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StartseiteEuropa heute"Wir müssen reden"22.10.2015

Petersburger Dialog"Wir müssen reden"

Die Bundesregierung verfolgt die Linie der harten Politik gegenüber Russland. Doch jenseits dessen gehen die Begegnungen weiter. So wird in Potsdam erstmals seit Beginn der Annexion der Krim der "Petersburger Dialog" wieder aufgenommen. Heikle Themen wie die Ukraine-Krise oder der Syrien-Konflikt sollen dabei nicht ausgespart werden.

Von Gesine Dornblüth

Eine Flagge mit der Aufschrift "Petersburger Dialog" (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Der Petersburger-Dialog wurde im vergangenen Jahr wegen der Krim-Annexion ausgesetzt. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
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Die Umfragen deuten auf Eiszeit. Deutschland, noch vor wenigen Jahren beliebtestes Partnerland jenseits der ehemaligen Sowjetunion, sinkt in der Gunst der Russen. Umgekehrt hält nur jeder siebte Deutsche Russland für ein vertrauenswürdiges Partnerland. Das sind die Ergebnisse namhafter Meinungsforschungsinstitute aus diesem Jahr. Russen und Deutsche reisen weniger in das andere Land, so viel weniger, dass mehrere Fluggesellschaften Verbindungen gestrichen haben. Manche Treffen zwischen deutschen und russischen Politikern scheitern: An gegenseitigen Einreiseverboten oder, weil sich in Moskau keine Gesprächspartner finden.

Jenseits der Schlagzeilen und jenseits der Politik aber gehen die Begegnungen weiter, trotz Russlands Aggression gegen die Ukraine und der damit verbundenen Sanktionen. Zum Beispiel zwischen deutschen und russischen Nichtregierungsorganisationen. Arsenij Roginskij von der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial:

"Wir sind uns über all die Jahre so nahe gekommen. Die deutsche Sektion von Amnesty International, der deutsch-russische Austausch, das EU-Russland-Forum und viele andere deutsche Stiftungen – mit ihnen haben wir Beziehungen, die so schnell nicht kaputt zu machen sind. Dazu müsste schon ein Eiserner Vorhang fallen, und so weit wird es hoffentlich nicht kommen."

Knüpfen neuer Kontakte ist schwierig geworden

Die Bundesregierung verfolgt die Linie, in der Politik gegenüber Russland hart zu bleiben, gleichzeitig aber alle anderen Kontakte gerade in die russische Zivilgesellschaft aufrechtzuerhalten oder sogar noch zu intensivieren. Zum Beispiel die mehr als hundert Städtepartnerschaften. Die Vertreter trafen sich im Sommer zu einer Konferenz in Karlsruhe. Deutschland ist das einzige Land, mit dem Russland einen geregelten Jugendaustausch unterhält, mit jährlich rund 17.000 Teilnehmern.

In diesem Jahr erschien das erste gemeinsame deutsch-russische Geschichtsbuch. Zu strittigen Fragen enthält es einfach je zwei Kapitel, eines aus deutscher, eines aus russischer Sicht. In der Provinz bekommen russische Organisationen neuerdings mitunter Schwierigkeiten mit den Behörden, wenn sie mit deutschen Partnern kooperieren. Das sei aber die Ausnahme, heißt es aus dem Goethe-Institut in Russland, das viele Projekte fördert. Der Theatermacher Roman Dolschanskij bereitet in Moskau gerade ein europäisches Theaterfestival vor, zu dem auch ein Münchener Theater eingeladen ist. Dolschanskij leitet das Festival seit 1998 und sagt, er arbeite mit niemandem so gut zusammen wie mit Deutschen.

"Neue Kontakte zu knüpfen, ist schwieriger geworden, auch im Theater. Weil du, um Vertrauen zu gewinnen, Position beziehen musst, auch zu kritischen Fragen. Aber bei den Beziehungen, die über Jahre gewachsen sind, gibt es keine Probleme."

Ganz ähnlich in der Wirtschaft: Zwar klagt der deutsche Handel über sinkende Exporte nach Russland. Aber von den insgesamt rund 6.000 in Russland ansässigen deutschen Unternehmen hat kaum eines das Land verlassen. Und Präsident Putin bemüht sich die deutsche Industrie in Russland zu halten. Erst letzte Woche sagte er:

"Die deutschen Unternehmen investieren nicht nur in Bereiche, die schnelles Geld bringen, sondern in Maschinenbau, Landwirtschaft, Pharmazie. Ihr Vorgehen ist ausgewogen und klug, sie handeln pragmatisch, auf der Basis eigener Interessen und der ihrer Partner. Wir schätzen das sehr."

Wenn heute in Potsdam der Petersburger Dialog wieder aufgenommen wird, dann gibt es kaum jemanden, der das nicht gut findet. Arsenij Roginskij von der Menschenrechtsorganisation Memorial und langjähriger Teilnehmer des Gesprächsforums:

"Wir müssen reden. Und auch wenn die Gespräche nicht besonders inhaltsreich werden sollten, ist das besser, als zu schweigen."

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