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StartseiteAus Religion und Gesellschaft"Schutzengel der Armenier" 27.07.2016

Pfarrer Johannes Lepsius"Schutzengel der Armenier"

Der evangelische Pfarrer Johannes Lepsius hört Ende des 19. Jahrhunderts von Massakern an armenischen Christen im Osmanischen Reich. Der schwärmerische Missionar fragt sich: Ist eine solche Barbarei vorstellbar? Sind das englische Lügenmärchen? Als Teppichhändler getarnt, bricht er im Frühjahr 1896 in den Orient auf. Er entdeckt Schreckliches - und findet sein Lebensthema.

Von Carsten Dippel

Johannes Lepsius in seinen letzten Lebensjahren (Foto: Lepsiushaus Potsdam)
Johannes Lepsius in seinen letzten Lebensjahren (Foto: Lepsiushaus Potsdam)
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Lepsiushaus in Potsdam

Franz Werfel, Die 40 Tage des Musa Dagh. Fischer Taschenbuch, 15 Euro.

Sie kamen in der Nacht, die Messer gewetzt, mit Stöcken bewaffnet. In den Straßen von Konstantinopel, von Trapezunt, von Erzerum und Aleppo: Blut, überall Blut. Zerschlagene Häupter, Menschen ihrer Kleider beraubt, geschundene Leiber am Wegesrand, lodernde Brände, Frauen wie Vieh auf dem Markt zum Kauf angeboten, Männer in Raserei erschlagen.

"Es ist eine Massenabschlachtung, Ausplünderung und Zwangskonversion eines großen christlichen Volkes." Aus: Johannes Lepsius, Armenien und Europa.

Im Frühjahr 1884 kommt ein junger Mann voller Neugier und Enthusiasmus in das von Missionaren und Pilgern bevölkerte Jerusalem. Johannes Lepsius hat gerade ein Theologiestudium in Erlangen und Greifswald absolviert und tritt nun im fernen Palästina eine Pfarrstelle für die evangelisch-lutherische Gemeinde an. Jerusalem – das ist der Reiz des Orients, jener Orient, von dem er im Hause seines Vaters Carl Richard Lepsius, einem bedeutenden Ägyptologen, so viel gehört hat.

Lehrer, Hilfsgeistlicher und Vorstand des Syrischen Waisenhauses

Das Heilige Land zieht in diesen Tagen allerlei Pilger an. Die unmittelbare Begegnung mit dem osmanischen Vielvölkerstaat hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck bei dem jungen Mann. Johannes Lepsius arbeitet als Lehrer, Hilfsgeistlicher, im Vorstand des Syrischen Waisenhauses. Er bewegt sich in einem illustren Kreis von Missionaren, meist aus angelsächsischen Ländern. Das informelle Netzwerk einer "protestantischen Internationale", so Rolf Hosfeld, Leiter des Lepsiushauses, einer Forschungs- und Begegnungsstätte in Potsdam. "Die waren in der Regel doch sehr liberal eingestellt, politisch liberal, aber eben auch sehr menschenrechtlich orientiert und diese liberale menschenrechtliche Orientierung hat er dort in gewisser Weise gelernt und mitgenommen."

"Der kurzsichtige, blau in die Ferne gerichtete Blick des Pastors, der kindliche Mund, der sich aus dem sanften, grauen Bärtchen hervorwölbt, die strengen Wangen, die noch von Eile und Not gerötet sind, all dies bildet einen Ausdruck von Leiden und Schwärmerei, der gegen sich selbst unerbittlich ist." Franz Werfel, Die 40 Tage des Musa Dagh.

Rolf Hosfeld sagt: "Er (Johannes Lepsius) ist dann zurück und hat sich dann im Überschwang als junger Mensch Gedanken zu Missionsaktivitäten im Orient gemacht auch immer in dieser schwärmerischen Vorstellung, das Land der Bibel wieder aufleben zu lassen, die so die Köpfe der Protestanten in der ganzen Welt im 19. Jahrhundert erfüllt haben. Aber dann passierten eben diese schrecklichen Massaker und dann spielte dieses Missionsthema nicht mehr diese herausragende Rolle." 

Friesdorf, am Harz. Hierher kehrt Johannes Lepsius im Frühjahr 1887 nach seinem Aufenthalt in Jerusalem trunken voller Eindrücke zurück. Mitgebracht hat er die junge Margarethe Zeller, genannt Maggie, Enkelin des Schweizer Bischofs in Jerusalem Samuel Gobat. Mit ihr begründet er eine Familie, sechs Kinder werden geboren.

