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StartseiteEssay und Diskurs"In welcher Bestienwelt wohnen wir?"02.02.2014

Philosophie"In welcher Bestienwelt wohnen wir?"

Theodor Lessing - Opfer einer Mordmaschine (2/2)

Der Kulturkritiker Theodor Lessing wurde 1872 als Sohn einer jüdischen Arztfamilie in Hannover geboren. Schon als Student fühlte er sich ausgeschlossen und wandte sich dem Zionismus zu. Ria Endres betrachtet Leben und Werk des Exzentrikers im gesellschaftlichen Abseits, das direkt in die Katastrophengeschichte unseres Landes führt.

Von Ria Endres

Ein Besucher steht am 29.08.2013 in der Ausstellung zum 80. Todestag des jüdischen Philosophen Theodor Lessing in der Universität in Hannover (Niedersachsen). (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
Ein Besucher steht am 29.08.2013 in der Ausstellung zum 80. Todestag des jüdischen Philosophen Theodor Lessing in der Universität in Hannover (Niedersachsen). (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
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Den ersten Teil des Essays: Und so ward grau die Welt": Theodor Lessing im Kampf gegen die unheilvolle Geschichte hat der Deutschlandfunk am 26.01.2014 ausgestrahlt.

Mit prophetischer Gabe beschrieb Lessing die graue Zukunft, die für ihn auf der gnadenlosen Ausbeutung der Natur beruhte. Die ungeheure Bedrohung durch den Fortschrittsglauben und der verlogene Umgang mit der Geschichte endete für Lessing im Welttod und das erregte bei seinen Zeitgenossen Aggressionen. Seine Kampfschrift gegen den Lärm und sein Aufruf gegen den Krieg wurde belächelt. Den Zustand der Welt versuchte er auch an dem Fall des Knabenmörders Haarman zu erklären oder an Hindenburg, der für ihn nur ein "Zero" war, hinter dem aber ein Nero lauert. Lessing sah die Folgen des Ungeistes prophetisch voraus. Die antisemitische Hetze gegen ihn brachte ihn zu Fall. Aus Hannover vertrieben musste er 1933 nach Marienbad fliehen und wurde heimtückisch von Nazis erschossen. Aber das von ihm analysierte Zeitalter der Vergiftung und der "verfluchten Kultur" ist gerade im 21. Jahrhundert sehr gegenwärtig.

"In welcher Bestienwelt wohnen wir?" (2/2)
Theodor Lessing - Opfer einer Mordmaschine

Von Ria Endres

Wer sich mit dem Philosophen, Kulturkritiker und Außenseiter Theodor Lessing heute beschäftigt, wird 80 Jahre nach seiner Ermordung durch sudetendeutsche Nazis einem Denker begegnen, dessen Werk immer noch weit verstreut ist. Er galt lange als unzeitgemäß und sein Pessimismus, der die Gesellschaft durchaus für "todreif" hielt, übertrieben. Allein schon seine Diagnose der Bürgerwelt, deren mächtige Vertreter er als "Zufallsschmarotzer" und "Schicksalsmacher" bezeichnete, war unangenehm. Unangenehm aufgefallen ist er aber allein schon wegen seines exzentrischen Aussehens; er trug Schlapphut, Pelerine und Stock. So sah doch kein ordentlicher Professor aus. Ein ordentlicher Professor schrieb auch keine Pamphlete oder Feuilletons und vertiefte sich nicht in heikle, geschichtsphilosophische Fragen.

Lessings Überzeugung nach wird [der] Geschichte erst nachträglich ein Sinn verliehen, um sie für die Mächtigen zu schönen; aber gerade das macht ihn für alle, die heute den Fortschrittsglauben ad acta gelegt haben, sehr modern. Außerdem gründete Lessing bereits 1908 seinen Verein gegen den Lärm und wurde damals besonders vom Automobilclub verlacht. Heute wäre er einer der wichtigsten Analysten unseres akustischen Mülls. Die Zerstörung der Natur und der Einsatz von Giftgas im Ersten Weltkrieg rief seine Empörung hervor, und gerade sein Aufruf gegen den Krieg, der für ihn nur sinnlos, blutig und katastrophal war, hat nichts von seiner Überzeugungskraft eingebüßt, da ja in unserer Zeit die Erkenntnis gewachsen ist, dass ökologische Todesszonen auch durch nuklearen Müll entstanden sind.

