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StartseiteDeutschland heuteMangelware Haushaltshilfe05.06.2019

PflegenotstandMangelware Haushaltshilfe

Wer Angehörige zuhause pflegt hat meist auch das Anrecht auf eine sogenannte Entlastungshilfe - also jemanden, der im Haushalt mithilft. Immer mehr Pflegedienste können diese Zusatzkräfte aber nicht mehr bereitstellen, weil es einfach zu wenige gibt. Viele Menschen fühlen sich allein gelassen.

Von Eva Werler

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Eine Seniorin und eine Studentin schneiden gemeinsam Obst in der Küche. (picture-alliance / dpa / Friso Gentsch)
Haushaltshilfen sollen Pflegende unterstützen. (picture-alliance / dpa / Friso Gentsch)
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Heike Hartmann pflegt ihre Mutter. Daheim - gemeinsam mit ihrem 84-jährigen Vater. Häusliche Pflege nennt sich das. Die 86-Jährige sitzt nach einem nicht erkannten Schlaganfall im Rollstuhl, Pflegegrad 4. 

"Meine Mutter hatte einen Schlaganfall, aber Hauptdiagnose ist Parkinson. Das heißt, da ist eine Inkontinenz, Rollstuhl. Und wenn man eine Inkontinenz hat, da ist man wirklich sehr beschäftigt den ganzen Tag."

Anspruch auf Hilfe im Haushalt

Bis Ende vergangenen Jahres bekamen die Hartmanns von der Technikerkrankenkasse eine Kraft bezahlt, die im Haushalt und beim Putzen half. Doch diese gibt es nicht mehr. Ihr Pflegedienst hat diese Leistung eingestellt, andere Dienste haben keine Kapazitäten. Es fehlt das Personal. Heike Hartmann weiß nicht weiter.

"Wir als Pflegefamilie haben ein Recht auf diese Entlastungshilfe. Die kann uns von den Pflegediensten nicht gewährt werden, weil das Angebot nicht da ist, oder nicht groß genug. Wenn ich dann sage: 'Technikerkrankenkasse, dann schick du jemanden', dann sagen die: 'Nein machen wir nicht'. Das Ende vom Lied ist, dass wir ohne Hilfe dastehen, und das macht mich ärgerlich."

Dass es einen Mangel gibt, kann Michael Mücke vom Pflegestützpunkt des Landkreises Göttingen bestätigen. Heike Hartmann ist nicht die einzige, die Schwierigkeiten hat, eine sogenannte Haushaltsentlastungskraft zu finden.

Verlustgeschäft für Pflegedienste

"Im Grunde ist es so, dass dieser hauswirtschaftliche Bedarf der erste vorpflegerische Bedarf ist, der sich einstellt, weil viele Angehörige nicht mehr hier wohnen. Somit ist man auf Pflegedienste angewiesen, die aber am Rande ihrer Kapazitäten sind."

Für Pflegedienste aber lohne es sich einfach nicht, sagt Helga Mußmann. Sie stellte bisher die Haushaltshilfe für Familie Hartmann und schickte eine Mitarbeiterin für eine Stunde wöchentlich dorthin.

"Wenn er eine Stunde bucht, und ich habe eine Fahrtzeit von einer halben Stunde hin und eine halben Stunde zurück, dann sind das zwei Stunden, die ich dem Mitarbeiter bezahle, ich kriege aber nur eine bezahlt. Und das mit allen Sozialversicherungsbeiträgen, Berufsgenossenschaft und all diesen Sachen, die ja drauf gerechnet werden müssen zum Gehalt, das rentiert sich nicht, und daher kann man es nicht mehr anbieten."

Schlechte Bezahlung

Und das sei es nicht allein: Es gibt auch einfach keine Arbeitskräfte, die diesen haushaltlichen Dienst machen wollen. Die Bezahlung ist eben auch schlechter als bei pflegerischen Tätigkeiten, erläutertert Maria Elisabeth Richard, ebenfalls vom Pflegestützunkt des Landekreises Göttingen:

"Es gibt halt auch Anbieter, die an uns herantreten und fragen, ob wir potentielle Mitarbeiter kennen, die diese Leistungen erbringen können. Aber das Problem ist, dass der Markt leergefegt ist, dass keine Personen gefunden werden, die diese hauswirtschaftlichen Leistungen erbringen würden."

Krankenkasse stellt sich quer

In ihrer Not spricht Heike Hartmann eine private Reinigungsfirma an. Die hätten auch gern regelmäßig eine Raumpflegerin bei ihnen vorbeigeschickt. Heike Hartmann wendet sich erneut an ihre Krankenkasse. Und kriegt zu hören, dass die Kasse die Raumpflegerin nicht bezahlen wird. Begründung: nur Pflegedienste oder speziell zertifizierte Firmen dürfen von der Kasse bezahlt werden. Die TKK verweist auf einen Artikel im 11.Sozialgesetzbuch. Und auf das niedersächsische Landesrecht. Auf das Problem angesprochen, antwortet das niedersächsische Sozialministerium in einem Schreiben:

"Das Land arbeitet derzeit daran, in Zusammenarbeit mit den Freiwilligenagenturen und den Handwerkskammern und Innungen der Gebäudereiniger die Zahl der Anbieter weiter zu erhöhen."

Andere Regelungen gibt es zum Bespiel in Nordrhein-Westfalen: Hier bedarf es keiner speziellen Zertifizierung für Reinigungsfirmen. Doch in Niedersachsen und anderen Bundesländern fühlen sich Menschen wie Heike Hartmann mit dem Problem allein gelassen. Sie wird sich weiter um eine Haushaltshilfe bemühen. 

"Wir sind privilegiert, weil ich den Hintergrund habe, mich überhaupt bei Behörden zu äußern, nachfrage und Schreiben verfassen kann, was man ja nicht bei allen alten pflegebedürftigen Menschen voraussetzen kann. Und ich höre, ganz viele Menschen verzichten einfach auf Ansprüche, die sie haben. Weil es ganz viel Kraft kostet, die zu verstehen und durchzusetzen."

 

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