"In meinen frühen Kindheitsjahren hat sie mir Missionshefte gegeben und klar gemacht, so einer ist Dein Großvater auch gewesen. Der hat die kleinen Kinder aufgenommen in Waisenhäusern und das hat mich natürlich sehr beeindruckt", erzählt Manfred Aschke, Präsident des Thüringer Verfassungsgerichtshofes in Weimar, hat seinen Großvater Johannes Lepsius nie kennengelernt. Doch mit den Geschichten über ihn ist er aufgewachsen.

"Die sicherlich noch wichtigere Bedeutung von Lepsius als Helfer und Dokumentarist Armeniens bzw. des armenischen Volkes, das habe ich erst später, eigentlich wirklich erst in den letzten Schuljahren und dann im Studium erfahren. Da habe ich auch die Tragweite und Bedeutung dessen mir erst erschließen können, was ihn vielleicht zu einer deutschen Ausnahme macht."

Es sind alarmierende Nachrichten, die da im Frühjahr 1894 nach Europa dringen. Von ungeheuer grausamen Verbrechen an armenischen Christen im Osmanischen Reich ist die Rede. Am Ende werden diesen unter Sultan Abdulhamid II. begangenen Massakern 100.000 Armenier zum Opfer fallen.

Als Christ nicht tatenlos zusehen

Aber ist eine solche Barbarei wirklich vorstellbar? Sind das nicht alles englische Lügenmärchen? Johannes Lepsius lassen diese Fragen keine Ruhe. Viele Jahre sind seit seinem Jerusalem-Aufenthalt vergangen. Jetzt fragt er sich, ob man als Christ, sollten sich diese schrecklichen Dinge bewahrheiten, einfach tatenlos zusehen könne. Er beschließt, den Dingen nachzugehen. Als Teppichhändler getarnt, bricht er im Frühjahr 1896 erneut gen Orient, in die Massakergebiete auf.

"Als aus den englischen Zeitungen Berichte nach Deutschland kamen, die den schauderhaften Umfang und den bestialischen Charakter der Blutbäder nicht mehr verschwiegen, schrie die deutsche Presse wie mit einem Munde: Englische Lügen! Englische Lügen!" Johannes Lepsius, Armenien und Europa.

Vor Ort versucht Lepsius sich ein Bild der Lage zu machen. Er sichtet Dokumente, sammelt Augenzeugenberichte. Lepsius ist schockiert von der grenzenlosen Gewalt. Die Tragweite des grauenvollen Geschehens lässt sich erst erahnen. Noch weiß der Sohn aus dem Berliner Bildungsbürgertum, dessen Mutter Elisabeth, Urenkelin des Aufklärers Friedrich Nicolai, einen Salon unterhält, nicht, dass dies sein großes Lebensthema wird: das Eintreten für die bedrängte Minderheit der Armenier.

Hilfe für Überlebende 

Er kümmert sich sofort um Hilfe für die Überlebenden, meist Frauen und Kinder, darunter viele Waisen. In Urfa, im Südosten Anatoliens, gründet Lepsius 1896 mit Hilfe amerikanischer Freunde aus der Missionszeit die erste Dependance seines Armenischen Hilfswerks. Franz Werfel wird ihn einst "den von Gott gesandten Schutzengel der Armenier" nennen. Rolf Hosfeld sagt: "Er hatte ein ganz eigenes, wenn man so will eigenwilliges Verständnis des Verhältnisses von Ethik und Politik, in einer Zeit, wo der Protestantismus in Deutschland in der Regel doch sehr staatstreu gewesen ist. Dass man sich nämlich in Grenzsituationen, wo ethisch-moralische Grenzfragen tangiert sind, in erster Linie an ethischen Maßstäben auszurichten hat und nicht an Machtinteressen."

Bericht über Lage des armenischen Volkes (Foto: Lepsiushaus Potsdam)Bericht über Lage des armenischen Volkes (Foto: Lepsiushaus Potsdam)

Tief verstört von dem Erlebten macht sich Johannes Lepsius nach seiner Rückkehr sofort an die Arbeit. Zunächst hält er Vorträge, bevor er mit der Niederschrift seines Buches "Armenien und Europa" beginnt. Es wird ein Bestseller und, wie er im Untertitel schreibt, eine "Anklageschrift wider die christlichen Großmächte und ein Aufruf an das christliche Deutschland".

