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StartseiteForschung aktuellPhagencocktails gegen Bakterien07.08.2002

Phagencocktails gegen Bakterien

Viren als Alternative zu Antibiotika

<strong> Medizin. - Mediziner sprechen gerne von einem Waffenarsenal, wenn sie die verschiedenen Antibiotika aufführen, mit denen sie einem Bakterium zu Leibe rücken. Das klingt martialisch, ist in Anbetracht immer häufiger auftretenden Antibiotika-Resistenzen manchmal aber nicht mehr als Säbelrasseln. Einige Bakterien sprechen kaum noch auf irgendeines der gängigen Medikamente an. Mediziner in den USA haben deshalb beschlossen, einen Klassiker aus den Tiefen ihres Waffenarsenals hervorzuholen: die so genannten Bakteriophagen. </strong>

Bakteriophagen sind Viren, die Bakterien befallen. Sie spritzen Erbgut in deren Zellen, das dafür sorgt, dass die Zellen Unmengen neuer Virenpartikel herstellen - bis sie bersten. Auf die Idee, diese natürlichen Feinde der Bakterien gegen Infektionen einzusetzen, kamen Mediziner bereits in den frühen 30er Jahren, als die Bakteriophagen entdeckt wurden. Doch als die Antibiotika eingeführt wurden, kamen Bakteriophagen aus der Mode, erzählt Glenn Morris, Mediziner an der University of Baltimore:" Der Amerikanische Mediziner-Verband vertrat die Ansicht, Phagen seien nicht wirksam. Die damalige Sowjetunion sah das anders und hat Phagen weiterhin eingesetzt. Das Problem ist nur, dass die meisten Untersuchungen zu dem Thema keine kontrollierten, klinischen Studien waren. Wenn wir sie nach heutigen wissenschaftlichen Maßstäben bewerten, müssen wir sagen: Wir wissen einfach nicht, ob es funktioniert oder nicht."

Achilles-Ferse der Bakteriophagen ist der Mechanismus, mit dem sie sich Zutritt zu den Bakterienzellen verschaffen. Durch eine einzige Mutation kann sich ein Bakterium vor dem Virus schützen und resistent werden. Sind sie vielleicht doch keine Alternative zu Antibiotika? An einer Lösung des Problems arbeiteten Forscher am Eliava-Institut in der georgischen Hauptstadt Tbilissi über Jahrzehnte hinweg. Um Resistenzen zu umgehen, entwickelten die Georgier Phagencocktails, in denen 20 bis 40 verschiedene Phagensorten gemischt sind. Alle richten sich gegen ähnliche Bakterien, sind aber auf verschiedene Schlüsselsysteme in der Bakterienzellwand spezialisiert. Damit will man die Wahrscheinlichkeit verringern, dass ein mutiertes Bakterium gleich gegen alle Phagen auf einmal resistent wird. Solche Phagencocktails werden bis heute in den GUS-Staaten verkauft, als Puder oder zum Schlucken, sagt Glenn Morris, der mit dem Eliava-Institut kooperiert: "Eine besonders interessante Darreichungsform ist das sogenannte Phagobioderm. Ein Polymer, das sich innerhalb von sieben bis zehn Tagen zersetzt und dabei Phagen in die Wunde entlässt. Es gibt heute einige neue Ansätze für die Verabreichung der Phagen."

Auch kleine Biotech-Firmen in Kanada, Israel und den USA engagieren sich auf dem Gebiet der Bakteriophagen. Glenn Morris sieht noch eine andere Einsatzmöglichkeiten für die kleinen Helfer, beispielsweise die Dekontamination von Umweltbereichen, die mit Bakterien befallen sind. Auch die Behandlung von Lebensmitteln gegen Listerien hat Morris bereits ins Auge gefasst. Den kommenden ersten Studien sieht er gelassen entgegen. "In fünf Jahren fragen wir uns vielleicht, warum wir das nicht früher ausprobiert haben", meint er, "oder wir sagen uns: Jetzt wissen wir, warum nicht."

[Quelle: Grit Kienzlen]

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