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StartseiteCorso"Wir gehen oft ins Berghain"02.04.2016

Pet Shop Boys"Wir gehen oft ins Berghain"

"Super": Schon der Titel des neuen Albums der Pet Shop Boys sei ein Verweis auf die deutschen Einflüsse, bestätigen die Engländer Neil Tennant und Chris Lowe im Corsogespräch. Etliche Songs seien in Berlin entstanden. Man könne dort gut arbeiten, denn im Vergleich zu London sei Berlin eine entspannte Stadt.

Die Pet Shop Boys im Corsogespräch mit Marcel Anders

Die Pet Shop Boys in Prag (picture alliance / dpa / Foto: Roman Vondrous)
Sänger Neil Tennant (l) und Keyboarder Christopher Lowe von der britischen Band Pet Shop Boys im August 2014 in Prag. (picture alliance / dpa / Foto: Roman Vondrous)
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Marcel Anders: Meine Herren, Ihr neues Album trägt den Titel "Super" – handelt es sich dabei um ein britisches oder ein deutsches "super"?

Chris Lowe: Es ist ein sehr deutsches 'Super'.

Neil Tennant: Du hattest die Idee doch auch in Deutschland, oder?

Lowe: Wir haben eine Menge Zeit in Deutschland verbracht, und etliche Songs sind in Berlin entstanden. Wir haben da deutsche Freunde und stellten fest, dass das Wort "super" sehr oft verwendet wird.

Anders: Super ist also sozusagen das deutsche "awesome" oder "amazing", und passt eigentlich bei jeder Gelegenheit.

Tennant: In der Tat. In Amerika sagen die Leute: 'Oh, it really was super' - während wir es in England kaum noch benutzen. Was interessant ist, denn "Super" war mal ein ziemlich schickes Wort. Im Sinne von: 'Oh, das ist ja absolut super'. Aber mittlerweile beschreiben die Engländer kaum noch etwas als super. Ganz im Gegensatz zu den Deutschen, bei denen dieses 'Oh, das ist ja supergut' weit verbreitet ist. Außerdem hat der Begriff etwas Pop Art-mäßiges. Und das wollten wir natürlich fürs Cover.

"Berlin macht Spaß!"

Anders: Angeblich pendeln Sie schon seit Jahren zwischen London und Berlin. Stimmt das?

Tennant: Ja, aber gerade nicht so viel, wie sonst. Letztes Jahr haben wir da eine Menge Zeit verbracht. Und Berlin macht Spaß! Es ist eine tolle Stadt - viel entspannter als London. Sie bietet mehr Raum und mehr Grünflächen. Und wir sind zum Beispiel gerne im Tiergarten, wo wir spazieren gehen und Kaffee und Kuchen genießen.

Anders: Besitzen Sie auch ein Studio in Berlin, oder wo arbeiten Sie?

Tennant: Wir haben ein winziges Studio. Für alle Zuhörer: Es ist ein ganz kleiner Raum. Wobei man heute auch nicht mehr braucht als ein Mischpult, ein paar Keyboards und ein Mikrofon. Wir haben sogar noch ein Piano. Aber es ist sehr eng.

Lowe: Wir haben keine Klimaanlage und können nur im Winter arbeiten. Und nicht laut, wegen der Nachbarn.

Tennant: Es sind alles Rechtsanwälte.

Lowe: Bei geschlossenen Fenstern können wir so viel Krach machen, wie wir wollen - aber dann würden wir ersticken und wahrscheinlich erst von der Putzkolonne gefunden.

"Wir gehen oft ins Berghain. Und zwar meistens sonntags"

Anders: Auf der ersten Single "The Pop Kids" beschreiben Sie zwei Musikfans, die im London der frühen 90er nichts an Konzerten, Clubs und Partys ausgelassen haben. Gab es die beiden wirklich? 

