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StartseiteFirmenporträtIm Alter sind nicht alle gleich30.08.2019

Pflegedienst mit Migrations-KnowhowIm Alter sind nicht alle gleich

Viele sogenannte Gastarbeiter der ersten Generation verbringen auch ihren Lebensabend in Deutschland. Kulturelle Unterschiede stellen Pflegeheime und ambulante Pflegedienste mitunter vor neue Herausforderungen. Ein Berliner Pflegedienst hat das Problem erkannt und reagiert.

Von Manfred Götzke

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Ein Rollator steht im Zimmer einer älteren Frau  (picture-alliance / dpa /  Monika Skolimowska)
Kulturelle Unterschiede sind eine Herausforderung für Pflegekräfte (picture-alliance / dpa / Monika Skolimowska)
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In der Wohnung der alten Dame. Der Pflegedienst ist da. Ein Dialog auf Türkisch beginnt.

"Wie geht’s dir denn heute?"

"Naja, ich hab heute keine Kraft, es ist viel zu heiß..."

Während Altenpfleger Mersudin Vljevac die Tabletten in Frau Necmiyes  Pillenbox für die Woche füllt, zieht seine Kollegin der alten Dame noch die dicken Socken aus. Viel zu warm an diesem Sommer-Nachmittag. Die 78-jährige Türkin kann sich momentan nicht richtig bücken. Sie ist kürzlich gestürzt.  Die Pflegehelferin  fragt nach einer Wunde an der Hüfte. Die sei viel besser, sagt die alte Dame.

Dann guckt die 35-jährige Pflegehelferin Hayriye Bayrak noch mal kurz in die Küche, ob genug zu essen da ist. Jeden Tag kommt sie oder eine ihrer Kolleginnen vorbei. Hilft ihr morgens beim Anziehen und Waschen, kocht, geht mit ihr den Medikamentenplan durch.

Zweimal die Woche ist sogar Zeit für einen kurzen Spaziergang oder gemeinsam Frühstücken im türkischen Café, ein paar Straßen weiter.  

"Sie hat das sehr gerne, sie ist sonst nur allein hier".

Die alte Dame bringt zum Ausdruck, wie nah ihr die Pflegerinnen sind:

"Es ist alles in Ordnung,  das sind meine Kinder, wie Familie, alle zusammen".

Muttersprache in der Pflege

Dass sich die Rentnerin familiär umsorgt fühlt, liegt auch daran, dass sich Necmiyes und Bayrak in ihrer Muttersprache unterhalten können. Die Pflegehelferin kommt selbst aus der Türkei. Und wenn die Rentnerin, die ihr halbes Leben lang in deutschen Fabriken geschuftet hat, mal Köfte oder türkische Linsensuppe essen möchte, kann Bayrak die auch so zubereiten, wie sie es aus ihrer Heimat kennt.

"Einmal war eine deutsche Kollegin da, die hat einfach anders gekocht, ich habe ihr versucht, es zu erklären, aber sie hat es nicht verstanden. Es ist einfach besser, dass es eine türkische Firma ist: Sie kennen meine Kultur. Ich bin jetzt seit 14 Jahren bei Deta-Med. Seit ich in Rente bin. Und mache auch Werbung, bei meinen Bekannten".

Ehefrauen mit Pflicht zur Pflege?

Wenn man mit Bayrak und Vljevac ein paar Stunden lang unterwegs ist, wird sofort klar: Sie arbeiten nicht bei einem ganz normalen Pflegedienst. Sie sind Mitarbeiter bei Deta-Med. Eine kultursensible, mobile Pflegefirma.

Nare Yezilyurt, die Gründerin von Deta Med empfängt bei Keksen und Cappuccino in der Zentrale im Berliner Stadtteil Tempelhof. Vor 20 Jahren hat sie den Pflegedienst aufgebaut. Damals hatte sie bei Interviews für ihre Diplomarbeit erfahren, wie manche Türken in Deutschland die Pflege ihrer Eltern organisieren.  

