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StartseiteCampus & KarriereNicht mal ein Praktikumsgehalt für Pflege-Studierende12.05.2021

PflegeakademisierungNicht mal ein Praktikumsgehalt für Pflege-Studierende

Politiker betonten, Pflegekräfte verdienten mehr "Wertschätzung". Doch für das dreijährige Pflegestudium mit 2.500 Stunden Praxiseinsätzen gebe es "überhaupt kein Geld", sagte Christine Vogler, Vize-Präsidentin des Deutschen Pflegerates, im Dlf. So könne man nicht weitermachen.

Christine Vogler im Gespräch mit Stephanie Gebert

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Ein Teilnehmer der Aktion «Der Pflege geht die Luft aus» der Bundespflegekammer und des Berliner Walk of Care geht mit einem Krankenhausbett und einem Schild mit der Aufschrift "Mehr von uns besser für alle" am Reichstagsgebäude vorbei (picture alliance/dpa | Fabian Sommer)
Ohne eine Veränderung werde es künftig zu wenig Pflegende geben, warnt Christine Vogler vom Deutschen Pflegerat im Dlf (picture alliance/dpa | Fabian Sommer)
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Schon vor der Corona-Pandemie brauchte Deutschland mehr Pflegekräfte. Eine Idee, um den Pflegenotstand zu beenden, lautete: Der Beruf wird akademisiert. Denn zum einen soll damit die Qualität in der Ausbildung und zum anderen das Ansehen des Berufes steigen. Das Problem dabei: Nicht mal die Hälfte aller vorhandenen Studienplätze in Deutschland ist aktuell belegt. Das liege an den schlechten Rahmenbedingungen für Menschen, die ein solches Studium aufnehmen, sagte Christine Vogler, Vize-Präsidentin des Deutschen Pflegerates, im Deutschlandfunk. Ihre Kritik: Die Studierenden kommen nicht, weil das Geld fehlt. Vogler warnte vor den Folgen für die Volkswirtschaft – und für alle Familien mit Pflegebedürftigen. 


Stephanie Gebert: Sie kritisieren, dass die Praxiseinsätze der Studierenden nicht vergütet werden. Jetzt könnte man aber sagen, die sind aber nun mal in der Ausbildung. Warum sollte es dafür Geld geben?

Christine Vogler: Ja, das fragen uns natürlich viele, weil natürlich Studium erst mal damit verknüpft wird, dass Studierende in die Hochschulen gehen, ihre Semester haben und dann gehen sie in den Semesterferien arbeiten. In der Pflege ist das anders, muss das tatsächlich anders sein, weil wir eine hohe Praxisstundenzahl haben, die die Studierenden tatsächlich in der Praxis ablegen müssen.

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Die müssen 2.500 Stunden Praxis absolvieren bei einem Träger im klinischen Bereich oder im Langzeitbereich oder auch im stationären Bereich und müssen diese Stunden vorweisen. Das heißt, wenn die nicht an der Uni sind, dann sind die in der Praxis, und es bleibt gar keine Zeit, sich etwas dazu zu verdienen. Deswegen ist eben die Forderung ganz eindeutig auch, dass diese Praxiseinsätze der Studierenden vergütet werden müssen.

"Drei Jahre quasi ohne Vergütung"

Gebert: Und fehlendes Geld ist ja nicht nur auf Seiten der Studierenden ein Thema, sondern auch auf Seite der Ausbilder. Einrichtungen, Sie haben gerade ein paar genannt, wie Kliniken oder Pflegeheime, bekommen kein Geld dafür, dass sie die Studierenden in der Praxis anleiten. Schrecken die denn tatsächlich auch davor zurück, also stehen Studierende ohne Ausbildungseinrichtung da?

Vogler: Das ist ja momentan die Schwierigkeit, das zum einen die Studierenden gar nicht kommen, weil sie sagen, ich kann mir das gar nicht leisten, drei Jahre quasi ohne Vergütung zu sein. Auf der anderen Seite sind die Praxisträger natürlich, wenn jemand eine Praxisanleitung macht von den eigenen Angestellten, dann stehen die ja nicht zur Arbeit zur Verfügung, da entstehen ja tatsächlich betriebswirtschaftliche Mehrkosten, die auch durch die Einrichtungen, Sie wissen, wie knapp die Personaldecke ist, gar nicht aufgefangen werden können. Deswegen sagen viele Praxisträger tatsächlich, ich mache das gar nicht, weil ich kann mir das gar nicht so leisten. Ganz abgesehen davon habe ich unter Umständen das Personal auch gar nicht.