Manfred Aschke erzählt: "Er hat es nicht dabei belassen, einfach nur die Fakten zu belegen, sondern er hat eine politische Kritik an den europäischen Großmächten verbunden, eine scharfe Kritik, die darauf hinausläuft, dass die Großmächte ihre eigenen Interessen verfolgen und dass die Armenier Spielball davon geworden sind. Also schon da hat er angemahnt, dass für die Großmächte christliche Werte und Maßstäbe eingefordert werden."

Lepsius vertraut ganz auf die Macht des Wortes. Er ist charismatisch, besitzt schauspielerisches Talent. Er geht mit seinem Buch "Armenien und Europa" – stets unter den argwöhnischen Augen der Polizei – auf Vortragsreise. Basel ist ein wichtiges Relais der "Protestantischen Internationale". Lepsius versteht seine Arbeit, die in einer tief verinnerlichten protestantischen Ethik wurzelt, von Beginn an auch politisch. Im Jahr 1895 gründet er die Deutsche Orientmission und bald darauf in Reaktion auf die Massaker ruft er das Armenische Hilfswerk ins Leben.

Er ist getrieben von der Mission, den bedrängten christlichen Brüdern zu helfen, wo es nur geht, und für sie die Stimme zu erheben. Er will die Öffentlichkeit wachrütteln, nicht zuletzt um Spendengelder für sein Hilfswerk einzuwerben.

Lepius verlangt von seiner Kirche stärkeres Engagement

Bei seinen Vorträgen ruft Lepsius seine Kirche auf, sie müsse sich stärker engagieren, sich für die Not der Glaubensbrüder interessieren. Sie dürfe nicht nur karitativ handeln, sondern müsse sich auch politisch für die Menschenrechte einsetzen. Dazu waren jedoch weite Teile der liberalen Christen und auch die Amtskirche nicht bereit. Sie ließen Lepsius auflaufen, so wie sie die Augen verschlossen, vor dem, was ihren Glaubensbrüdern im Vorderen Orient angetan wurde.

Dazu Manfred Aschke: "Es gab ja eine viel zu große Enge zwischen Staat und protestantischen Kirchen in Preußen und dazu gehörte eben auch die Vorstellung einer strickten Trennung zwischen Religion und Politik in dem Sinne, dass sich die Religion nicht in die Politik einmischen darf. Gerade damit hat sich ja Lepsius auseinandergesetzt."

Um die aufreibende Arbeit fortsetzen zu können, bittet Lepsius seine Kirchenleitung um eine Freistellung. Doch sein Gesuch wird abgelehnt, woraufhin der erst 38 Jahre alte Pfarrer nicht anders kann, als sein Amt niederzulegen, was auch bedeutet, dass er aus der Pensionskasse austreten muss. Für einen Haushalt mit sechs Kindern ein hohes Risiko. Fortan ist Lepsius auf Spenden für seine Orientmission angewiesen. Er wird für sein Armenisches Hilfswerk, eine frühe Form der NGO, bis an sein Lebensende freiberuflich tätig sein.

Doch wird es dafür noch einen Platz in der Welt geben, wo doch vieles auf einen großen Krieg hindeutet? Einen Krieg, der für das von inneren Konflikten zerrissene Osmanische Reich nur Schlimmstes erahnen lässt. Die Jungtürken sehen sich durch den wachsenden wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss der Armeiner bedroht. Man unterstellt ihnen, mit ausländischen Mächten verbündet zu sein. Doch noch wird Johannes Lepsius eine Chance gegeben.

Die Arbeit seiner Orientmission zahlt sich aus: Auf deutschen und russischen Druck hin kommt es 1913 zu Reformen in den armenischen Provinzen. Lepsius hat daran als Berater des Auswärtigen Amtes maßgeblichen Anteil. Vorgesehen ist die Schaffung zweier armenischer Provinzen mit umfassendem Minderheitenschutz.

Doch dann wird am 28. Juni 1914 der österreichische Thronfolger in Sarajewo ermordet.

Fotos in einer Ausstellung über die Verfolgung der Armenier im Lepsius-Haus in Potsdam (dpa / picture alliance / Bernd Settnik)Armenier Völkermord Ausstellung Lepsius-Haus (dpa / picture alliance / Bernd Settnik)

Lepsius ist nicht grundsätzlich gegen diesen Krieg und ein Bündnis mit den Türken. Ihm ist durchaus an einer deutschen Vormachtstellung im Vorderen Orient gelegen. Hier ist er auch Kind seiner Zeit. In einem Brief an seinen Sohn Gerhard schreibt er im Januar 1915: "Der Orient muss erst deutsch werden, bevor er christlich werden kann."

