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StartseiteKommentare und Themen der WocheOstdeutschland lässt sich nicht verallgemeinern06.10.2019

Perspektive der NachwendekinderOstdeutschland lässt sich nicht verallgemeinern

Mancher in der DDR Aufgewachsene ist verstummt, weil er glaubt, nicht die richtigen Worte für sein Leben dort finden zu können, kommentiert Johannes Nichelmann, geboren 1989 in Ost-Berlin. Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall werde noch immer zu undifferenziert über "Ostdeutschland" gesprochen.

Von Johannes Nichelmann

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Damenmode/ DDR / Foto, 1977 (picture alliance / dpa / akg-images / Günter Rubitzsch)
"Ostdeutschland" lässt sich nicht über einen Kamm scheren, kommentiert Johannes Nichelmann - Modefoto aus der DDR von 1977 (picture alliance / dpa / akg-images / Günter Rubitzsch)
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Es gibt zwei physische Beweise, die belegen, dass ich nicht in dem Staat aufgewachsen bin, in dem ich geboren bin. Meine Geburtsurkunde und mein Impfausweis tragen das Emblem der DDR. Ich bin in Ost-Berlin geboren, ein halbes Jahr vor dem Mauerfall. 1989 – im Jahr der friedlichen Revolution. Mit den Zehen steckte meine Generation der Nachwendekinder noch in der DDR – aufgewachsen sind wir aber in einem Gesamtdeutschland.

Ich bin froh, dass ich mich nicht den Fragen stellen muss, denen sich meine Eltern stellen mussten. Meine Zulassung zum Studium beispielsweise hing nicht davon ab, ob ich mich für drei Jahre als Offizier verpflichten wollte. Ich bin froh, dass ich ohne Zwang den Beruf ergreifen konnte, den ich ergreifen wollte, und dass ich jetzt als Journalist sagen und schreiben und senden kann, was ich für richtig halte.

Die sich zu "Ostdeutschland" verhalten müssen

Als Nachgeborene müssen wir uns bis heute zu unseren Wurzeln und denen unserer Familien – müssen uns zu "Ostdeutschland" – verhalten. Ohne vielleicht genau zu wissen, was dieses "Ostdeutschland" eigentlich sein soll. Mecklenburg-Vorpommern tickt anders als Thüringen.

Zwei Männer mit kahlrasierten Schädeln und freien Oberkörpern; der eine sitzt mit ausgestreckten Beinen auf dem Fahrersitz eines Autor, der andere lehnt daran und hält eine Deutschlandfahne; im Hintergrund sieht man noch eine dritte Person. Die Gesichter der drei Männer sind anonymisiert (Deutschlandradio / privat) (Deutschlandradio / privat)Jugend in Ostdeutschland: Wir waren wie Brüder
Als die Mauer fiel, war der Autor zu alt um nichts von der Vergangenheit mitbekommen zu haben, aber zu jung um mitzureden, wie die Zukunft aussehen sollte. Daniel Schulz spricht über das Aufwachsen in den 90er-Jahren, dem Jahrzehnt, in dem auch die Menschen aufgewachsen sind, die heute Hitlergrüße zeigen und brüllen.

Besonders deutlich wurde mir das, als sich im Sommer 2018 die Lage in Chemnitz zugespitzt hat. Ein gleichaltriger Freund aus Niedersachsen bat mich, nun doch Farbe zu bekennen: Wie würde ich mich zu den Hetzjagden der Nazis aus dem Osten persönlich verhalten? "So als Ostdeutscher" müsse ich dazu ja wohl eine Meinung haben. Ich war völlig irritiert, als er plötzlich von mir ein Bekenntnis zum Rechtsstaat und zum Grundgesetz einforderte. Und neulich nach den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen hatte für das Fernsehen der ARD auch "der Osten" gewählt.

Als Nachwendekind ist man nicht zwangsläufig als Ossi geboren, sondern man wird zum Ossi gemacht.

Als Ostdeutscher im Bayern der 2000er-Jahre

In den frühen 2000er-Jahren zog ich mit meiner Familie von Berlin nach Bayern. Bis dahin spielte all das Ost-West-Zeug überhaupt keine Rolle. In der Schule war ich auf einmal "der Ossi" – für die Lehrkräfte, aber auch für Schülerinnen und Schüler. Eine Lehrerin empfahl mir, mich schleunigst zu integrieren. In dieser Zeit begann ich, "den Osten" erbittert zu verteidigen. Ich wollte nicht aus einem Landstrich kommen, in dem alles furchtbar und elend war – so, wie es mir nun auf einmal vermittelt wurde.