Dem Biografen Rainer Marwedel, der sich mit Leben und Werk Theodor Lessings beschäftigt und den Nachlass für das Stadtarchiv Hannover geordnet und zugänglich gemacht hat, ist es zu verdanken, dass eine Veröffentlichung des weit verstreuten Werks in einer 15-bändigen Gesamtausgabe geplant ist. Im Wallstein Verlag erscheinen zwei Teilbände mit dem Titel: "Kultur und Nerven". Allein die Texte aus den beiden Jahren 1908 bis 1909 sollen etwa eintausend Seiten umfassen.

Für Theodor Lessing war der Vernichtungswille der Völker offensichtlich. In seinem Buch "Die verfluchte Kultur" von 1921 schreibt er:

"Angesichts dieser unermeßlichen Leichenfelder der Bildung, was kümmert uns jenes winzige Schlußstück, welches wir jüngst vor Augen hatten, unser sogenannter Weltkrieg!

In runden Zahlen ausgedrückt kostete er von 1914 bis 1918 ungefähr zehn Millionen Menschen das Leben. An Geld kostete jede Sekunde seiner Dauer etwa 6.000 deutsche Silbermark. Jede Minute eine halbe Million. Jede Stunde 30 Millionen. Mit jedem Tage seiner Dauer gingen Werte von 700 Millionen Mark für die Erde verloren. Mit der Hälfte dieser im wörtlichen Sinne verpulverten Kraft hätte man die Wüste Sahara in einen blühenden Garten verwandeln, den Atlantischen Ozean untertunneln können, hätte ankaufen und urbar machen können halb Patagonien, Chile und Brasilien, hätte jedem deutschen Jungen ein kleines Fürstentum sichern können. Alle diese Milliarden Goldes brachte man spielend zusammen, als es galt, die Jahrhunderte geweihten Münster der Gotik, die unwiederbringlichen Schlösser des Barock in Trümmer zu schießen; als man aber jüngst bemüht war, für Deutschland das verfallene Haus zu retten, darin Goethe geboren ward und aufwuchs, da erbettelte man [...] die wenigen hundert Mark vergeblich."

Das ist also unsere "verfluchte Kultur", damals wie heute. Bei der Beschäftigung mit dem Werk Theodor Lessings wird deutlich, mit welchem Entsetzen er die Ausrottung vieler Tier- und Pflanzengattungen registrierte; er nennt Europa eine "Mordmaschine", klagt dieses Europa an, das - Zitat - "Sage und Traum", "Sternglauben und Baumkult", die letzten Naturvölker wegkolonisiert hat. Er zählt auf, was auf dem "Schachbrett der Kultur" verschwunden ist:

"Eine grausam unerbittliche Maschine walzte Kultur dahin [...] Längst hinweggewischt und geschwunden ist die gesamte Tierwelt Europas, deren Abbilder wir noch finden in den Höhlen von Perigord und Dordogne in Südfrankreich oder, eingeritzt und in Ocker ausgemalt, in den Felsen der Pyrenäen: die gewaltigste Tierwelt der Erde. - Was ist in Deutschland binnen [einhundert] Jahren vom Erdboden weggeknallt? Auerochs, Tarpan, Wisent, Bär, Lux, Wolf, Elch, Wildkatze, Biber, Otter, Marder, Nerz. - Demnächst auch: Eber, Wiesel, Dachs und Fuchs. Von mehreren tausend Vogelarten blieben wenige hundert übrig [...] Zu diesem Frevel am Tier, welch unerhörter Frevel an Aue und Wald! Die Einöden Syriens, Griechenlands, der jonischen Inseln, einst der Erde reichste Gärten; die Abhänge der Provence, heute Felsen- und Murentäler, aber einst geheimnisrauschender Wald; Kleinasiens steinige Kalkwüste, einst voller Blumen ein Gartenland; der leichenhafte, todtraurige Karst, ausgemergelt von der Habgier venetianischer Krämer [...]; bald auch unser morgendliches Deutschland, in Haide, Stoppel und Steppe verwandelt, [...] alle diese geschändeten Erdstriche zeigen, wie die Natur am wälderverwüstenden Menschen sich rächt, der die blühende Lebenswelt vermarktet, verkrämert, verhandelt. [...] Man erschlägt in jedem Jahr 10 Millionen Robben! [...] Nein! [...] Man erschlägt sie nicht. Das wäre nicht wirtschaftlich. Man zieht den Lebenden das Fell vom Leibe und läßt sie liegen. Sie sterben von selbst."