"Man war fest von bestimmten Rollenverteilungen der Nationen überzeugt, die Russen hatte die tiefe Seele, die Engländer und die Amerikaner hatten den zynischen Pragmatismus und dazwischen ragt dann heraus Deutschland das Land der Reformation, das Gefühl und Ratio verbinden kann, so ähnliche Sätze liest man auch bei Johannes Lepsius und das hat mich in meiner Studienzeit, als ich das gelesen habe, schwer irritiert", erinnert sich Manfred Aschke. "Er hat dieses imperialistische Denken versucht umzuinterpretieren in so etwas wie christliche Weltmachtpolitik."

Ergibt das Bündnis mit den Türken wirklich noch Sinn?

"Es ist unsagbar, was geschehen ist, und noch geschieht. Die vollkommene Ausrottung ist das Ziel – alles unter dem Schleier des Kriegsrechtes." Johannes Lepsius in einem Brief an seine zweite Frau Alice, August 1915.

Nach und nach sickern die ersten schrecklichen Nachrichten durch. Im Sommer 1915 begibt sich Johannes Lepsius ein weiteres Mal über Genf, Bukarest und Sofia auf die Reise nach Konstantinopel. Unterwegs versorgt er sich mit Informationen. Durch ein beunruhigendes Telegramm des deutschen Botschafters Hans von Wangenheim erfährt er erstmals von größeren Deportationen. Ergibt das Bündnis mit den Türken wirklich noch Sinn? Erste Zweifel kommen in ihm auf.

In einem Brief an Martin Rade, Herausgeber der "Christlichen Welt", schreibt Lepsius im Juli 1915: "Wir können unmöglich unsere deutsch-türkische Waffenbrüderschaft mit Christen-Massakern belasten." Wieder sind es unbeschreibliche Verbrechen, die sich vor den Augen Lepsius’ auftun. Und es sollte schlimmer kommen, als 20 Jahre zuvor. Diesmal droht ein Völkermord.

"Die einzige Erklärung, welche die Maßregel der Behörden nicht als eine sinnlose Handlung erscheinen lässt, bietet die Annahme, dass es sich um die Durchführung eines innenpolitischen Programms handelte, das sich mit kalter Überlegung und Berechnung die Vernichtung des armenischen Volkselements zur Aufgabe machte." Johannes Lepsius, Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei.

"Die armenische Bevölkerung wurde um etwa 80 Prozent dezimiert während des Ersten Weltkrieges und während des Ersten Weltkrieges war sich eigentlich die deutsche Reichsregierung spätestens im Juli 1915 darüber bewusst, dass das ein Ergebnis einer staatlich beabsichtigten gelenkten Politik gewesen ist. Als die herrschenden Kreise der jungtürkischen Partei den Entschluss gefasst haben, an der Seite der Mittelmächte in den Weltkrieg einzutreten, waren dabei auch innenpolitische Zielsetzungen maßgeblich: Man wollte die armenische Frage während des Krieges ein für alle mal loswerden. Man wollte eine Endlösung der armenischen Frage herbeiführen", sagt Rolf Hosfeld, Leiter des Lepsius-Hauses.

Prägende Begegnung mit Enver Pascha

Am 10. August 1915 erhält Johannes Lepsius eine Audienz bei Enver Pascha in Istanbul, als Kriegsminister eine der zentralen Figuren der Jungtürken, mitverantwortlich für den Völkermord. Für Lepsius ist die Begegnung mit Enver Pascha prägend. Nach den ersten Deportationsbefehlen hatte Lepsius noch versucht, all sein diplomatisches Geschick in die Waagschale zu werfen, damit wenigstens die Armenier im Westen des Reiches verschont würden.

Doch das, was im Schatten des Krieges ab dem Sommer 1915 und bis weit ins dritte Kriegsjahr hinein passiert, überschreitet alle Vorstellungskraft.