Es war ein Gefühl der doppelten Ohnmacht. Das Ankämpfen gegen die Diskriminierung und das Gefühl, die eigene Herkunft gar nicht erklären zu können. Denn irgendwann fiel mir auf, dass ich überhaupt nicht wusste, was ich da eigentlich verteidige. Im Geschichtsunterricht spielte die DDR keine Rolle. Da ging es um das Wirtschaftswunder, um die RAF oder Helmut Kohl. Nicht um die Geschichte der Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin.

40 Jahre Ostseeurlaub oder 40 Jahre Stasiknast

Die DDR, der Osten, bestand nur aus Erinnerungsfetzen. Auf der einen Seite aus Anekdoten aus der Familie. Erinnerungen, wie sie vermutlich weltweit am Küchentisch erzählt werden. Von bunten Sommerausflügen oder von der Schule. Unpolitische Geschichten. Im Fernsehen dann das komplette Gegenteil: Hier war die DDR zumeist schwarzweiß, trist, grau, gefährlich. Nur in Ostalgie-Shows durfte sie kurz ein überdrehtes Disneyland mit Plaste-Autos, stolzen Olympiasiegerinnen und Rotkäppchen-Sekt sein. Auch nicht besser.

Eine ältere Frau mit Rollator, aufgenommen im Stadtzentrum von Niesky. (imago images / photothek / Florian Gaertner) (imago images / photothek / Florian Gaertner)Berichterstattung über Ostdeutschland 
Die Art und Weise, wie Medien oft über Ostdeutschland berichten, stelle ein "großes Problem für die gesellschaftliche Gesamtwahrnehmung" dar, sagte die Journalistin Marieke Reimann im Dlf. Sie fordert deshalb mehr "Menschen mit ostdeutschem Hintergrund" im Journalismus.

Kurzum: 40 Jahre Ostseeurlaub oder 40 Jahre Stasiknast. Alles, was dazwischen liegt, ist nur schwer greifbar. Bitte nicht falsch verstehen: Ich finde es natürlich richtig und wichtig, dass die Verbrechen der SED-Diktatur bis ins Kleinste aufgearbeitet werden und dass ihre Opfer dabei in unserer Wahrnehmung eine große Rolle spielen.

Mancher aus der DDR ist stumm geworden

Die extremen Bilder aber lassen mich das Land meiner Elterngeneration nicht verstehen. Der Vater eines Nachwendekindes sagte mir sogar einmal, dass er bewusst die DDR für seinen Sohn möglichst schön und bunt gezeichnet habe, um ein Gegengewicht zur medialen Erzählung darzustellen.

Dossier: 30 Jahre Mauerfall (imago / photothek / Thomas Imox) (imago / photothek / Thomas Imox)

Die Aufarbeitung der DDR hat in vielen ostdeutschen Familien zu wenig stattgefunden. Es geht darum, dass nicht wenige Nachwendekinder zu wenig bis gar nicht mit ihren Eltern über deren Leben in der DDR sprechen. Ich selbst musste lernen, wie schwierig es ist, sich den Biografien seiner direkten Vorfahren zu nähern, sie zu hinterfragen, ohne sich wie ein Verräter oder ein Eindringling vorzukommen. Vor allem, wenn die Eltern – damals selbst erst Anfang 20 – keine Bürgerrechtler waren, sondern an das System fest geglaubt haben. So manche von ihnen sind stumm geworden. Aus Scham, aus Angst verurteilt zu werden oder, weil sie glauben, nicht die richtigen Worte finden zu können.

Mehr sprechen und mehr differenzieren

Es lässt sich erahnen, wie viele Geschichten und Biografien bislang nicht erzählt wurden. Auf die zu blicken, auch außerhalb von Gedenktagen oder im Vorfeld von Landtagswahlen, lohnt.

All das mündet in ein großes Problem: Wie sollen wir aus der Geschichte der DDR und der Geschichte der Transformation lernen, wenn wir bis heute zu wenig in den Familien über all das sprechen und wir in den Medien noch immer nicht differenzieren und endlich verstehen, dass sich Ostdeutschland nicht verallgemeinern lässt.

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