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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie verletzlichsten Orte in der Coronakrise30.03.2020

PflegeheimeDie verletzlichsten Orte in der Coronakrise

In mehreren Pflegeheimen haben sich Beschäftigte und Bewohner mit dem Coronavirus infiziert - nach Todesfällen hat Niedersachsen einen Aufnahmestopp für Heime verhängt. Nun zeige sich, dass diese stationären Einrichtungen die verletzlichsten Orte in der Coronakrise seien, kommentiert Birgid Becker.

Von Birgid Becker

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Eine Frau im Rollstuhl sitzt allein im Gemeinschaftsraum eines Altenheims. (Picture Alliance / dpa / Monika Skolimowska)
Ein Aufnahmestopp für Pflegeheime erzeugt weitere Probleme (Picture Alliance / dpa / Monika Skolimowska)
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Eine Infektionswelle unter pflegebedürftigen Menschen im Heim, die, untergebracht in aller Enge und zugleich isoliert, soziale Zuwendung, ohnedies ein spärliches Gut, nur mehr auf ein Minimum beschränkt, erfahren, Menschen mit geistigen Einschränkungen, denen nicht einmal erklärt werden kann, weshalb ihre beengte Welt mit den wenigen Freuden von einem Tag auf den anderen noch freudloser wird - Infektionswelle im Pflegeheim, das ist unter allen Schreckensvorstellungen, die die die Corona-Krise erzeugt, eine besonders erschreckende.

Die Schreckensvorstellung ist Realität und wohl weiter verbreitet, als in den nun bekannten Heimen in Sachsen-Anhalt und in Niedersachsen, wo eine hilflose Landesregierung einen 14-tägigen Aufnahmestopp verfügt. Unumgänglich als Infektionsschutzmaßnahme, aber dennoch eine Reaktion, die weitere Probleme erzeugt. Sollen nun Gebrechliche, die nach einem Krankenhausaufenthalt nicht mehr zurück in ihre vier Wände können, in überlasteten Kliniken geparkt werden?

Bei nüchterner Betrachtung muss gesagt werden: Was aus Hannover, Wolfsburg oder Halle bekannt wurde, ist nur der Vorbote.

Pflegesystem steht vor einer Problemlawine

Man kann sich in diesen Tagen nur wünschen, nicht selbst als Pflegebedürftiger in einer stationären Einrichtung zu sein oder Angehörige zu haben, denen man in schweren Zeiten gerne zur Seite stehen möchte – was aber nicht geht und in vielen Fällen nicht einmal zu erklären ist.

Und bei allem Einsatz, den Pflegekräfte zeigen, bei aller Phantasie, die in stationären Einrichtungen an den Tag gelegt wird, um Infektionsrisiken zu lindern und mit dem furchtbaren Mangel an Schutzausrüstung klar zu kommen – unter allen Orten, an denen eine Epidemie ihre Schrecken zeigt und ihre Opfer findet – eine stationäre Einrichtung für die Schwachen, Alten und Gebrechlichsten ist der verletzlichste Ort.

Es ist nun ziemlich einfach und ziemlich billig darauf hinzuweisen, dass sich nun alles rächt, was in der Pflege in den vergangenen Jahrzehnten versäumt wurde. Ja, das Personalproblem, das Ausstattungsproblem, das Bezahlungsproblem, das strukturelle Unterfinanzierungsproblem. Stimmt alles – und greift doch in dieser Ausnahmesituation zu kurz. Auch das beste Pflegesystem der Welt stünde jetzt vor einer Problemlawine. Schuldzuweisungen und das Lamento über die Versäumnisse von gestern – geschenkt. Das hilft niemandem.

Was hilft? Pflegekassen, die tatsächlich so unbürokratisch wie sie es versprochen haben, Mehrkosten schultern, Gesundheitsämter, die den Heimbetreibern mit schnellen Schutzkonzepten zur Seite stehen, ja, auch die Nähkreise, die Schutzmasken schicken. Und was am Ende das Wichtigste ist: Die Dauer des Öffentlichen Stillstands muss daran bemessen werden, wie lange die Schwächsten seines Schutzes bedürfen.

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