Lessings Welt der Zukunft ist grau, er spricht vom "Welttod". Die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Lenk bezeichnet ihn als "Unheilspropheten". Und in der Tat lassen sich seine aufgeladenen Gedanken und Analysen, die für seine engstirnige Umwelt keine Bedeutung hatten, besonders heute, in unserem neuen Jahrhundert als wahr erkennen. Nicht nur Naturschützer und Flughafengegner wissen, wovon er spricht, und dass er den Finger tief in die Wunde unserer Verdrängung bohrt. Das Gerüst der Geschichte schützt nicht vor Zerstörung. In seinem Buch "Europa und Asien" beschreibt Lessing ein apokalyptisches Bild der Gegenwart, in der Tiere, Pflanzen und farbige Menschen einer ununterbrochenen Qual ausgesetzt sind, einfach, weil die moderne Weltwirtschaft es so will. Fortschritt ist für ihn wachsender Tod.

Aber trotzdem kommt er immer wieder auf sein Verhältnis zur Natur zu sprechen und seine Utopie, im "kosmischen Fluidum" mitzuschwingen, gibt er nicht auf. Zwar begreift er sich nicht als einzigen Kulturmüden nach der Zeit des Ersten Weltkriegs, doch die Kulturwelt mag ihn nicht. Bald schon wird sie ihn so sehr hassen, dass er mit seinem Leben bezahlt. Obwohl seine Grundstimmung immer resignativer wird, steckt er seinen Kopf nie in den Sand, setzt sich als Moralist leidenschaftlich für die Schwächsten ein und trotz seiner naturmystischen Sehnsucht kann er von sich sagen:

"Ich bin nicht Metaphysiker geworden, sondern Revolutionär, und der letzte Bescheid meiner Weisheit lautet: Mindere die Not."

Der Moralist Lessing und der Interpret einer "verfluchten Kultur" sind enge Nachbarn. Mit dieser Haltung steht er im Widerspruch zum Geist der Zeit, der allein schon Lessings These ablehnte, dass Geschichte immer wieder nachträglich mit Sinn aufgeladen wird.

Der Serienmörder Haarmann

Als jemand, der nie im gesellschaftlichen Konsens mitgeschwommen ist, stößt Lessing geradezu zwangsläufig auf grässliche Barbareien des Zeitalters. 1924 kreuzt er als Gerichtsreporter den Weg des Knabenmörders Haarmann und schreibt ein Jahr später sein Buch "Haarmann, die Geschichte eines Werwolfs", das im Berliner Verlag Die Schmiede erschien.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurden bis 1924 in Hannover etwa 600 Menschen vermisst, meist Knaben zwischen 14 und 18 Jahren. Zu Beginn des Jahres 1924 fand man den ersten Schädel in der Leine und Lessing, der in Hannover wohnte, beobachtete eine Volkspanik, die sich darin äußerte, dass viele Menschen an die Leine pilgerten, um Knochen zu suchen, und sie auch fanden.

Im Vorwort seines Buches weist Lessing darauf hin, dass er Chronist eines merkwürdigen Stücks Kulturgeschichte geworden sei, denn er hatte den Haarmann-Prozess vor dem Schwurgericht Hannover schreibend beobachtet und für verschiedene Zeitschriften darüber berichtet, bis er am elften Tag vom Gericht ausgeschlossen wurde. Die Hintergründe dieses Ausschlusses und die damit verbundene Hetze gegen Lessing geht aus seinem Buch mit beklemmender Deutlichkeit hervor.