"Die haben mir erzählt, ich habe in der Türkei geheiratet, damit die Frau kommt und meine Mutter versorgt, denn meine Mutter ist pflegebedürftig. Dann dachte ich erst das ist ein Einzelfall. Aber von 38 Interviews, waren 35 verheiratet, nur damit die Frauen in Deutschland die Eltern pflegen. Die hatten zum Teil hier in Deutschland noch eine andere Frau, oder eine Geliebte, die türkische war nur zur Pflege hier. Das hat mich dermaßen geärgert und gestört, dass Frauen einfach angeheiratet werden, damit sie hier kostenlose Sklaven sind".

Problem: Migranten kennen das Pflegesystem nicht

Die heute 50-Jährige wollte diese Zustände abstellen und informierte im Berliner Radio auf Türkisch über die deutsche Pflegeversicherung und ihren neuen Pflegedienst.

"1995 wurde die Pflegeversicherung ins Leben gerufen, aber die Migranten konnten davon keinen Gebrauch machen. Weil sie davon nichts wussten".

Kultursensible Pflege – das hat für Nare Yeziljurt nicht nur mit der Sprache zu tun, erzählt sie. Die sei gar nicht mal so wichtig, schließlich arbeiten in ihrem Unternehmen inzwischen längst nicht mehr nur türkisch-stämmige Frauen, die türkische Patienten pflegen. Mitarbeiter wie Patienten kommen aus allen möglichen Ländern, auch viele Deutsche sind dabei. 

Kulturelle Besonderheiten in der Pflege

Entscheidend ist für sie, dass die Pflegerinnen die kulturellen Besonderheiten bei Hygiene und Körperpflege kennen: Während ältere Deutsche es noch gewohnt sind, sich mit Waschschüssel und Lappen zu waschen, gehen ältere Türken unter die Dusche. 

"Kulturspezifische Pflege ist aber nicht nur für Migranten, sondern kulturspezifisch betrifft jeden. Kultur ist nichts festes, sondern ändert sich je nach Lebenslage der Menschen".

Letztendlich geht es bei guter Pflege um Empathie für den Patienten, sagt sie immer wieder an diesem Vormittag im Büro.

"Ich habe vom ersten Moment an meine Mitarbeiter so geschult, dass sie die Patienten fragen sollen, wie sie gepflegt werden wollen. Nicht wie wir es in der Schule gelernt haben. Essgewohnheiten, Waschgewohnheiten. Auch nicht jeder Mensch wäscht sich jeden Tag, und jeder hat seine eigene Art und Weise, seine Körperpflege durchzuführen, und darauf sollten wir Rücksicht nehmen".

Angefangen hat Yezilyurt 1999 mit ein paar Pflegekräften – heute hat sie 250 Mitarbeiter, und sie bildet auch aus. 600 Patienten versorgen sie täglich in Berlin.  Der Umsatz liegt im zweistelligen Millionen-Bereich.    

Pflegeversicherung besser als ihr Ruf

"Ich zahle zum Beispiel übertariflich, ich bilde aus, bei vollem Gehalt, und ich heule nicht, dass ich wenig Geld habe. Das reicht völlig aus. Der Pflegenotstand ist selbstproduziertes Problem".

Natürlich braucht es Zeit, um den Patienten mit der Zuwendung, mit der Empathie zu begegnen, die Yezilyurt so wichtig ist. Aber die Zeit sei, anders als viele Pflegeunternehmen behaupteten auch da, sagt sie.

"Wir haben Patienten, die täglich 90 Minuten Versorgung kriegen, Patienten, die eine Stunde kriegen. Die Krankenkassen bezahlen uns sehr gut dafür. Nur, die Geschäftsführer behalten den größten Teil für sich und bezahlen die Mitarbeiter schlecht. Und für diese Bezahlung möchte keiner arbeiten. Die Geschäftsführer können machen, was sie wollen, und das alles könnte man unterbinden".  

Nare Yezilyurt, die Gründerin von Deta Med – vor einigen Wochen wurde sie vom Berliner Senat mit dem Preis "Vielfalt unternimmt" ausgezeichnet.

Nare Yezilyurt, die Gründerin von Deta Med – vor einigen Wochen wurde sie vom Berliner Senat mit dem Preis "Vielfalt unternimmt" ausgezeichnet.

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