Gebert: Und als dritter Punkt, da geht es auch wieder um das Geld, fehlt es auch an den Hochschulen, auch die sind nicht richtig ausgestattet, sagen Sie. Muss man nicht vielleicht insgesamt, wenn man einen Strich drunter zieht und sich das anschaut, sagen oder feststellen, die Pläne zur Akademisierung des Pflegeberufes waren einfach nicht vernünftig ausgereift?

Vogler: Richtig. Das ist wirklich ein großer handwerklicher Fehler. Wir haben ja schon immer auch das Grundstudium Pflege in Deutschland gefordert vom Deutschen Pflegerat. Und die Umsetzung im Pflegeberufegesetz ist halbherzig. Ja, wir können jetzt primär qualifiziert studieren, das hat der Gesetzgeber ermöglicht. Aber alle weiterführenden Optionen, Finanzierung, Ausstattung und auch die die Hochschulsituation zu verbessern, das ist ausgelassen worden. Man hat einfach die Möglichkeit geschaffen, so, ihr könnt studieren. Aber die Bedingungen auch festzulegen, das ist tatsächlich versäumt worden.

"Keine angemessenen Vergütungsstrukturen"

Gebert: Und jetzt haben wir einerseits, wie wir ja schon gehört haben, weniger als 50 Prozent Studienplätze, die einfach nicht belegt sind, weil es eben an Geld mangelt an allen Ecken und Enden. Und gleichzeitig sagen Sie jetzt aber, wir müssen noch viel mehr Studienplätze schaffen. Wie passt das jetzt zusammen?

Vogler: Wir brauchen mehr Studienplätze für die pflegerische Versorgung in Deutschland, das ist total wichtig, um auch die Qualität in Deutschland dem europäischen Niveau anzupassen, was Qualifikation von Pflegenden angeht. Und wir haben ja jetzt die Situation, dass so wenige in die Pflegestudiengänge gehen, weil die Bedingungen schlecht sind.

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Die Studierenden oder die, die Interesse am Pflegestudium haben, sagen ja nicht, ich gehe da nicht rein, weil mich das grundsätzlich nicht interessiert, sondern die gucken sich die Bedingungen an und sagen: Ich soll hier drei Jahre studieren und Praxiseinsätze absolvieren und bekomme überhaupt kein Geld dafür, auch für 2.500 Stunden, das sind anderthalb Jahre Arbeit letztendlich in der Praxis, und dafür bekomme ich nicht mal ein Praktikumsgehalt? Das ist natürlich gar nicht möglich. Und es ist ja auch so, selbst wenn man Bafög beantragen würde, dass wir tatsächlich nachfolgend für studierte Pflegefachpersonen keine angemessenen Vergütungsstrukturen haben.

Gebert: Jetzt hören wir aber den Gesundheitsminister, auch der Arbeitsminister ist da gerne mit dabei, wenn es um Tariflöhne geht für Pflegekräfte in der Altenpflege, oder wir hören Herrn Spahn, den Gesundheitsminister von der CDU, wo es immer wieder darum geht, dem Pflegepersonal und überhaupt dem Beruf der Pflegenden viel Anerkennung und Wertschätzung entgegenzubringen. Wie glaubwürdig ist das, wenn wir jetzt darüber nachdenken, wie die Akademisierung dieses Berufes läuft?

Werden ohne Veränderungen künftig zu wenig Pflegende haben

Vogler: Die Mühen sind groß, das honorieren wir, aber tatsächlich bleibt es im eigenen System, im Gesundheitssystem stecken, die Bemühungen um die Veränderungen. Wir müssen aufhören, in Legislaturen zu denken, wir müssen aufhören, an einzelnen Punkten rumzudoktern, was die Pflege angeht, sondern wir brauchen wirklich eine Zielsetzung, wo wird pflegerische Versorgung wirklich in Deutschland stehen? Welchen Qualitätsanspruch haben wir an Pflege, wie wollen wir unsere Menschen in Deutschland mit Pflege versorgen.

Und dann können wir uns angucken, welche Strukturen haben wir heute in der Ausbildung von Pflege und dann müssen wir das anpassen. Weil wenn wir so weitermachen, dann werden die Pflegestudiengänge wirklich auf einem Niveau bleiben, was die Quantität angeht, was nicht im Ansatz Qualität sichert, wenn wir nicht massiv in Ausbildung investieren und in die Arbeitsbedingungen investieren, dann werden wir in zehn, 15 Jahren im ambulanten Versorgungsbereich, im Langzeitversorgungsbereich und in der Klinik zu wenig Pflegende haben. Und das bedeutet, dass die Menschen in Deutschland ihre Angehörigen pflegen werden. Und was das für Familien bedeutet und auch am Ende für die Volkswirtschaft, das sollten wir uns mal ausrechnen. Von daher ist die Investition jetzt in vernünftige Löhne und in vernünftige Ausbildungssituationen und Studierendensituationen der bessere Weg.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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