"Am 23. Juni wurde der vermutliche Täter ins Gerichtsgefängnis eingeliefert. Es war der am 25. Oktober 1879 zu Hannover geborene Fritz Haarmann; 15-mal vorbestraft; seit 1918 Spitzel im Dienste der Kriminalpolizei; im Übrigen Handel treibend mit Kleidern und Fleisch; seit vielen Jahren der Sicherheits- und Kriminalpolizei bekannt als Homosexueller."

Zur Zeit seiner Festnahme besaß Haarmann einen polizeilichen Ausweis. Vor allem der Stempel eines "Weltdetektivinstituts" schien viele junge Leute beeindruckt zu haben. Sie begleiteten Haarmann, der sie meist am Bahnhof ansprach, gern in seine Unterkunft. Er bot ihnen Essen an und spielte freundlich die Vaterfigur.

Nach langem Sträuben machte Haarmann nach vielen Verhören und angesichts von Beweisstücken und Indizien ein Teilgeständnis. Inzwischen hatte die Polizei Kleider und Überreste von 20 bis 25 Leichen gesammelt. Je mehr Morde aufgedeckt wurden, um so gelöster wurde Haarmann und er reagierte stereotyp mit dem Satz: "Schreiben sie man dazu." Lessing stellt fest:

"Von nun an veränderte sich auch sein Wesen. Der zu Anfang bei all seiner Geschwätzigkeit voller 'Verhaltungen' sitzende dumpfe Mensch schloß gleichsam Klappe nach Klappe seines Gemütes auf, begann zutunlich, kindlich, ganz aufgetan zu werden, und nur, wenn die Eltern der Gemordeten vor ihm standen, oder sonst etwas Bedrohliches vor ihm aufstieg, oder die Rede kam auf das unmittelbare Durchbeißen der Kehle, oder den dunklen Fleischverkauf, so vereisten sofort wieder die kleinen giftigen Lichter und dummtrotzig, wie maulend oder schmollend, zog er sich wieder in sich zurück. Im allgemeinen aber hatte jederman das Gefühl, daß dieser Mensch sich wie erlöst fühlte, weil er über die Dunkelheiten und die große Angst seines wirren Trieblebens nun endlich sprechen durfte; ja, es kam etwas wie kindliches Sichaufspielen in seine Berichte, wenn er erzählte, wie er durch so lange Jahre die 'Menschheit' (über die er stets böse sprach) zu täuschen verstanden habe."

 Da die Heimlichkeit zur Wollust gehört, ließ sich Haarmann so ungern über den Tötungsakt selbst aus. Lessing spricht von einer "Tötungsmanie" nach immer gleichem Schema. Für ihn besteht kein Zweifel, dass dieses Töten "Mord im Geschlechtsrausch", und die anschließende "Verwertung" der Leichen ebenfalls ein Akt der "Triebballung" war. Haarmann fragte nicht nach Zweck und Nutzen dieser Morde. Die Gewöhnung ans Morden durch die Wiederholungen erleichterte Haarmann die Arbeit an den Leichen. Sein Bewusstsein funktionierte unversehrt, es war abgeschnürt vom "Triebvampirismus." Alle stabilisierenden Hemmungen fielen weg. Diese sind jedoch Voraussetzung der "Zurechnungsfähigkeit", sagt Lessing, und deshalb war Haarmann für ihn eben nicht zurechnungsfähig.

