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StartseiteTag für TagWeltweiter Siegeszug08.02.2019

PfingstbewegungWeltweiter Siegeszug

Die etablierten Kirchen verlieren Mitglieder. Zumindest in Westeuropa. Die Pfingstbewegung dagegen wächst weltweit - und zwar schneller als jede andere Religionsgemeinschaft. Von rund zwei Milliarden Christen ist rund ein Viertel Pfingstler. Viele rümpfen die Nase, andere feiern.

Von Ada von der Decken

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Pfingstler in San Diego, Kalifornien im April 2006  (imago stock&people / Peggy Peattie)
In Gottesdiensten der Pfingstbewegung geht es emotional zu (imago stock&people / Peggy Peattie)
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Als Reporterin Zugang zu einer Londoner Pfingstgemeinde zu bekommen, ist schwierig. Viele sind gegenüber Journalisten eher misstrauisch. Einzelne Pastoren, die sich vom Geld der Mitglieder einen luxuriösen Lebensstil finanzieren oder meinen, Homosexuellen "Heilung" anbieten zu können, haben immer wieder für Schlagzeilen gesorgt.

"Das macht unser Leben sicherer"

Die Hackney Pentecostal Apostolic Church aber gewährt Einblick und lädt zu einem Abendgottesdienst am Sonntag ein. Die Bedingung: Keine Fotos und das Aufnahmegerät läuft nur nach Absprache.

Jeder hier ist festlich und farbenfroh gekleidet, von außen betrachtet könnte es eine feine Hochzeitsgesellschaft sein. Die Frauen mit Hut, die Männer mit Krawatte. Alle 80 Kirchgänger sind schwarz, die meisten haben wie Monica Douglas, die hier Pastorin ist, jamaikanische Wurzeln: Die Pastorin fasst das Programm der Kirche zusammen:

"Wir glauben, dass Jesus seine Jünger aussandte, das Evangelium zu verkünden, dass Sünden vergeben werden. Und wir glauben an die Wassertaufe. Wir sind für junge Leute da, und für Menschen jeder Herkunft. Jeder ist eingeladen. Das macht unser Leben sicherer. Denn wer Gott in sich hat, der tötet nicht und stiehlt nicht. Wir wollen Frieden und wenn wir die Leute dazu bringen, Gott zu folgen, dann tragen sie Liebe im Herzen und geben aufeinander Acht."

Eine spirituelle Performance

Vom Baby bis zur 80-Jährigen: Alle Altersgruppen sind hier vertreten. Die Kirche ist gut geheizt, die Stimmung offen und freundlich. Der Gottesdienst dauert drei Stunden lang und gleicht einer spirituellen Performance. Immer wieder treten Einzelne ans Mikrofon, fangen an zu singen. Nach und nach stimmen alle anderen ein, sie stehen von ihren Kirchenbänken auf, tanzen, klatschen, winken, breiten die Arme aus. Eine Band begleitet. Der Ablauf folgt einem groben Muster, aber Platz für Spontanes bleibt.

An diesem Abend legen viele Gemeindemitglieder Zeugnis ab: Sie erzählen davon, wie sie überraschend geheilt worden seien, oder von Wundern, die sie vor Unglück bewahrt hätten. Ein Mann berichtet von seinem Lebenswandel: Einbrüche, Knast - was früher Alltag war, sei nun Vergangenheit. Gott habe ihn gerettet. "Praise the Lord" - "Gelobt sei der Herr" - rufen andere ihm bestärkend zu.

"Ein empathischer, vergebender Gott"

Leslie Fesenmyer, Anthropologin an der Universität in Birmingham, hat für ihre Forschungsarbeit zahlreiche Gottesdienste von Pfingstlern in London besucht.

"Was der Schlüssel zum Verständnis der Religion und Spiritualität von Pfingstlern ist, haben mir Pastoren und Mitglieder immer wieder gesagt: Es sei nicht einfach eine Religion, es sei eine persönliche Beziehung zu Gott. Der Gott der Pfingstbewegung ist ein empathischer, vergebender Gott. Und keiner, der straft, verurteilt und verdammt."

Alles hier - ob biblische Psalmen oder Gleichnisse - wird auf die ganz persönliche Ebene heruntergebrochen. So wird Religion für jeden zu einer sehr individuellen Sache: Vielen Zuhörern kommen die Tränen, während sie den Lebensgeschichten der Anderen zuhören.

Leslie Fesenmyer (Deutschlandradio / Ada von der Decken)Leslie Fesenmyer hat die Pfingstler in Großbritannien untersucht (Deutschlandradio / Ada von der Decken)

Ein Mann in den Vierzigern von kräftiger Statur geht in Richtung Altar, stützt sich an einem Geländer ab, sackt in sich zusammen, schluchzt und lässt seinen Tränen freien Lauf. Die Pastorin legt ihre Hände auf seine Schultern, redet ihm zu, betet für ihn. Langsam beruhigt sich der Mann wieder. Das Zulassen von Emotionen lässt den Gottesdienst zu einer sinnlich erfahrbaren Reise werden. Ritualisiert, aber nicht statisch. Dies hat auch Leslie Fesenmyer untersucht. Ihr Fokus lag auf Menschen, die aus Kenia nach London gekommen sind.

"Die Gottesdienste behandeln wirklich das Leben und die Herausforderungen, mit denen die Gemeindemitglieder konfrontiert sind. Viele haben gesagt, dass sie, als sie nach Großbritannien gezogen sind, zunächst auch anglikanische oder katholische Kirchen vor Ort besucht haben. Aber diese Gottesdienste hatten nichts mit ihrem Leben zu tun, sie fanden sie langweilig und bedeutungslos."

Kirchenwachstum wegen der Zuwanderung

Es gibt heute in London 50 Prozent mehr Kirchengemeinden als im Jahr 1980. Die Zahl der Kirchgänger ist insgesamt um zehn Prozent gestiegen. Jeden Sonntag gehen mehr als 700.000 Menschen in einen Gottesdienst, die Hälfte davon: Schwarze. Das Kirchenwachstum in London geht also auf die Einwanderung religiöser Menschen zurück, die eine neue spirituelle Heimat suchen. Ein Phänomen, das öffentlich so wenig beachtet werde, weil die Anhänger der Pfingstbewegung so schwer einzuordnen seien, sagt Leslie Fesenmyer:

"Es ist kompliziert: Sie vertreten eine Reihe gesellschaftspolitisch konservativer Positionen: auf Alkohol verzichten, eheliche Treue, lieber verheiratet sein als lose zusammenleben. Nicht lügen, nicht betrügen. Homosexualität gilt als Sünde. Sie sind gegen Scheidung, gegen Abtreibung. Gleichzeitig gibt es aber eine echte Solidarität mit den Armen und mit denen, die mit Schikanen zu kämpfen haben."

Aber all das gibt Pfingstlern Sicherheit. So wie auch die Verbindlichkeit unter den Gemeindemitgliedern während der drei Stunden Gottesdienst, die langsam zu Ende gehen. Fast alle haben von sehr privaten religiösen Erfahrungen erzählt. Sie haben etwas gemeinsam gestaltet. Das kann genauso als Sicherheit für den Alltag erfahren werden wie die eindeutigen Moralvorstellungen ihrer Gemeinschaft. Womöglich eine erfolgreiche Kombination, die den starken Zulauf der Pfingstbewegung erklären kann.

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