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StartseiteKultur heutePflicht und Kür am Theater Bremen01.10.2012

Pflicht und Kür am Theater Bremen

"Sickster" und "Das Leben auf der Praca Roosevelt" zum Spielzeitauftakt

Ganz ohne Paukenschlag hat am Bremer Theater der neue Intendant Michael Börgerding seine Arbeit begonnen. "Das Leben auf der Praca Roosevelt" und "Sickster" sind nun die ersten beiden Schauspielpremieren. Sie zeigen Mut zu Entdeckungen.

Von Michael Laages

Die Schauspieler des Theater Bremen, Karin Enzler und Paul Matzke, proben eine Szene aus dem Stück "Sickster". (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)
Die Schauspieler des Theater Bremen, Karin Enzler und Paul Matzke, proben eine Szene aus dem Stück "Sickster". (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)

Sie könnten satt sein; sind sie aber nicht. Sie haben es zu etwas gebracht, können aber nicht viel damit anfangen – "Sickster", die wie "sick", wie krank ins leere eigene Leben verbissenen Alltagswesen in Thomas Melles voriges Jahr erschienenem Debütroman, lassen in nicht enden wollenden Gardinenpredigten das eigene Leben Revue passieren und enden immer im Nichts. Schlimmstenfalls sitzen sie dann in der U-Bahn, haben keinen gültigen Fahrschein dabei und nähmen lieber die ganze U-Bahn, ach was: die ganze Welt als Geisel, statt sich von den Kontrollettis hinaus, auf die U-Bahn-Wache und ins richtige Leben zurückführen zu lassen. Kein Ausweg, nirgends.

In der Bremer Uraufführung, vom Regisseur Felix Rothenhäusler gemeinsam mit Dramaturg Tarun Kade aus dem Roman destilliert, reißt der erste der "Sickster" zunächst mal mächtig die Klappe auf; wie in der Talkshow. "Torsten Kühnemund", so der sprechende Name, scheint Visionen, Zukunft, Träume formulieren zu wollen - was er aber wirklich anzubieten hat, sind monströse Zauberbegriffe für eher simple Tätigkeiten. Torsten ist irgendwo im mittleren Management eines Groß- und Einzelhandelsvertriebs zu Hause und beschäftigt sich mit Fragen des "Space Managements"; was nun aber gar nichts mit Raumfahrt zu tun hat, sondern bloß mit der Frage, wie sich welches Getränk am umsatzträchtigsten platzieren lässt in Supermarkt oder Tankstellen-Shop.

Das ist Kühnemunds große Welt – lächerlich. Und so treibt es diesen "kühnen Mund" nachts in die Bars, er stopft sich voll mit Suff und Drogen und versucht dabei, Haltung zu bewahren – schon beim Taxifahrer für die Heimfahrt im Morgengrauen klappt das nicht wirklich; und erst recht nicht zu Hause bei Laura. Die ist Fall zwei: beschäftigt in der Marktforschung; das heißt: Sie ruft potenzielle Kundschaft an und fragt Meinungen ab. Wahrscheinlich liebt sie Torsten, den Manager; aber zugleich mäandert die Welt-Wahrnehmung bei ihr schon weit deutlicher ins Psychopathische, bis hin zur Selbstverletzung beim Bananen-Pellen. Fall drei ist Magnus, den wir als ehedem jüngeren Mitschüler von Torsten kennen lernen; Magnus, der eine Art Jung-Genie gewesen sein muss, intelligent und auf dem Weg zum Topp-Journalisten, Magnus, der stets das Beste an Land zog, vor allem das von allen begehrte schönste Mädchen in der Klasse. Aber wie das Prickeln mit ihr an Reiz verlor Kind um Kind, so landete der zukünftige Chefredakteur von damals mit der Internetsucht heute bei der hudeligen Hauszeitschrift im Unternehmen von Herrn Kühnemund. Magnus ist schließlich der, den es ohne Ticket in der U-Bahn erwischt.

Wenig ist neu und überraschend an Thomas Melles Psychogrammen; Melle weist nie und nirgends Schuld zu, nicht den Eltern, nicht Staat und/oder Gesellschaft. Vielleicht (das legt zumindest das Programmblatt nahe) landen sie irgendwann in der Psychiatrie; vielleicht ist ihr Leiden behandelbar, irgendwie. Regisseur Rothenhäusler, bislang vor allem am Deutschen Theater in Göttingen zu Hause, setzt dezidiert auf das dynamische Moment in der Suada der Selbsterforschung – die von szenischen Miniaturen verklammerten Monologen legen jeweils zu an Geschwindigkeit, dann nehmen Schlagzeug und Computer das Tempo auf, um es zu verdichten und weiter zu beschleunigen. Der Rest ist szenisches Arrangement – und optischer Knüller Michael Köpkes Bühnen-Bild: ein raumfüllende Geschenk-Schleife, ganz in Gold. Das Leben war mal sorgsam verpackt, verschnürt und gekrönt von dieser Schleife. Jetzt ist klar: Es war nichts drin, im Paket wie im Leben. Nichts, was sich lohnt - nur die Schleife ist noch da.

Keine grandiose, aber eine handfeste Uraufführung ist entstanden. Wer im Bremer Schauspielstart des Intendanten Michael Börgerding nach dem Ereignis sucht, der wird "Das Leben auf der Praca Roosevelt" finden. Dea Lohers atemnehmendes Stück, das auch acht Jahre nach der Uraufführung jede neue Inszenierung verdient. Alize Zandwijk vom Rotterdamer Ro-Theater, hat Loher furiosen Text über den Alltag im brasilianischen Sao Paulo zunächst vielleicht ein wenig schwergängig genommen, und zuweilen gelingt ihr auch nicht wirklich der Sprung vom erzählerischen Ton in die szenische Vision. Dafür zieht sie das Stück mit einiger Energie weg vom Lokalkolorit; Sao Paulo ist hier überall.

Und erst so setzt sich auch die fundamentale Humanität durch in den Passionsgeschichten, die Loher einst auf der realen Praca Roosevelt in Sao Paulo sammelte – hier jammert niemand, der auch nur ansatzweise satt und reich genug an Leben und Glück wäre, hier werden Scheitern und Aufbegehren im Elend seelenloser Großstadtwüste zum mitreißenden, zu Tränen rührenden Ereignis. "Sickster" war die Kür in Bremen. "Das Leben auf der Praca Roosevelt" ist Pflicht.

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