"Wie es zu vermuten steht, daß in Haarmann auch ein beständig mit dem Leben spielender Wille zur Selbstauflösung lebendig ist - (hatte ich doch zuweilen den Eindruck, als ob er sich vom 'Hingerichtetwerden' einen letzten Orgasmus verspreche) -, so darf man durchaus glauben, daß dieser gefühlstote Mensch im 'Liebesrausch' eine ihn selbst auslöschende und ihn weit über seinen Alltag hinausreißende Überspannung erlitt, wehrloser und schicksalhafter als der orgiastische Zustand eines mit 'Hemmungen' versehenen Kulturmenschen, für welchen ja auch Liebe und selbst Verbrechen eine Art leichtes Sinnenspiel und behagliches Genußmittel geworden ist. [...] Die gräßliche Traumlosigkeit seines nackten Trieblebens ging so weit, daß Haarmann [...] außer Gefräßigkeit und Geschlechtstrieb überhaupt keine persönlichen Sehnsüchte je besaß. [...] Ein Busch oder Baum war ihm nichts anderes, als das günstige Versteck für Sittlichkeitsdelikte. [...] Er hat nie ein Buch angerührt, nie Musik gehört. Politik und öffentliches Leben waren ihm vollkommen gleichgültig. Er besuchte Sportplätze oder Bäder nur darum, weil man dort nackte junge Leiber zu Gesicht bekommt."

Besonders Haarmanns Hantieren mit den Leichenteilen gehört für Lessing zu einem nekrophilen Zwangsautomatismus, der eine Art Irrsinn ist, die im Tun selbst liegt, gerade weil es so ordentlich getan wird. "Der Herr Kriminal auf’m Bahnhof" (so wird er von Zeugen genannt), nach außen ein vernünftiger Mann, wusste Bescheid über Razzien, las das Fahndungsblatt, bei ihm liefen viele Informationen zusammen für diejenigen, die aus dem Arbeitslosen- und Gaunermilieu kamen. Da wurde schon mal ein Auge zugedrückt, vor allem bei den Nachbarn, die ja auch vom Fleisch- und Kleiderverkauf profitierten. Trotz gelegentlicher Anzeigen war der "Herr Kriminal" beinahe ein feiner Herr mit viel Knabenbesuch und freundlich.

Weshalb wurde Lessing von der Verhandlung ausgeschlossen? In seinen Prozessberichten hielt er an der Mitschuld der Behörden fest. Schwerwiegender als der Hinweis auf die Verbindung von Haarmann und der Polizei war Lessings Forderung einer "psycho-analytischen" Expertise. Als Gutachter schlug er Freud und Adler vor. Der Verteidiger Haarmanns teilte Lessing mit:

"Ich wüßte nicht, was ich Psychologisches fragen sollte."

Lessing war mit seiner Einstellung im Gerichtssaal allein. Die drei Psychiater hielten Haarmann für voll zurechnungsfähig. Die Situation im Gerichtssaal spitzte sich zu, als Lessing in der Presse von "bürgerlicher Heuchelei" schrieb, wenn der Kommissar, der Haarmann nach seinem Zuchthausaufenthalt 'eingestellt' hatte, erklärte, er habe auf ihn moralisch einwirken wollen. Lessing schreibt:

"Die Verwendung entlassener Zuchthäusler zum Polizeispitzel ist eine erstaunliche Art moralischer Erziehung."

"Ich kam dabei fast schlimmer weg als Haarmann"

Am elften Prozesstag wurde Lessing vom Prozess mit der Begründung ausgeschlossen, dass er als Berichterstatter nicht in der Lage sei, objektiv dem Gang der Handlung zu folgen.

"Wir haben Sie nicht als Schriftsteller hier zugelassen, sondern als Berichterstatter. Wir wünschen hier keine Leute, die im Gerichtssaal Psychologie betreiben, sondern Sie haben sich verpflichtet, lediglich das wiederzugeben, was wir hier sagen [...] Sind Sie Professor? Wie ist denn das möglich? Als Professor schreiben Sie Feuilletons?"

Der Oberstaatsanwalt hielt ihn für einen armen Schlucker, und seine Bücher für völlig unbedeutend. Lessing zieht den Schluss:

"Die 'wissenschaftlichen Sachverständigen' wurden nach meinem Geisteszustand befragt und ich kam dabei fast schlimmer weg als Haarmann, denn den halten sie zwar ebenfalls für minderwertig, aber doch offenbar für erheblich zurechnungsfähiger."