Tennant: Der Song basiert auf einer wahren Geschichte. Ein Freund von mir, der jetzt in seinen frühen 40ern ist, kam nach London, um zu studieren. Und wie in dem Song beschrieben, hat er sich mit einem Mädchen angefreundet, das ebenfalls auf Popmusik und Dance stand. Sie sind dann fünf Tage die Woche ausgegangen, und die Leute an der Uni nannten sie deshalb "die Pop Kids". Das haben sie mir vor Jahren erzählt und ich wusste immer, dass es ein guter Titel für einen Song ist. Als Chris dann mit dem Stück ankam, muss ich es in meinen Notizbüchern wiederentdeckt haben. Und deshalb ist die erste Zeile auch wahr: 'Erinnere dich an die frühen 90er, als wir uns um Plätze an derselben Universität beworben haben.' Der Rest ist frei erfunden.

Anders: Was ist mit Ihnen? Gehen Sie noch Clubben? Gerade in Berlin?

Tennant: Wir gehen oft ins Berghain. Und zwar meistens sonntags. Es gibt Leute, die schlagen dort am Samstag auf und bleiben bis Montagmorgen. Wir finden es viel lustiger, da am Sonntag Nachtmittag hinzugehen. Quasi auf ein paar Drinks vor dem Essen.

Lowe: Ganz genau.

Tennant: Wir bleiben etwa drei Stunden und gehen anschließend Essen. Oder wir gehen erst Essen und dann ins Berghain.

Anders: Dem Sie mit "Inner Sanctum" eine musikalische Liebesklärung widmen?

Lowe: Nicht bewusst. Das ursprüngliche Demo klang ziemlich Italo-mäßig. Also da waren jede Menge Kuhglocken am Start und es hatte etwas sehr Romantisches und war längst nicht so energetisch. Aber als wir im Studio waren, entwickelte es sich zum echten Banger. Also zu einem der tanzbarsten Stücke, die wir je gemacht haben. Deshalb kann ich es mir gut in einem Club wie dem Berghain vorstellen - und würde es dort wahnsinnig gerne hören. Sie haben unsere Sachen schon öfter gespielt, aber leider nie, wenn wir vor Ort waren.

"Popmusik ist im letzten Jahr wieder ein bisschen aufregender geworden"

Anders: Wie empfinden Sie die heutige Pop-Musik?

Tennant: Eigentlich als ziemlich gut. Gerade letztes Jahr gab es etliche Pop-Songs, die mir sehr gefallen haben. Wie Years & Years und Justin Bieber, der ein paar ziemlich gute Singles hatte. Genau wie The Weeknd. Und ich mochte den Ellie Goulding-Song aus "50 Shades Of Grey" - "Love Me Like You Do". Da ist noch mehr, das mir jetzt nicht einfällt, aber ich finde, dass die Popmusik im letzten Jahr wieder ein bisschen aufregender geworden ist.

Anders: Also haben Sie keine Berührungsängste - obwohl Sie inzwischen 61 sind?

Tennant: Man kann sich da schnell ausgegrenzt fühlen, weil so viele Kids darauf stehen. Gerade auf Justin Bieber, der in Deutschland sehr angesagt ist. Aber er ist ein brillanter Sänger und ein toller Performer. Und einige seiner Singles sind richtig gut. Insofern kann ich mir das ohne Probleme anhören – selbst wenn man ihn früher als Teeny-Popper bezeichnet hätte.

Anders: Wie schockiert waren Sie von David Bowies Tod? Wie schwerwiegend ist sein Verlust für die Popmusik?

Tennant: Sehr - es war ein großer Schock. Einfach weil das niemand vorausgesehen hat. Als Chris und ich uns kennenlernten, war David Bowie einer der Künstler, die wir beide mochten. Nicht, dass er unsere Musik groß beeinflusst hätte, aber die ganze elektronische New Romantics-Szene im England der frühen 80er basierte komplett auf Bowie. The Human League, Gary Numan, Duran Duran und Boy George waren alle stark von ihm geprägt. Die Pet Shop Boys bezogen sich zwar mehr auf amerikanische Musik. Doch als es an die Live-Umsetzung ging, waren die Referenzpunkte ganz klar Bowies "Diamond Dogs Tour" und "One Man Show" von Grace Jones. Das waren sehr theatralische Shows. Und wir wollten etwas Ähnliches auf die Beine stellen. Insofern hatte Bowie schon einen Einfluss auf uns.

Anders: 1996 haben Sie an einem Remix für ihn gearbeitet. Was für Erinnerungen haben Sie daran?

