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StartseiteKultur heutePermanente Untergangs-Party16.01.2011

Permanente Untergangs-Party

"Der Kirschgarten" in Köln

Anton Tschechows Drama "Der Kirschgarten" am Kölner Schauspiel ist ein Fest der Schauspieler - wie so oft in letzter Zeit in Köln. Dennoch lassen den Zuschauer die von Regisseurin Karin Henkel geführten Figuren über weite Strecken ziemlich kalt.

Von Dina Netz

Tschechows Kirschgarten ist vollkommen unrentabel, weil er nur saure, kaum genießbare Kirschen gibt. (AP)
Tschechows Kirschgarten ist vollkommen unrentabel, weil er nur saure, kaum genießbare Kirschen gibt. (AP)

Dieser "Kirschgarten" ist nicht irgendein Garten. Er ist ein Mythos, steht in den Lexika wegen seiner Größe und Schönheit - aber er ist auch vollkommen unrentabel, weil er nur saure, kaum genießbare Kirschen gibt, und selbst das nur alle zwei Jahre. Doch die Geschwister Ljubow Andrejewna Ranjewskaja und Leonid Andrejewitsch Gajew wollen nicht wahrhaben, dass der Ort ihrer Kindheit dem Untergang geweiht ist, am 22. August steht die Versteigerung des hoch verschuldeten Landguts an.

"Versetzen Sie sich doch einmal in meine Lage, ich bin hier geboren! Hier hat mein Vater gelebt, meine Mutter, mein Großvater. Ich liebe diesen Ort, ohne den Kirschgarten kann ich mir mein Leben nicht vorstellen. Und wenn er verkauft werden muss, dann könnt ihr mich gleich mit verkaufen!"

Ljubow, gespielt von Lena Schwarz, kommt gerade nach fünf ausschweifenden Jahren aus Paris zurück, ihre Heimkehr nach Russland wird wie ein Einzug in die Manege mit Musik und Tanz zelebriert. Statt sich um die Rettung des verschuldeten Familiengutes zu bemühen, gibt sie die neurasthenische Pariser Salondame und stimmt traurige französische Chansons an. Ihre Problemlösungskompetenz ist eher unterentwickelt:

"Petja, ich bitte Sie um Entschuldigung, ich hab nur Spaß gemacht! Kommen Sie doch her! Hach... Musik!"

Alle tanzen im Kreis herum und feiern eine permanente dekadente Untergangs-Party. Matthias Bundschuh als Ljubows Bruder Leonid benimmt sich wie ein großes, selbstmitleidiges Kind, hält hochfahrende Reden, die niemand mehr hören will. Derweil rückt der Tag der Versteigerung unaufhaltsam näher. In der Bühnenmitte dreht sich sinnfällig eine große Scheibe, die immer wieder als Karussell benutzt wird.

Dabei könnten sie es besser wissen, denn in Köln ist von Anfang an alles vorbei, die Bühne von Kathrin Frosch eine riesige Fläche aufgeschütteter Erde, der Kirschgarten längst abgeholzt. Kirschblüten gibt es nicht auf diesem Acker, nur der Geschäftsmann Lopachin trägt zwischendurch ein rosa Polo-Shirt.

Er ist auch der Einzige, der eine Idee hat, wie man das Gut retten könnte - um den Preis der Abholzung des Kirschgartens: Lopachin will Ferienhäuser auf dem Terrain errichten. Er redet auf die Geschwister ein, den Schritt selbst zu gehen. Aber die sind in Nostalgie und Lethargie gefangen, so dass Lopachin schließlich das Gut ersteigert. Von der Bühnendecke werden blinkende Leucht-Kirschblüten heruntergelassen. Aber der hemdsärmelige Geschäftsmann, der sich vom Bauern hochgerackert hat und den Charly Hübner mit deutlichem Stallgeruch spielt, ist auch kein überzeugendes Gegenmodell zum überspannten Adel:

"Hach, wär doch dieses unglückliche und idiotische Leben endlich vorbei. Was stehst du da so rum? Leonid, was glotzt ihr denn hier alle so rum? Haut ab und nehmt dieses ganze alte Zeug mit! Und das Ganze ein bisschen zacko. Es ist Schluss, die Party is over, ab nach Hause. Jetzt wird zugeguckt, wie Lopachin den Kirschgarten abholzt. Und unsere Enkel und Kinder kriegen ein neues Leben."

"Auf in ein neues Leben" rufen alle am Schluss und rennen wie aufgescheuchte Hühner hin und her. Aufbruch sieht anders aus.

Dieser Abend ist ein Fest der Schauspieler, wie so oft in letzter Zeit in Köln. Trotzdem lassen einen diese unglücklichen Russen über weite Strecken ziemlich kalt. Vielleicht weil Karin Henkel die Schauspieler wie Karikaturen ihrer Rollen agieren lässt. In einer symptomatischen Szene rempelt Yorck Dippe als Buchhalter Semjon die Gesellschafterin Charlotte an. Die fällt um wie eine Gliederpuppe und ist nicht mehr aufzustellen.
Minutenlang faltet er an ihr herum, bis ihm die anderen helfen, sie wieder aufzurichten. Das ist sehr komisch, also ganz im Sinne Anton Tschechows, der seinen "Kirschgarten" immer als Komödie verstanden wissen wollte. Aber selbst bewegte Gliederpuppen sind halt auf Dauer nicht sehr bewegend. Irgendwie fehlt diesem "Kirschgarten" das Herz.

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