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StartseiteKultur heute"Philoktet"10.01.2005

"Philoktet"

Heiner Müllers Stück an der Berliner Volksbühne

<strong>Den antiken Helden Philoktet setzten die Griechen beim Zug auf Troja auf der Insel Lemnos aus, weil seine Wunden stanken. Doch sie mussten feststellen, ohne ihn, den Aussätzigen, geht es nicht. Heiner Müller, der große DDR-Dramatiker hat daraus ein Drama auf unsere Zeit gemacht über den Fluch und die List der Geschichte und die Lüge. In der Mythe lenkte Odysseus die Geschicke, an der Berliner Bühne von heute entschied man sich, ohne Regisseur auszukommen.</strong>

Von Eberhard Spreng

Heiner Müller (AP)
Heiner Müller (AP)

Dass das Theater sein Gedächtnis für die Wirklichkeit nur wiederfinden könne, wenn es sein Publikum vergisst, und dass der Beitrag des Schauspielers zur Emanzipation des Zuschauers seine Emanzipation vom Zuschauer sei, hatte Heiner Müller dem bulgarischen Regisseur Dimiter Gotscheff geschrieben, nach dessen großer Inszenierung des Philoktet am Theater in Sofia. Das war 1983, knapp 20 Jahre nachdem es Heiner Müller fertiggestellt hatte, als lehrstückhafte, getarnte Stalinismuskritik, die in der DDR nicht aufgeführt werden durfte. Heute lässt es sich betrachten wie ein theatralischer Testfall, wie ein Stück, das einen erneuten Epochenwechsel kenntlich macht, einen anderen Reflex auf griechische Mythen. Dass zwei Zuschauer die Aufführung unter lautem Protest verließen, - sehr ungewöhnlich für eine Premiere in der Volksbühne – kann man als Beweis werten für eine naiv wörtlich genommene Emanzipation des Zuschauers von theatralischen Konventionen. Tatsächlich hat diese Aufführung, die keinen Regisseur nennt, sich selbst vom Theater weitgehend befreit: Der eiserne Vorhang bleibt zu, ein Tischlein an der Vorderbühne hält Wasserflaschen bereit zur Erfrischung der Wort-Kämpfer, die allenfalls auf unscheinbaren Stühlen Platz nehmen, wenn sie sich nicht in Vier-Meter-Entfernung gegenüberstehen – Feinde von früher: Der glorreiche Bogenschütze Philoktet, der mit stinkender Wunde auf Lemnos einsam zurückgelassen worden war, der Taktiker Odysseus, mit dessen Lügen moderne griechische Geschichte gemacht und Kriege gewonnen werden, sowie Neoptolemos, den er zu Verhandlungen mit dem wütenden Philoktet vorschickt.

Dein Schweigen sagt, Du bist's. Und spannst den Bogen. So stirb und nähr die Geier, meine Nahrung. Ein Vorgeschmack den Schnäbel auf mein Fleisch.

Den Philoktet spielt Dimiter Gotscheff mit Furor, brüllt mit Schaum in den Mundwinkeln gegen die Fremden an, ganz der Wilde, der aus mit etwas altmodischem Theaterzorn vorgeführten Naturzustand gegen eine zivilisierte Lügenwelt ankämpft. "Ich spiel Dich an die Wand" hatte er Joseph Bierbichler prophezeit, als der ihn fragte, ob er den betrogenen Kriegshelden spielen wolle. Und tatsächlich gibt Bierbichler seinen Odysseus so beiläufig, als wolle er nur die Stichworte für das Power-Solo des Kollegen vom Regiefach geben, wobei Bierbichler allerdings auch sporadisch das Geschehen unterbricht, so als wäre mitunter eine regieliche Intervention vonnöten. Dieser Odysseus ist also Spielleiter, ein gelangweilt Siegesgewisser, einer, der den Ausgang schon kennt. Das macht ihn nicht sympathischer, nein, zum ersten Mal ahnt man, warum Götter den Politprofi, den Cheflogistiker und Lügengeschichtenmeister nach dem Sieg von Troja straften, indem sie ihn nicht nach Hause ließen und in eine Irrfahrt schickten, die ihm Storys auftischte und erleiden ließ, wie er sie nie hätte erfinden können. Hier fliegen die Herzen dem verwundeten Fundi Philoktet zu, der auf einem verlorenen Eiland schmachtet. Ist solches Exil nicht ohnehin der Traum vieler zivilisationsgeschädigter Zeitgenossen? "Wer nicht mehr lügen kann, muss sterben, wer nur noch lügt, ist schon tot." sagt das Programmheft. Es ist aber gerade dieser nur lügende Odysseus, der am Ende von Müllers Philoktet, dessen Leichnam nach Troja schleppen lassen wird, weil ihm eine Geschichte eingefallen ist, die mit dem Toten im Gepäck noch besser dessen meuternde Soldaten in die nächste Schlacht schickt. Blitzhell zeitnah leuchtet plötzlich Müllers altes Stück in diesem schmucklos, kunstlosen Trio. Denn es zeigt Odysseus, den Politiker als ein scheinbar leidenschaftsloses Medium für das Durchsetzen des angeblich Notwendigen, als Produzent unumgänglicher Lügen, und diese wiederum als den benötigten Faden, aus dem man seine Zukunft strickt. Das 40-jährige Lehrstück nahm sich Odysseus als zu kritisierende Haltung vor, die Geschichte hat ihm zum gelangweilten Sieger gemacht. So was zu zeigen, geht vielleicht nur in einem Theater ohne Theater.

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