Tennant: Wir waren mit ihm im Studio. Und wenn man sich die Original-Version von "Hello Spaceboy" anhört, klingt sie ziemlich avantgardistisch und hat keine traditionelle Songstruktur. Also haben wir Teile aus einem anderen Song genommen und daraus einen Mittelteil im Pop-Format gebastelt – mit Vers-Refrain/Vers-Refrain. Anschließend ist er zum Singen ins Studio gekommen, was umwerfend war: Ich saß hinterm Mischpult, Chris auf dem Sofa dahinter und David meinte: 'Was für eine Stimme willst du?' - Darauf ich: 'Cockney!'. Das hat er getan! Es war sehr surreal!

Lowe: Dann hatten wir noch dieses tolle Erlebnis, als wir mit ihm bei einem Festival in Finnland gespielt haben. Da hat er diese Ansage vor einem Stück gemacht: 'Den nächsten Song widme ich Neil Tennant'.

Tennant: Und der Song war "Queen Bitch"!

Lowe: "Queen Bitch!" Was für eine Ehre!

"Ich weiß nicht, warum wir dieses Referendum überhaupt haben"

Anders: Als Pendler zwischen London und Berlin sind Sie zudem so etwas wie Vorzeige-Europäer. Wie stehen Sie zum EU-Referendum der Briten?

Tennant: Ich weiß nicht, warum wir dieses Referendum überhaupt haben. Das ist doch Blödsinn. Die Deutschen müssen den Eindruck haben, dass wir nur rumsitzen und sagen: 'Wir ertragen die europäische Union nicht mehr - wir müssen da endlich raus.' Dabei ist sie mittlerweile genauso akzeptiert wie das Wetter. Nach dem Motto: Es gibt da gute und schlechte Dinge.

Worüber ich mir aber am meisten Sorgen mache, ist, dass das Referendum zur Abstimmung über unsere Flüchtlingspolitik werden könnte. Deshalb sollten wir uns alle vor Augen führen, dass wir gerade wegen der EU so viel Reichtum und Frieden genießen. Es besteht keine Notwendigkeit, zu großen Nationalstaaten zurückzukehren, die einander mit Aggressivität begegnen. Man muss sich nur anschauen, was nach dem Zusammenbruch von Jugoslawien passiert ist. Das sollte eigentlich Warnung genug sein.

Und dann könnte es noch passieren, dass wir Ende des Jahres einen US-Präsidenten namens Donald Trump haben, was die ganze Welt auf den Kopf stellen dürfte. Es ist unfassbar, dass jemand, der keinerlei Erfahrung in Sachen Staatspolitik hat, überhaupt in dieses Amt gelangen kann. Gut, er hat sein eigenes Geld und er macht das sehr clever.

Denn was Donald Trump zu so einem ungewöhnlichen Politiker macht, ist die Tatsache, dass er unterhaltsam ist. Ich meine, wir schauen ihm doch alle gerne zu, oder? Er hat diese völlig respektlose Art zu reden. Und Hillary Clinton wirkt gegen ihn sehr bleiern und schwerfällig.

"David Cameron hat leider gar keinen Unterhaltungswert"

Anders: Genau wie David Cameron?

Tennant: David Cameron hat leider gar keinen Unterhaltungswert - nicht den geringsten. Während Londons Bürgermeister Boris Johnson, der so etwas wie das Sprachrohr der EU-Kritiker ist, sogar sehr unterhaltend ist. Es ist einfach lustig, wie er spricht. Und jeder nennt ihn Boris - weil er etwas von einem Teddybär hat. Er ist ein echter britischer Charakter, wohingegen David Cameron so gar keinen Enthusiasmus auslöst.

Anders: Also ganz anders als die Pet Shop Boys, deren Musik mittlerweile bei Hochzeiten wie Beerdigungen eingesetzt wird?

Tennant: Keine Ahnung, ob das mit den Beerdigungen stimmt. Aber wir haben gehört, dass unsere Musik auf Hochzeiten gespielt wird.

Lowe: Was eine verrückte Wahl ist. Vor allem, wenn man zu "It´s A Sin" vor den Altar tritt. Das ist ein sehr merkwürdiges Stück dafür.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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