Es gab vereinzelte Proteste gegen den Ausschluss Lessings, aber die Boulevardpresse schrie lauter, weil sie nicht seine sozialpsychologischen Gedanken, die den Hintergrund der haarmannschen Morde analysierten, hören wollte. Doch der Hass gegen Lessing sollte noch größer werden. Dass er sich im Haarmannprozess engagierte, machte ihn zu einem unbequemen Juden, dessen Gedanken stören. Er wollte das Grauenhafte geistig bewerten, doch wen interessierte schon eine kulturkritische, seelenkundliche Interpretation? Er schreibt:

"Man kann die Schlange nicht richten, ohne zugleich den Sumpf mit vor Gericht zu stellen, daraus allein die Schlange ihre Nahrung zog."

In seinem Haarmann-Buch zieht Lessing die lapidare Bilanz, dass er infolge dieser Ereignisse von der Öffentlichkeit herabgewürdigt wurde und die Hochschule, die Studentenschaft gegen ihn wütete. Trotzdem hielt er das Erkannte nicht zurück:

"Dieses Wolfstum bei Radio und Elektrizität, der Kannibalismus in feiner Wäsche und eleganter Kleidung, dürfte somit ein Merkmal sein für die Seele der abendländischen Wolfsmenschheit überhaupt; im Kleinen noch einmal dasselbe wiederholend, was im Großen darlebten fünf Heldenkriegsjahre, in denen jegliches Werktum des Mordens und jeder Wohlstand seelischen Todes im Dienste des Wolfsherzens und der Wolfsmoral stand und die älteste Erkenntnis wieder die jüngste ward: 'Homo homini lupus e(st) natura', der Mensch ist dem Menschen von Natur der Wolf."

Lessing sah Haarmann als historische und soziale Provokation. Da hatte sich ein Machtloser Macht genommen als Knecht unter Knechten. Da hat einer das Blutsaugen wörtlich genommen und das Fressen; ein Menschenfresser innerhalb der allgemeinen Zunahme von Gewalt und Tod. Ein Menschenfresser also mit unheimlicher Freundlichkeit, ein Spezialist in der Zerteilung von Leichen. Im Töten wird Haarmann für den Gerichtsreporter Lessing der Herr über die Nichtexistenz der Getöteten, Hannover an der Leine ist für den Serienmörder das Schlachtfeld, das er schuf, als er das Fleisch und die Knochen verteilte. Lessing wollte, dass das Unerträgliche, nämlich die Nähe der "Kulturmenschen" zu Haarmann, nicht übersehen werden kann.

Paul von Hindenburg, 1922 (AP Archiv)Paul von Hindenburg im Jahr 1922 (AP Archiv)

Hindenburgs Ungeist

Die Hetze gegen Lessing war noch nicht ganz verstummt, da verwickelt er sich ein halbes Jahr später in einen letzten Skandal. Zum Anlass der Reichspräsidentenwahl veröffentlicht er 1925 ein Porträt über den Generalfeldmarschall von Hindenburg im "Prager Tagblatt".

In Hannover, wo Lessing und von Hindenburg lebten, war der Jubel über dessen knappen Wahlsieg bei der Reichspräsidentenwahl 1925 groß. Der evangelische Pastor und Autor Ekkehard Hieronimus fasst die Situation in seinem Buch "Theodor Lessing "aus den von ihm gesammelten Quellen plastisch zusammen:

"Man beschließt zu Ehren des neuen Reichspräsidenten einen großen Fackelzug. Am Tage dieses Fackelzugs veröffentlicht der 'Hannoverische Kurier' einen Artikel unter der Überschrift: 'Schmähungen über Hindenburg. Der Auslandsartikel eines hannoverschen Einwohners.' Die [...] Zeitung bezeichnet diesen Aufsatz als ein 'Unmaß von Nichtswürdigkeit', das der schon vom Haarmannprozeß her unrühmlich bekannte Lessing aus 'einer überreizten Phantasie' ausgegossen habe. Die Wirkung dieses Hetzartikels bleibt nicht aus. Nach dem Fackelzug kommt es vor dem Hause Lessings [...] zu Radauszenen."

