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StartseiteSprechstundeDer schwarze Tod lebt02.12.2014

Pest auf MadagaskarDer schwarze Tod lebt

Dass in Madagaskar wieder die Pest grassiert, ist nicht überraschend. Die Krankheit trete jedes Jahr zur Regenzeit auf, sagte der Biologe und Wissenschaftsjournalist Lennart Pyritz, der im September und Oktober für eine Recherchereise in Madagaskar war, im DLF. Auch andere Länder, darunter Indien und die USA, seien noch immer regelmäßig betroffen.

Lennart Pyritz im Gespräch mit Christian Floto

Eine Frau wird 2002 in Indien auf der Quarantänestation von Ärzten untersucht, nachdem sie mit Symptomen der Lungenpest eingeliefert worden war.  (picture alliance / dpa)
Auch heutzutage ist die Pest noch nicht völlig ausgerottet, aber sie ist nicht mehr unheilbar. (picture alliance / dpa)
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Weiterführende Information

Der Pest-Erreger wird entdeckt - Dem "Schwarzen Tod" den Schrecken genommen
(Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 20.06.2014)

Medizin - Manuskript: Schwarzer Tod und Weiße Pest
(Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 09.06.2014)

Radiolexikon Pest
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 23.07.2013)

Christian Floto: Ist dieser Ausbruch ihren Erfahrungen und Informationen nach überraschend?

Lennart Pyritz: Leider nicht. Die Pest tritt nicht zum ersten Mal in Madagaskar auf, sondern praktisch jedes Jahr in der Regenzeit. Allerdings ist die Infektions- und Todesrate im Vergleich zu den Vorjahren deutlich gestiegen. Bis jetzt gibt es etwa 120 bestätigte Infektionen, zwischen 40 und 50 Menschen sind gestorben. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Beulenpest, in zwei Prozent um Lungenpest. Betroffen sind hauptsächlich ländliche, abgelegene Regionen. Dort leben die Menschen oft in Dörfern ohne Strom und medizinische Versorgung. Zum ersten Mal seit zehn Jahren gibt es aber auch in der Hauptstadt Antananarivo wieder Erkrankte. Auch dort gibt es sehr arme Viertel. Man sieht oft Müllberge am Straßenrand, verschmutzte Kanäle, es gibt kein funktionierendes Abwassersystem. Das sind optimale Bedingungen für Ratten, die sind die Hauptträger der Pestbakterien. Auf den Ratten leben Flöhe, die die Erreger durch Stiche auf den Menschen übertragen. Dazu kommt, dass die Flöhe zunehmend resistent werden gegenüber Deltamethrin, ein viel genutztes Insektizid.

Und weil die Hauptstadt sehr dicht besiedelt und das madagassische Gesundheitssystem schwach entwickelt ist, warnt die Weltgesundheitsorganisation, WHO, jetzt vor einer schnellen Ausbreitung der Krankheit.

Floto: Was sind die Folgen dieses Ausbruchs für Madagaskar?

Pyritz: Neben den gesundheitlichen Folgen für die Menschen drohen natürlich auch wirtschaftliche Konsequenzen. Erste Touristen haben offenbar Reisen annulliert. Und madagassische Zeitungen berichten, dass Importeure von Litschis aus Madagaskar Bedenken vor einer Kontamination geäußert haben. Und es gibt soziale und psychologische Folgen für die Betroffenen. Ein Bekannter, der seit Jahren in Antananarivo lebt, hat berichtet, dass Barrikaden um einen Stadtteil errichtet wurden, in dem die Pest aufgetreten ist. Kinder aus diesem Stadtteil durften die Schule nicht besuchen. Diese Menschen werden also stigmatisiert.

Selbst die USA sind nicht Pest-frei

Floto: Sie haben erwähnt, dass die Pest immer wieder in Madagaskar ausbricht. Gibt es auch andere Weltregionen, die noch mit der Seuche kämpfen?

Pyritz: Die gibt es in der Tat. Die WHO registriert jährlich 1000 bis 2000 Pest-Fälle, die meisten davon in Afrika - in der Demokratischen Republik Kongo etwa. Aber auch in anderen Regionen der Welt. Auf den Seiten der WHO ist von 25 Ländern die Rede: Nach Jahrzehnten ohne Pest gab es zum Beispiel in den 1990er- und 2000er-Jahren Fälle in Indien und Indonesien. In Russland, China und Vietnam kam es zu Ausbrüchen. In Südamerika infizieren sich immer wieder Menschen, indem sie das Fleisch infizierter Meerschweinchen essen. Selbst die USA sind nicht Pest-frei. Im Südwesten hält sich der Erreger vor allem in Präriehunden. Dort infizieren sich dann regelmäßig einzelne Menschen über Hunde oder Hauskatzen.

Floto: Welche Gegenmaßnahmen gibt es, um einen Pest-Ausbruch wie jetzt in Madagaskar einzudämmen?

Pyritz: Für die Erkrankten sind die Heilungschancen durch Antibiotika wie Streptomycin und Tetracycline heutzutage bei früher Diagnose hoch. Ansonsten gibt es Vorsorge-Maßnahmen, die auch von der WHO empfohlen werden: Das Nagetier-Reservoir des Erregers eindämmen. Besseres Müllmanagement und zuverlässige Abwassersysteme können Rattenpopulationen verringern. Flöhe können zusätzlich durch Insektizide bekämpft werden. Für Madagaskar hat die Afrikanische Entwicklungsbank mit 200.000 US-Dollar jetzt ein Hilfsprojekt unterstützt, mit dem Antibiotika und Insektizide in den betroffenen Regionen verteilt werden.

Floto: Was sollte man bei Reisen in entsprechende Länder beachten?

Pyritz: Das Risiko ist generell gering: Aufgrund der derzeitigen Informationslage empfiehlt die WHO keine Einschränkungen bei Reisen oder Handel. Man sollte wenn möglich betroffene Gebiete meiden, auch den Kontakt zu lebenden oder toten Nagetieren aus diesen Regionen. Generell ist es sinnvoll, auf Hygiene zu achten, Kleidung regelmäßig zu waschen und unter Umständen Insektenspray zu nutzen.
Zuverlässige und allgemein zugelassene Impfstoffe gibt es übrigens nicht: Es wurden zwar welche erprobt, die gegen Beulenpest wirken. Gegen Lungenpest wirken sie allerdings nicht. Und sie haben viele Nebenwirkungen und bieten nur für einige Monate Schutz. Das ist also keine Option für Reisende.

 

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