelo ist Sprecher der Journalisten-Gewerkschaft APU und sagt, dass es in Uruguay weniger soziale Konflikte gibt als in anderen lateinamerikanischen Ländern. Es gebe eine relativ stabile Demokratie und eine entwickelte politische Kultur. 

Investigative Recherchen decken Korruption auf

"Dazu kommt, dass die Regierung die Arbeit der Gewerkschaften und der Tarifkommission schützt. Das hat auch Auswirkungen auf die Pressefreiheit, weil das sicherstellt, dass Journalisten auch finanziell unabhängig sind."

Während die Nachbarländer Brasilien und Argentinien regelmäßig erschüttert werden von Korruptionsskandalen, Bandenkriminalität und politischen Umwälzungen, regiert in Uruguay seit 15 Jahren relativ lautlos ein Mitte-Links-Bündnis. Allerdings: Wirtschaftliche Probleme, Armut und Korruption gibt es auch hier - und eine Krise der Printbranche. 

"Wie überall in der Welt sind Anzeigen die Haupteinnahmequelle für private Medien - das heißt, dass Unternehmen Einfluss haben auf redaktionelle Inhalte, kann nicht ausgeschlossen werden. Aber das geht nicht so weit, dass jemand, über den Skandale öffentlich werden, keine Strafe fürchten muss. Es sind Unternehmer wegen Korruption verurteilt worden - ausgelöst durch eine investigative Recherche."

Auch Uruguay spürt die Krise der Print-Branche

Uruguay hat als Land so viele Einwohner wie Berlin - etwa dreieinhalb Millionen. Dementsprechend ist das Mediensystem übersichtlich. Es gibt vier staatliche Radiosender und einen staatlichen Fernsehkanal, die aber gerade in ihren Nachrichten-Programmen recht neutral berichten. Dazu gibt es eine Reihe privater Anbieter und drei große Tageszeitungen. Die traditionsreichste ist "El País".

Es gibt in Uruguay durchaus eine kleine, aber sichtbare intellektuelle Mittelschicht, die sich mit einer Zeitung oder einem Tablet ins Café setzt und bereit ist, für guten Journalismus zu zahlen. Trotzdem wächst der Druck. Das merkt auch Tomer Urwicz, der seit acht Jahren für "El País" schreibt. 

"Die Ressourcen werden knapper, Mitarbeiter entlassen. Das bedeutet, dass wir weniger Zeit und Mittel haben, gut und tief zu recherchieren - und uns auch mal vor Gericht mit mächtigen Gruppen anzulegen, wenn es nötig ist."

"Wir kennen uns hier alle"

Urwicz recherchiert zu innenpolitischen Themen: die Cannabis-Legalisierung, die Probleme im Bildungssystem, Einwanderung. Dass Uruguay ein so übersichtliches Land ist und so viel Wert legt darauf, dass alles "tranqui" - möglichst ruhig - abläuft, darin sieht er auch eine Gefahr: dass sich Journalisten selbst zensieren.

"Wir kennen uns hier alle. Da überlegt man sich genau, mit wem man sich anlegt. Ein Beispiel ist der Fußball. Der Sport ist quasi Religion hier. Nehmen wir den Skandal um den ehemaligen Fifa-Funktionär Eugenio Figueredo - ein Uruguayer. Inzwischen sitzt er im Gefängnis, aber fast alles, was Medien über ihn ans Licht gebracht haben, haben Journalisten im Ausland recherchiert - und nicht hier. Denn wer bei diesem Thema recherchiert, endet schnell im persönlichen Umfeld, bei Kollegen oder Familienangehörigen."

Journalistin entgeht nur knapp einem Anschlag

"Nos conocemos todos" - das ist noch so ein Standardsatz der Uruguayer. Er bedeutet: Wir kennen uns alle. Das hat auch Vorteile, denn die Wege sind kurz. Es ist eine Behaglichkeit, in der sich auch die Journalistin Isabel Prieto Fernández lange Zeit sicher gefühlt hat. Bis vor zwei Jahren auf sie geschossen wurde.

"Ich hatte danach sehr viel Angst. Und ich war verwirrt. Denn ich hatte keine Ahnung, wer dahinter steckt. Als investigative Journalisten hatte ich ja so viele Themen recherchiert, manchmal gleichzeitig. Ich habe mich natürlich gefragt, woher der Auftrag kam."

Isabel Prieto Fernández weiß bis heute nicht, warum auf sie geschossen wurde. Sie weiß nur, dass sie kurz zuvor während einer Recherche mit einem Polizei-Kommissar in einen Konflikt geriet und darüber auch in der Zeitung "El País" berichtete. Das schlug Wellen, sogar bis ins Innenministerium.

Bei einige Themen ist Vorsicht geboten

Es gibt Themen, die in Uruguay durchaus delikat sind - das sagt auch ihr Kollege Tomer Urwicz. Er ist vorsichtig bei Recherchen zu den Barras Bravas beispielsweise, den Fußball-Hooligans, oder auch im Bereich Drogenhandel. Also: Todo tranqui in Uruguay? Ja, aber mit Einschränkungen.

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