Lessing versucht in seinem Hindenburgartikel durchaus satirisch, das zeitgemäße Moment dieser historischen Persönlichkeit herauszuarbeiten. Da er immer schon historische Persönlichkeiten ganz im Sinne seiner Vorstellung einer geschönten Geschichte ablehnte, wundert es nicht, dass er Hindenburgs Persönlichkeit von seiner vorgegebenen Pflichterfüllung her gesehen hat.

[...] Als Hindenburg als Kommandör in Oldenburg stand, hielt der Freund meiner Jugend, Wilhelm Jordan, einer der besten und größten Männer Deutschlands, dort in der 'Literarischen Gesellschaft' eine Rhapsodie aus den Nibelungen, Hindenburg wurde gebeten, diesen Abend zu 'protegieren'.Er antwortete mit einem Brief, in welchem es heißt: er habe als Militär leider nicht Zeit gefunden, sich mit Literatur zu beschäftigen, und könne daher die Nützlichkeit und den Wert des Abends nicht beurteilen. Es gehört doch immerhin ein gut Stück Barbarei dazu, um als Deutscher die Bedeutung des Nibelungenliedes nicht zu kennen; aber es bezeugt eine seltene Klarheit und Ehrlichkeit, daß ein braver Soldat das eingesteht. Aber auch wenn man die Anzahl der Bücher, die er in seinem Leben gelesen hat, gewiß zählen kann, er hat eine Beziehung zu den bildenden Künsten, die merkwürdig ist, er sammelt Madonnenbilder; es kommt nicht etwa darauf an, von wem sie sind. Er sammelt sie, wie andere Briefmarken sammeln, und keineswegs etwa aus religiösem Triebe. Eine Natur wie Hindenburg wird bis zum Tode fragen: Wo kann ich dienen? [...] Nach Plato sollen die Philosophen Führer der Völker sein. Ein Philosoph würde mit Hindenburg nun eben nicht den Thronstuhl besteigen. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero. Man kann sagen: 'Besser ein Zero als ein Nero'. Leider zeigt die Geschichte, daß hinter einem Zero immer ein künftiger Nero steht."

So charakterisiert Lessing den deutschen Militär Paul von Hindenburg, den "Sieger von Tannenberg", ganz im Sinne seiner Thesen aus der "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen". Der Erfolg machte Hindenburg zur mythischen Figur, nicht sein Geist. Lessing sieht die Folgen des Un-Geistes prophetisch voraus. Als sich die Wogen etwas geglättet hatten, versucht er 1926 seine Vorlesungen wieder aufzunehmen. Vergeblich. Abermals kommt es zu aggressiven Akten von völkisch orientierten Studenten. Etwa fünfzehnhundert Korpsstudenten fahren von Hannover nach Braunschweig. Dort finden Sympathiestreiks statt, und Hieronimus weist darauf hin, dass sich auch eine Reihe Professoren mit diesen rechten Aktivitäten solidarisiert hat. Das Ministerium schließt mit Lessing einen faulen Kompromiss. Zum zweiten Mal muss er seine Vorlesungstätigkeit einstellen, bekommt aber einen Forschungsauftrag. Die "Frankfurter Zeitung" zieht das Fazit, dass ein republikanischer Professor durch antisemitische Hetze zu Fall gebracht worden ist.

Wie tief der Hass gegen ihn war, zeigt sich auch darin, dass der berühmte Wahrsager Hanussen bei einem Auftritt in Hannover am 16. Januar 1933 Lessing einen gewaltsamen Tod prophezeite. Lessing macht eine Gegenprophezeiung im "Prager Tagblatt". Beide Prophezeiungen erfüllen sich. Hanussen wird schon im April 1933 von den Nazis umgebracht. Theodor Lessing, der im März 1933 fluchtartig Hannover verlassen musste und den Plan hatte, nach Prag zu emigrieren, wird am 31. August 1933 nach einem Vortrag in Marienbad durch das offene Fenster an seinem Schreibtisch in den Rücken geschossen und stirbt. In der rechtsgerichteten deutschen Presse wird der Mord "Wilderern" zugedichtet. Es besteht aber kein Zweifel daran, dass es sich um einen heimtückischen politischen Mord handelte.