Und dennoch hält Lepsius an seinem Ziel aufzuklären unbeirrbar fest. Doch er weiß, dass höchste Eile geboten ist. Nach seiner Rückkehr gibt er am 5. Oktober 1915 eine Pressekonferenz im Reichstag und durchbricht damit den Konsens des öffentlichen Schweigens. Er beklagt, das Auswärtige Amt "sei ein Sklave der Hohen Pforte", wie damals das Osmanische Reich auch genannt wurde. Lepsius gerät ins Visier der Militärzensur. Karl Liebknecht verweist in einer Reichstagrede darauf, dass dieser Dr. Johannes Lepsius von einer Ausrottung des armenischen Volkes spricht. Es war lange umstritten, in welchem Maße deutsche Stellen in die Verbrechen involviert waren. In der Forschung ist man sich heute einig, dass es zwar vereinzelt zu einer direkten Beteiligung deutscher Militärs gekommen ist, es aber keine übergeordneten Befehle gab, die Vernichtung der Armenier gar ein Kriegsziel der Deutschen war. Zugleich ist aber auch klar: die deutsche Seite wusste sehr genau über die Vorgänge Bescheid.

Lepsius will weiter aufklären, alles Menschenmögliche tun, um der Katastrophe entgegenzuwirken. Er verfasst in seinem Potsdamer Haus einen 300 Seiten starken Bericht zur Lage der Armenier im Osmanischen Reich. In diesem Bericht listet er detailliert die mittlerweile an den Armeniern begangenen Verbrechen auf. Es ist ein umfassendes, bis heute äußerst präzises Dokument des Schreckens. Ende Juli 1916 schnürt er Pakete mit 20.000 Exemplaren seines Berichtes, in Eigenregie gedruckt, anonym verfasst und mit dem Vermerk "streng vertraulich!" versehen. An den Augen der Militärzensur vorbei verschickt er die brisante Ware an die evangelischen Superintendenturen des Reiches.

Weitere Exemplare gehen am 29. Juli 1916 an wichtige Persönlichkeiten, Reichstagsabgeordnete und Zeitungsredaktionen. Ein Paukenschlag.

Am 7. August 1916 wird Lepsius bahnbrechender Bericht von der Militärzensur verboten und noch im Umlauf befindliche Exemplare beschlagnahmt. Lepsius wird zur Persona non grata. Er geht mit seiner Familie nach Den Haag ins neutrale Holland, wo bald auch eine niederländische Übersetzung seines Berichtes erscheint. 

Engagement auch nach dem Krieg

Den Völkermord konnte Johannes Lepsius nicht verhindern. Die schreckliche Bilanz: Schätzungsweise 1,5 Millionen Tote. Lepsius, der immer von seinem Land gefordert hatte, der Wahrheit ins Auge zu blicken und konkret im Sinne des Menschenrechts einzuschreiten, sieht sich gescheitert. Und doch: So tief die Enttäuschung sitzt, er engagiert sich auch nach dem Krieg weiter. Auf der Grundlage von freigegebenen Dokumenten und Schriftwechseln gibt er 1919 die erste systematische Dokumentation zum Völkermord heraus, in der Abläufe und Verantwortlichkeiten deutlich werden. Lepsius tut sich allerdings schwer, von einer deutschen Mitschuld zu sprechen. Er hadert wie die meisten seiner Zeitgenossen mit dem Versailler Vertrag.

In den ersten Nachkriegsjahren wird eine erstaunlich offene Debatte zum Völkermord an den Armeniern in Deutschland geführt, woran Lepsius Wirken maßgeblichen Anteil hat. Schließlich tritt er im Prozess gegen den armenischen Studenten Soghomon Tehlirian im Jahr 1921 als Hauptgutachter auf. Tehlirian hatte den ehemaligen Großwesir des Osmanischen Reiches, Talaat Pascha, der unter falschem Namen in Berlin untergetaucht war, auf offener Straße erschossen. Lepsius dramatische Schilderungen der Vorgänge im Krieg tragen zu einer Stimmung unter den Geschworenen bei, die immer mehr das Osmanische Reich auf der Anklagebank sieht. Tatsächlich endet der Prozess mit einem spektakulären Urteil: Tehlirian wird freigesprochen.

Ein harter Schlag ist für Lepsius hingegen der Vertrag von Lausanne 1923, der Anatolien samt der alten armenischen Siedlungsgebiete türkisch werden lässt. Er begräbt die Hoffnung auf einen Fortbestand der armenischen Kultur, zumindest dessen, was die Verwüstung übrig ließ. Gezeichnet von schwerer Krankheit stirbt er  während eines Kuraufenthaltes am 3. Februar 1926 in Meran. 

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