Thomas Mann, der sich [in der Lublinskiaffäre] schon früher grausam antisemitisch gegen Lessing geäußert hatte, schreibt in sein Tagebuch:

"Mir graust vor einem solchen Ende, nicht weil es das Ende, sondern wie es so elend ist und einem Theodor Lessing anstehen mag, aber nicht mir."

Theodor Lessing wurde nicht nur heimtückisch umgebracht, auch seine Schriften fielen der Bücherverbrennung zum Opfer. Nach dem Krieg wurde er kaum mehr erwähnt. Im "Handwörterbuch der Philosophie" von 1950 heißt es:

"Lessing, Theodor, geboren am 8. Februar 1872 in Hannover, gestorben am 30. August 1933 in Marienbad, Dr. Phil. et med., Professor; stellte 1926 seine Vorlesungen ein."

Gegen den Lärm der Ausbeutung

Inzwischen ist die Aufmerksamkeit für Lessing wieder gewachsen. Manche seiner Interessen, die zu seiner Zeit verlacht und bekämpft wurden, sind heute brisant: Allein schon die Folge des Lärms für die Psyche des Menschen, das Warnen vor der Ausbeutung der Natur und die Frage, wie man die Selbstzerstörung der Erde verhindern kann, gehören thematisch auch ins 21. Jahrhundert.

Ein letztes Mal vor seinem Tod hat er in seinen Büchern "Meine Tiere" und "Blumen" von 1928 geradezu ein naturphilosophisch-psychologisches Verständnis für die Natur- und Pflanzenwelt bewiesen. In Flora und Fauna entdeckt er die Menschenwelt und die Zeichen der Zeit. Am Ende seines Lebens schreibt er über das Gesicht der Pflanzen:

"Die Antlitzkunde der Blumen [läßt] verschiedene Gesichtspunkte zu. Wie es Seelenforscher gibt, welche nur Helden oder Genies oder nur den Irrsinn oder das Verbrechen erforschen, so könnte man auch unter Blumen nach Heldentum, Krankheit, Verstiegenheit fragen. Jede Kakteensammlung zeigt Füllen schnurriger und fratziger Gesichter. Die Flora der Tiefsee birgt Verbrechen und Schauder [...] Es gibt auch leidende neurotische Blumengesichter. Man blicke ins Antlitz der Mimose, der totenblassen Silberpappel, die jede Luftveränderung zitternd meldet oder jener hängenden Zypresse, die Totengewölbe baut."

Theodor Lessing hatte die Welt als aphoristische Details in sich, die er immer wieder assoziativ kombinierte. Er ließ sich nicht mit systematischer Logik in einen Gegenstand hineinzwingen, denn diese Logik hatte schon zuviel Unglück angerichtet in der Welt der Väter, die er ablehnt.

Sigmund Freud analysierte die Psyche Lessings im Zusammenhang mit dem von Theodor Lessing 1930 formulierten "jüdischen Selbsthaß":

"[Der Selbsthaß] mag in der Art zustandekommen, daß man seinen Vater intensiv haßt und sich doch mit ihm identifiziert, das ergäbe den Selbsthaß und die auffällige Zerrissenheit."

1930 bekam der heute umstrittene Begriff des "jüdischen Selbsthaß" in Lessings gleichnamigen Buch fast noch einen Ehrenplatz:

"Das Phänomen der Selbstquälerei, der Selbstverachtung, des Selbsthasses, das wir zu betrachten hatten, erscheint fast wunderbar, fast wie ein Symbol einer ganz anderen als irdischen Welt, wenn wir klar vor Augen haben, in welcher Bestienwelt wir wohnen, wie überall die Selbstsucht als das ganz Selbstverständliche gilt, wie überall das Niederträchtige das Natürliche ist und wie die Enge des Herzens (und des Kopfes) dazu immer und überall die Regel zu sein scheint."

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